Sie sind mehrere hundert Jahre alt und immer noch so frisch wie eh und je. Die Stücke von William Shakespeare zählen besonders bei den Briten weiterhin zu den gern gewählten Skriptvorlagen. Durchaus auch mal als zeitgenössische Adaption, wie hier in Ralph Fiennes' Regiedebüt. Nur den Kontext, den hat er leider in der Vergangenheit vergessen.
In der US-Sitcom Friends gab es mal eine Folge, in der Matt LeBlancs Schauspieler 'Joey' mit Gary Oldman als renommiertem Star 'Richard Crosby' arbeiten durfte. Nur spuckte der ihn beim Vortragen der Dialoge immerzu voll. Darauf hingewiesen teilte er eine Weisheit mit Joey: "That's what real actors do". Bei deutlicher Aussprache spucke man eben. Und weil das nun mal das ist, was echte Schauspieler so machen, spuckt und speit Ralph Fiennes in seinem Regiedebüt Coriolanus ebenfalls bis ihm der Geifer am Kiefer hängt.
Für jenes Debüt wählte sich das Mitglied der Royal Shakespeare Academy, ähnlich wie schon seine Kollegen Laurence Olivier und Kenneth Branagh vor ihm, ein Stück des Barden aus. Bemerkenswerterweise jedoch nicht den "Hamlet", sondern mit dem rund 400 Jahre alten "Coriolanus" die letzte Tragödie Shakespeares, die als eines seiner reifsten Werke gilt und insbesondere von T.S. Eliot sehr geschätzt wurde. Gemeinsam mit Brian Cox und Vanessa Redgrave, zwei weiteren Mitgliedern der RSA, widmete er sich dem unbeherrschten Krieger.
Als Caius Martius gibt Fiennes den vollkommenen Soldaten: grausam gegenüber dem Feind, seinem Vaterland treu bis in den Tod ergeben. Hinzu kommt seine Abstammung aus einem patrizischen Adelsgeschlecht, die ihm wiederum Hochmut und Abschätzigkeit gegenüber dem einfachen Plebs verleiht. Weil dieser jedoch mittels zweier Tribune mehr Macht im Staat erhalten soll, ist der Kollisionskurs vorbestimmt. Einen Klassengegner können weder Volk noch Tribune zum Konsul Roms ernennen, die Verdienste von Martius fürs Land hin oder her.
Während die eine Seite also Intrigen spinnt, versucht das "coriolanische" Lager, Martius dazu zu bewegen, von seinen persönlichen Standpunkten abzuweichen. Oder sie zumindest nicht öffentlich kundzutun. Und wenn auch Martius, der seinen Beinamen "Coriolanus" einer gewonnen Schlacht in der Stadt Corioles verdankt, aufgrund seiner aufbrausenden Art keine wirklich sympathische Figur ist, muss man ihr doch Respekt zollen, wie sie ihre Standpunkte vertritt. Selbst wenn dies den Tod oder, für einen Soldaten wohl schlimmer, das Exil bedeutet.
Und wo wir alle bisherigen Parteien bisher auf ihre Weise ganz gut nachvollziehen konnten, die Plebejer, Martius und das ihm wohl gesonnene Lager um seine Mutter Volumnia und Patrizier Menenius, so gibt es mit Tullus Aufidius und seinen Volskern eine weitere Größe in Shakespeares Kalkulation, die zumindest in Fiennes' Adaption nicht vollends überzeugen will. Denn die Rolle der Volsker wird in Coriolanus nicht wirklich klar. Was auch daran liegt, dass Fiennes das Geschehen zwar ins Hier und Jetzt verlagert, aber ohne echten Kontext.
So wirkt Aufidius mal wie ein einfacher Warlord, ein anderes Mal könnte man meinen, er sei selbst ein alter Verstoßener Roms, dem es nach Gerechtigkeit verlangt. Die Agenda des alten italischen Volksstammes, der mehrere hundert Jahre in der Antike Krieg mit Rom pflegte, ist in Fiennes' Film nur bedingt einsehbar. Was auch daran liegt, dass der Brite seine Geschichte reichlich theatralisch inszeniert, was in einem Film nur bedingt hilft. Wo Baz Luhrmann sein Verona in Romeo+Juliet lebendig machte, bleibt Fiennes' Rom ein bloßer Name.
Selbst vom volskischen Antium, hier eine schmucke Küstenstadt, erhalten wir ein besseres Bild, das es wiederum erschwert, zu verstehen, was genau den Konflikt von Aufidius mit Rom im Allgemeinen und Martius im Speziellen entfachte. Daher gerät insbesondere der letzte Akt ein wenig ins Stocken, wenn die verschiedenen Interessen aufeinanderprallen. Hier wäre, so richtig und gelungen die zeitgenössische Adaption auch ist, etwas mehr kontextuelle Verortung wie in Hamlet (2000) oder Nelsons O (2001) gefragt gewesen.
Ansonsten ist Coriolanus eine ansehnliche und bisweilen faszinierende Adaption des shakespeareschen Stoffes geworden, in der besonders Fiennes als geifernder Soldatenleader und Redgrave als kühl-kalkuliertes Patrizieroberhaupt im Gedächtnis bleiben. Gerard Butler untermauert, dass ihm dunklere Figuren weitaus besser liegen, während das übrige Ensemble so spielt, wie man es von ihm gewohnt ist. Lediglich Jessica Chastain wirkt ein wenig unterfordert, bleibt ihre Virgilia in der Handlung doch so blass wie die Haut der Kalifornierin.
Dennoch weiß Fiennes' Regiedebüt als eine Shakespeare-Verfilmung der etwas anderen Art prinzipiell zu überzeugen. Das Kriegssetting mit Balkanflair, das Shakespeare-erprobte Ensemble, die allgemeine Grundstimmung sind allesamt passend, einige Kameraeinstellungen dafür zwar ungewöhnlich gewählt, aber nicht zwingend schlecht. Mit einer makrokosmischen Inszenierung wäre Coriolanus vermutlich noch homogener ausgefallen und dem Publikum die Spucke weggeblieben. Vielleicht fehlte es ja nur an einer deutlichen Aussprache.