Hitler in Wien, als junger Mann, der nichts lieber wollte, als Student an der Kunstakademie werden. Eine idyllische Vorstellung, von einer Realität, die, wäre sie eingetroffen, den schlimmsten aller Kriege und den perversesten Genozid aller Zeiten verhindert hätte, wäre er nur ein etwas talentierterer Maler gewesen. Zynisch und zuweilen derbe geht es auch in der Groteske Mein Kampf zu, in der diese Zeit in Wien behandelt wird und dabei ganz verschroben schräge wie fiktive Profile eines jungen Hitlers entworfen werden. Leider ist alles derart verquer, dass der Film als Psychogramm nicht taugen will, und die beste Satire zu Hitler ist ohnehin seit 70 Jahren abgedreht.
Es ist Ende 1924. Adolf Hitler wird nach Verbüßung von lediglich sechs Monaten einer eigentlich fünfjährigen Haftstrafe, die er nach seinem gewaltsamen und missglückten Regierungsputsch-Versuch ein Jahr zuvor erhielt, aus der Haft entlassen. Dort, in Zuständen, die manch Gast eines 2-Sterne-Hotels hätten neidisch werden lassen, verfasst er den ersten Teil seines Buches Mein Kampf, im dem er bereits detailliert seine größenwahnsinnigen Ideen skizziert, die er nachher tatsächlich in die Tat umsetzen wird.
Soweit die Tatsachen, zu dem Entstehen dieses Buches. Der Kinofilm, der den gleichen Titel trägt und frei auf dem, inzwischen berühmt-berüchtigten, satirischen Theaterstück Georg Taboris basiert, das als surreales Kammerspiel vom jungen Adolf Hitler handelt, setzt zu seiner Wiener Zeit an. Damals lebt Hitler (fiktiv) als mittelloser, freischaffender Künstler gemeinsam mit einer Reihe gutherziger und weiser Juden in einem Obdachlosenasyl; nimmt zugleich aber schon Kontakt zu einigen nationalistischen Gruppen auf und entwickelt im Keim bereits sein abscheuliches rassenideologisches Gedankengut.
Versucht man das zeitgeschichtlich einigermaßen korrekt einzuordnen, muss es sich um die Jahre 1909, 1910 bis 1913 handeln. Tatsächlich hielt sich Hitler bereits ab September 1907 in Wien auf. Dank einer Halbwaisenrente sowie Unterstützung durch seine Mutter war er finanziell unabhängig. Er bewirbt sich während dieser Zeit zwei Mal um Aufnahme als Maler an der Wiener Kunstakademie und scheitert. Mit dem Verkauf von Bildern und selbstgemalten Postkarten und seinem eigenen finanziellen Mitteln hat er aber prinzipiell trotzdem ein ordentliches Auskommen. Belegt ist es demnach nicht, dass er wirklich obdachlos war.
In Urs Odermatts filmischer Adaption landet der halbverhungerte junge Adolf Hitler (Tom Schilling) in einem Obdachlosenheim, in dem einige Künstler und Wiener Juden untergekommen sind. Einer von ihnen ist Schlomo (Götz George) und sein bester Freund Lobkowitz (Bernd Birkhahn). Hitler gelingt es beinahe, sich schon in der ersten Nacht bei Schlomo unbeliebt zu machen. Seine laute und poltrige Art, die nicht gerade von guten Manieren zeugt, missfallen dem alten weisen Juden sehr. Glücklicherweise hat dieser aber ein großes Herz und nimmt sich des jungen Wirrkopfs an, ohne zu wissen, was für eine Schlange er da an seiner Brust nährt.
Weniger als man meinen möchte, steht aber tatsächlich die Person Adolf Hitlers im Mittelpunkt des Films. Bereits damit disqualifiziert sich der Streifen als Psychogramm eines jungen Hitlers. Überdies ist historisch so viel zeitlich in der Schilderung durcheinander, dass man nicht einmal chronistisch Wahrheiten extrahieren sollte. Eindeutig richtig ist höchstens, dass Hitler in Wien gelebt hat und auf die Kunstakademie wollte. Der Film verlegt aber die Wurzel des Bösen, in dem seine irrsinnigen Vorstellungen eines arischen Deutschland später mündeten, bereits in diese Lebensphase; eine These, für die es keinerlei Belege gibt.
Hitler entfaltete sein politisches Wirken in München, nachdem er aus dem I. Weltkrieg zurückkehrte und aus dem er weitaus mehr als leichte physische Traumata mitbrachte. Solche Wahrheiten sind in dieser derben wie zuweilen bizarren Groteske, bei der so einiges Kopf steht, ohnehin eher Randnotizen. Und die Bühne in Mein Kampf gehört eindeutig Götz George, der regelrecht tief symbolhaft für das ganze jüdische Volk agieren darf und voll Herzenswärme sein Wissen und seine Erfahrung mit dem jungen Hitler teilt. Dieser verkehrt alle weltanschaulich-friedvollen Thesen Schlomos ins Gegenteil, er will regelrecht alles falsch verstehen und pervertiert jede Form von Weisheit, die man ihm angedeihen lässt.
Der Kern der ursprünglich gewollten Satire mag in diesen Momenten durchschimmern, leider überdecken aber eine Reihe von Elementen die eigentliche Zielsetzung: historisch wirr, voll von Fakten, Halbwahrheiten und Erfundenem, präsentiert sich Mein Kampf sehr unausgegoren; Tom Schilling nimmt zudem vieles in der Figur des jungen Hitlers an Mimik, Gestik , Duktus und auch in puncto Weltanschauung vorweg; und über allem breitet Götz George sein ganzes Gewicht wie Potenz als Schauspieler (bis hin zu ausufernder Theatralik) aus und erdrückt damit regelrecht jeden Ansatz, über das verquere Mentor-Schüler-Verhältnis hinaus, etwas nennenswertes erzählen zu können. Mein Kampf macht es dem Publikum somit schwer, etwas für sich herauszuziehen und fügt der Charakterisierung eines Adolf Hitlers auch nichts wirklich hinzu.