Zwei Jahre nach dem heftigsten Filmriss der Kinogeschichte findet sich das Wolfsrudel in Bangkok wieder, wo Stu heiraten wird. Sofern die Freunde es schaffen, den irgendwie verlorengegangen minderjährigen Bruder der Braut lebend in der 12-Millionen-Metropole aufzutreiben. Der Zuschauer begegnet einer Vielzahl der einzigartig ausgearbeiteten Charaktere des Überraschungserfolges von 2009 wieder und darf herzlich lachen über die neuesten Verwicklungen, in die die Freunde diesmal geraten. Gelungene, würdige Fortsetzung des ersten Teils, nicht ganz so überraschend, aber dafür umso solider konstruiert, um eventuelle weitere Fortsetzungen zu ermöglichen.
Nachdem er zwei Jahre zuvor seine anmaßend anspruchsvolle Freundin endlich zum Teufel geschickt hat, kann der sanftmütige Zahnarzt Stu sich glücklich schätzen, in der umwerfenden Lauren aus Thailand endlich die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Nun steht also die Hochzeit an, und die wird, traumhafter geht es kaum, an einem wunderbaren thailändischen Strand im Kreise der Familien stattfinden. Natürlich sind Stus alte Freunde Doug und Phil mit eingeladen, es soll eine ganz ruhige, gemütliche Angelegenheit mit Stil werden.
Wäre da nicht Alan, der Schwager von Doug (eingeheiratet am Ende von Hangover, wir erinnern uns), der sich ganz selbstverständlich als Teil dieses Freundeskreises betrachtet und davon ausgeht, natürlich auch eingeladen zu sein. Um des lieben Friedens Willen wird ihm dieser Traum erfüllt, und unter dem Schwur, dass diesmal keine Exzesse wie beim letzten Mal zu passieren haben, bricht das "Wolfsrudel" nach Thailand auf.
Am Morgen nach der Ankunft im paradiesischen Ferienressort und einem Bierchen am nächtlichen Strand wachen Phil, Stu und Alan völlig verkatert und verstrahlt in einer total versifften, kakerlakenverseuchten Bruchbude inmitten einer asiatischen Metropole auf. Nicht nur müssen sie sich fragen, wie sie hierhin gekommen sind, auch fehlt Teddy, der 16-jährige Bruder der Braut, der unter ihrer Obhut stand. Als sei dem nicht genug, fängt der Tag auch noch mit dem Auffinden eines abgehackten Fingers, einer Leiche und einem dressierten, kettenrauchenden Äffchen im besagten Apartment an. "Ich fasse es nicht, dass uns das wieder passiert" ist noch die sanftmütigste Feststellung, die in dieser Situation abgegeben wird.
Es folgt eine weitere Wolfsrudel-Tour der Wahrheitsfindung, diesmal durch Bangkok, schwül und verschwitzt, taumelnd und torkelnd, mühsam einmal mehr die Puzzleteile der vergangenen Nacht zusammensetzend. Das große Ziel ist, Teddy wiederzufinden, natürlich nicht nur, damit der strenge Schwiegervater in spe Stu und Lauren seinen Segen gibt.
Die Spur der Verwüstung in diesem Film ist eindeutig gewaltiger als in Las Vegas, ebenso das kriminelle Potential rund um das Nachtleben in Bangkok. Was vor zwei Jahren noch in einem Faustschlag durch Mike Tyson kulminierte, ist nun bereits eine Schießerei und die (ihnen selbst natürlich gänzlich unbekannte) Verstrickung der Freunde zwischen den Fronten gefährlicher mafiöser Gruppen.
Es geht also richtig ernst zur Sache diesmal, eine notwendige wie logische Weiterentwicklung des Grundthemas des Überraschungserfolges Hangover von 2009. Doch genau wegen dieses Erfolges wird Hangover 2 es schwer haben, das Publikum so sehr zu begeistern wie der Vorgänger. Barg fast jede neue Szene noch eine völlig überdrehte Überraschung, so fehlt dieser Vorteil in der Fortsetzung, da jeder Zuschauer natürlich nichts anderes erwartet als überdrehte Überraschungen.
Regisseur Todd Philipps versucht, diese absehbare Problematik zu umschiffen, indem er die Erwartungshaltung der Zuschauer gar nicht so weit wachsen lässt: Diesmal haben die Hauptfiguren deutlich mehr Ahnung, was zu tun ist, um aus der Misere herauszukommen, und so verfolgen sie fast Sherlock Holmes-artig jeden Hinweis, der sich ihnen auftut. So wird aus der chaotischen Opferrolle des Wolfsrudels aus dem ersten Teil nun die Rolle einer kontrollierten, aktiven Beeinflussung des eigenen Schicksals - zugegebenermaßen nicht weniger chaotisch, und mit nicht weniger Rückschlägen.
Dadurch wird der Film zwangsweise weniger witzig und überraschend als der Vorgänger. Doch hätte Philipps diesen Übergang nicht vorgenommen, hätte er den Figuren eine Weiterentwicklung versagt, was beim Filmemachen ein weit schlimmerer Kardinalfehler ist. Ein gutes Beispiel für die nichtexistente oder nur langsame Weiterentwicklung von Charakteren ist die Police Academy-Reihe. Hier amüsiert man sich im Grunde immer wieder nur über denselben Gag, doch der tatsächliche Gehalt fehlt. Deswegen ist die Entscheidung, die Charaktere auf Kosten der burlesken Witzigkeit des Films weiterzuentwickeln, goldrichtig. Da sie sich mit Schrecken an den letzten Junggesellenabend erinnern, ist es ja besonders pikant, dass sie die Signifikanz der Situation in ebendiesem Lichte selbst erkennen.
Wer Hangover nicht kennt, tut gut daran, dies vor dem Kinobesuch nachzuholen, zu viele Insidergags würden sonst verschenkt. Definitiv eine Empfehlung für einen gelungenen Kinoabend, einzeln oder vielleicht sogar irgendwo im Double Feature. Bleibt nur noch zu mutmaßen, wie ein dritter Teil aussehen könnte: Der einzig unverheiratete im Wolfsrudel ist nun der betuchte Oberchaot Alan, und Heather Graham (die Stripperin Jade aus dem ersten Teil) ist ebenfalls wieder zu haben. Auch dürfte ein legitimer Vorschlag an Todd Philipps und das Autorenteam sein, dass man sich die mit Abstand heftigsten Kater der Welt immer noch auf dem Münchner Oktoberfest holt.