Besonders viele Filme dreht Terrence Malick nicht. Umso gespannter ist seine Fangemeinde, wenn es wieder soweit ist. Sein neuestes Werk, das sich als Familiendrama tarnt, stellt in Wirklichkeit einen transzendenten Versuch dar, alles Sein zu erklären, von den ersten Augenblicken nach dem Urknall, über die Entwicklung des Lebens, bis in die Endzeit. Das Spirituelle wird hierbei nicht ausgeklammert. Neben der Naturmystik fließt viel Biblisches ein, was den Film, dessen Grundthema das der Gnade ist, zu einem Zweikampf zwischen dem christlichen Gott und der Natur werden lässt. Ein Dilemma, das nur existiert, wenn man auch bereit ist, Malicks Prämissen zu akzeptieren.
Der Regisseur Terrence Malick, dem man Filme wie New World oder Der schmale Grat verdankt, gehört sicherlich zu den ungewöhnlicheren Filmemachern Hollywoods. Beim eher kunstaffinen Publikum werden seine Filme wegen ihres besonderen Stils, der irgendwo im Esoterischen wie Visionär-Traumgängerischen angesiedelt ist, gehypt; viele andere, deren Filmverständnis eher davon geprägt ist, gute Geschichten sehen zu wollen, wissen seinem Schaffen hingegen wenig abzugewinnen. Beim Filmfestival in Cannes 2011 gewann sein aktueller Film The Tree of Life die Goldene Palme, nach der Vorführung gab es vom Publikum allerdings auch lauthals Buhrufe.
Wie schon 1998, bei seinem (Anti-)Kriegsfilm Der schmale Grat steht wieder Sean Penn vor der Kamera. Der Umfang seiner Rolle fällt allerdings übersichtlich aus. Dafür wurde mit Brad Pitt ein weiterer Star verpflichtet, dessen Filmcharakter eine weitaus zentralere Bedeutung zukommt. Zeitlich siedelt sich der konkrete Teil der Geschichte in den 1960er Jahren an, lässt aber auch Ausblicke auf das Jetzt und auch darüber hinaus zu. Genau genommen, existiert in The Tree of Life Zeit ohnehin nicht mehr denn als bestenfalls diffuse Größe.
Jack O'Brien (Hunter McCracken) lebt gemeinsam mit seinen drei Brüdern und seinen Eltern (Brad Pitt und Jessica Chastain) irgendwo im mittleren Westen der USA. Prinzipiell gibt es bei den O'Briens wenig Außergewöhnliches zu beobachten. Der Vater geht arbeiten, die Mutter hält zuhause die Stellung, behütet und umsorgt liebevoll die Kinder; während der Ernährer seine heimischen Pflichten als Patriarch wahrnimmt und mit strenger Liebe und Disziplin seine Söhne auf die Härten des Lebens vorbereitet. Seine Auffassung von Erziehung fördert allerdings Konflikte: Nicht nur seine Söhne rebellieren zuweilen, auch seine Frau stellt sich gegen ihn, um ihre Kinder zu beschützen. Als der älteste Sohn im Alter von 19 Jahren plötzlich ums Leben kommt, bleiben alle traumatisiert zurück.
Jahrzehnte später wallen Erinnerungen in Jacks erwachsenem Ich (Sean Penn) hoch. Er versucht, in dem damaligen Geschehen einen Sinn zu finden und stolpert, als verlorene Seele in der Gegenwart herum, während ihn Visionen plagen. Chronologisch entwirrt sich dem Zuschauer das alles nur widerspenstig: In elegisch-rauschartigen Bildern werden die Figuren zu Beginn nebulös eingeführt und Malick gibt gleich darauf ausgiebig seine Vorstellung von Kosmologie und Evolution zum Besten, bevor der Film dazu zurückfindet, die Familiengeschichte, das menschliche Drama, häppchenweise zu erzählen. Eines macht The Tree of Life allerdings von Beginn an und mit sakraler Opulenz klar: Im Universum ringen zwei elementare Kräfte miteinander. Malick nennt es Natur und Gnade; und man muss sich entscheiden, ob man den Weg der Natur (des Chaotisch-Animalischen) oder den der Gnade (des Göttlich-Christlichen) einschlägt.
Das klingt nicht nur nach altbacken-biblischer Moral, in der die Natur durch das Weib symbolisiert wird, als Eva den Apfel vom Baum der Erkenntnis pflückte und ihn Adam zu essen gab und damit die Schöpfung "verderbt wurde", das ist es sogar. Knapp ein Viertel der Zeit gehört dem visionären Teil, während nahezu durchgehend orchestral-tragende Musik (Brahms, Mahler, Smetana, Berlioz), alles dominiert. Malick leitet sein allumfassendes Schöpfungs-Epos mit Bildern ein, welche die Anfangssequenz von Kubricks 2001 - Odyssee im Weltraum vergessen machen sollen. In Schnelldurchlauf schreitet das Leben von der ersten Mikrobe bis zum Aufstieg der Dinosaurier voran und man lernt voller Verblüffung, dass selbst gierige Fleischfresser am Boden liegende Beute zuweilen (aus Gnade?) verschonen (vielleicht der Trend für die Jurassic Park-Fortsetzung). Selbst der Meteoriteneinschlag, der den Dinos den Garaus machte, darf nicht fehlen - denn schließlich vielen die Riesenechsen letztendlich doch in Ungnade.
Malick spannt den Bogen weit. Vom Anbeginn allen Seins bis in die Endzeit der Erde, wenn sie eines Tages, leblos und zur Eiswüste erstarrt, einen weit entfernten weißen Zwerg, der ehemals unsere lebensspendende Sonne war, umkreist. In der Zeit dazwischen ringt der Mensch um die (göttliche) Gnade, stolpert seinem imaginären Schicksal entgegen und rätselt fortwährend über den Sinn seiner Existenz, wie die stets wiederkehrende Stimme aus dem Off nahe legt. Ein wenig lädt dieses großambitionierte esoterisch-existenzielle Potpourri damit schon zu Spott ein, da ihm der Makel eines Welterklärungsversuches anhaftet. Und der ist ebenso unnötig wie unsinnig, gibt es doch sechs Milliarden Menschen, deren Universum sich individuell entfaltet und dessen Erlösung nicht zwangsläufig vom Prinzip der Gnade, wie es sich im Christentum findet, abhängt.
Ein Händchen für ausgesprochen schöne Bilder und transzendent-kosmologische Imaginationen kann man Malick allerdings nicht absprechen, wenngleich das alles mit einer gewissen Penetranz mitunter auch Fetischzüge anzunehmen vermag. Sein Filmgebäude wirkt im Grunde ohnehin überfrachtet: selbst in den puristischen Momenten, in denen die Familienstory im Mittelpunkt steht, wimmelt der Film vor religiöser Symbolik, wie Teller auf denen das Essen fein säuberlich dreigeteilt ist, worin sich durchaus eine Anspielung auf die Dreifaltigkeit sehen ließe. Mit Interpretationen ist bei diesem Film aber zuweilen schnell übers Ziel hinaus geschossen. Das gilt vor allem für die Frage, ob Malick tatsächlich völlig unreflektiert und ironiefrei seine Vision von In Gnade fallen via eines autoritären Gottesbildes transportieren wollte oder er insgeheim die Mutter als Messiasfigur aufbaute (dafür spräche die Demontage der Vaterfigur, die bei Infragestellung sich nicht anders als mit aufbrausendem Zorn und Strafe zu helfen weiß).
Sollte sein Christus sich also tatsächlich im Weiblichen spiegeln, wäre dies die Ad-Absurdum-Führung christlicher Dogmatik - wie sie im Film vordergründig massiv präsent ist - und ein Geraderücken der Evolutionsmystik die dieses Epos ebenfalls durchzieht. Jedem biologisch halbwegs Bewanderten sollte schließlich klar sein, dass die "Schöpfung" im Grunde weiblich ist und das Zutun des männlichen Parts, über die Zugabe von DNS, sich in Grenzen hält. Ob diese genialisch anmutende Antithese dem Meister aber nun wirklich vorschwebte, sollte besser jeder für sich selbst beantworten.
Auf jeden Fall sollte man sich vor dem Kinobesuch darüber im Klaren sein, dass The Tree of Life ein sehr spezieller Film ist, der sich um übliche erzählerische Konventionen nicht schert. Nicht umsonst wird Malicks Werken nachgesagt, dass man sie lieben oder hassen wird. In diesem Falle kann es allerdings sogar sein, dass dieses transzendente Konstrukt, das in seinem Anspruch irgendwie delirös-selbstverliebt wirkt, ganz simpel, nicht ernstlich zu berühren vermag.