Für manch einen ist der imaginäre zugleich auch der beste Freund. Für Walter wird eine Handpuppe, die wie ein Biber aussieht, zum Rettungsanker in seiner Depression. Sie übernimmt nicht nur das Reden für ihn, sondern regelt von nun an auch alles Zwischenmenschliche und Soziale, sowohl im Privaten wie im Beruflichen. Mel Gibsons zweiter Film nach längerer Leinwandabsenz führt in emotionale Abgründe von Depression und Persönlichkeitsspaltung. Leider gelingt es aus dem sehr interessanten Ansatz aber nicht einen komplett stimmigen Film zu machen, welcher der wahren Dimension solcher Erkrankungen gerecht wird.
Mel Gibson galt lange Zeit als Garant für klingelnde Kinokassen. Der Oscar-prämierte Schauspieler hatte sich überdies nicht nur Ruhm vor der Kamera erworben, auch als Regisseur und Produzent, beispielsweise für Apocalypto und Die Passion Christi wurden ihm Ehren zuteil. Wer so hoch oben auf seinem Karrierezenit schwebt, hat natürlich auch Kritiker und Neider, die ihm die öffentliche Anerkennung nicht gönnen. Und tatsächlich ist der ehemalige Top-Star in der Gunst der Studios inzwischen tief gefallen. Das führte sogar dazu, dass selbst Kollegen, die sich bereit erklärten, in Filmen mitzuwirken, die er produzieren wollte, ihm absagten.
Im Falle Gibson waren es aber nicht ein paar Fieslinge, die an seinem Hollywood-Thron sägten und ihn letztlich zu Fall brachten. Das hat er ganz alleine zuwege gebracht: Alkoholismus, Antisemitismus und Aggressionen, die dazu führten, dass er sogar Morddrohungen ausstieß, sorgten dafür, dass seine Auftritte auf der Kinoleinwand äußerst rar wurden. Und so ging auch der letzte Film, in dem er mit von der Partie war - Auftrag Rache, ein im Grunde solider Thriller - in der öffentlichen Wahrnehmung eher unter. Mit Der Biber, in dem Jodie Foster Regie führte und die weibliche Hauptrolle übernahm, sucht Gibson nun sein Heil in einer "Charakterrolle".
Drama-unerfahren ist Gibson nicht, wie er schon 1993 in Der Mann ohne Gesicht unter Beweis stellte. Das Thema diesmal ist aber nicht äußere Entstellung, sondern Depression.
Walter Black (Mel Gibson) ist der Chef einer finanziell angeschlagenen Spielzeugfirma. Zuhause ist er liebender Gatte und Vater, mit einem pubertierenden Teenagersohn (Anton Yelchin), der es ihm nicht immer leicht macht. Das alles wäre noch kein Grund, das Handtuch zu schmeißen. In ihm lauert aber wie ein heimtückisches Biest die Krankheit - die Depression. Auf einmal ist er nicht mehr der alte, entfremdet sich von seiner Familie, gibt sich dem Alkohol hin (ein klein wenig mutet es an, als würde Gibson etwas von seiner eigenen Vergangenheit aufarbeiten). Seine Frau Meredith (Jodie Foster) setzt ihn daraufhin kurzerhand vor die Tür. Damit wird für Walter nun alles komplett sinnlos, und letztendlich sieht er nur noch einen Ausweg.
Was ihm hilft, am Leben festzuhalten, ist kurioserweise eine alte Handpuppe, die wie ein Biber aussieht, welche er aus dem Müll kramt. Fortan wird der Biber zu seinem Sprachrohr und gewisser Maßen auch zu einer Art Vormund. Tatsächlich bessert sich seine Lage damit, er findet sogar wieder einen Zugang zu seinen Kindern und nähert sich seiner Frau an. Wo immer er aber auch nun hingeht und was immer er auch macht: Die Handpuppe bleibt dran und der Biber spricht an seiner Stelle. Das führt zuweilen zu sehr skurrilen Situationen, wie einem Restaurantbesuch von Walter und Meredith, das sich als Dinner zu dritt entpuppt, bei dem Meredith sich ausschließlich mit dem Biber unterhalten muss.
Der Biber ist über weite Strecken eine reine Mel-Gibson-Performance-Show. Dass die Handpuppe dabei all die Facetten der Persönlichkeiten seiner Filmfigur widerspiegelt, die durch die Krankheit verschüttet wurden, ist nicht gerade subtil in Szene gesetzt, wirkt aber dennoch nachvollziehbar und glaubwürdig. Gibson macht seine Sache wirklich nicht schlecht: zwar spielt er sich nicht gerade die Seele aus dem Leib, dennoch nimmt man ihm den seelisch desolaten Zustand seines Filmegos und die innere Zerrissenheit ab. Jodie Foster ihrerseits als weiblicher Widerpart agiert relativ zurückgenommen (wahrscheinlich konzentrierte sie sich auf die Regie), punktet aber gerade damit; spielt sie doch sonst oft Rollen, die in weinerlich-hysterischen Gefilden beheimatet sind.
Trotz vieler guter Ansätze gelingt es dem Film insgesamt nicht stimmig zu wirken. Das liegt zum einen an dem Maß an Komik, das durch die Hinzunahme der Handpuppe unvermeidlich in die Geschichte kommt, als auch an einem Gefühl, das von den Machern sicherlich nicht gewollt war, sich dennoch automatisch einstellt und hartnäckig nicht weichen will. Die schräge Form, diese Thematik anzugehen, verleitet schlichtweg dazu, sich gefühlt in einer Satire zu befinden. Das wird der Bedeutungsschwere dieser Erkrankung selbstverständlich nicht gerecht; es fällt aber ungemein schwer, bei einer Art "Muppet-Show" dieses abzustellen.
Weitaus negativer noch fällt ins Gewicht, dass die spannende Dynamik zwischen Gibson und dem Biber, den er mit anderer Stimme und verändertem Duktus im Gegensatz zu seiner Filmfigur ausstattet, nicht konsequent ausgelotet wurde. Tendierte die Handlung lange irgendwo zwischen Allerwelts-Familiendrama und (unfreiwilliger) Groteske, kippt sie gegen Ende unversehens ins Schizophren-Psychotische, geradewegs so, wie die Handpuppe eine eigenständige Persönlichkeit entwickelt. Das auszukosten wäre einen eigenen Film wert gewesen, stattdessen verlegte man sich aber final wiedermal auf das Versöhnlich-Positivistische. Ob Gibson sich damit nachhaltig wieder ins Gespräch zu bringen vermag, darf angezweifelt werden.