Kaum ein Thema wird derzeit derart kontrovers diskutiert, wie das der Atomkraft. Für die Befürworter ist sie ein Segen, eine unverzichtbare Brückentechnologie, für die Gegner ein unkontrollierbares Übel, das allein mit dem Problem der Endlagerung radioaktiver Abfälle einem Suizid auf Raten gleichkommt und im schlimmsten Fall zur Katastrophe führt. An einem Samstag rückt die Menschen in der Tschernobyl nahe gelegenen Stadt Prypjat, unmittelbar einen Tag nach dem GAU, in den Mittelpunkt, die die Katastrophe nicht wahrhaben wollen und zunächst weitermachen wie bisher. Tragik-komische Geschichte, die zuweilen ins Groteske umschlägt und sich leider nicht völlig klar entschlüsselt.
Für viele war der GAU lange eine rein statistische Größe. Der Fall der Fälle, der nur einmal in einer Million Jahre auftritt. Und doch: Nachdem die ersten Atommeiler in den 1950er Jahren an die Netze gingen, dauerte es nur wenige Jahrzehnte bis solch ein GAU eintrat: An einem Samstag, am 26. April 1986, ereignete sich im sowjetischen (heute: Ukraine) Atomkraftwerk in Tschernobyl in einem der Reaktorblöcke eine Kernschmelze. Der größte anzunehmende Unfall war eingetreten. Über die Gesamtzahl der tatsächlichen Toten kann bis heute nur spekuliert werden. Die Zahl jener, die an den Folgen der Verstrahlung bis heute verstorben sind, wird (inoffiziell) auf 40.000 - 100.000 geschätzt. Die Zahl der Invaliden soll zwischen 500.000 - 900.000 liegen. Und noch immer strahlt der inzwischen in einen Beton-Sarkophag gehüllte Reaktorblock 4 vor sich hin.
Dokumentationen über Tschernobyl gab es in den letzten 25 Jahren reichlich. Mit An einem Samstag nimmt sich nun Alexander Mindadze, einer der renommiertesten russischen Filmemacher, des Themas an und liefert einen "Katastrophenfilm der anderen Art" ab. Der Film spielt am Tag nach dem GAU. Hauptfigur Valentin Kabysch (Anton Shagin), ein junger parteitreuer Ingenieur, bekommt mit, wie die Verantwortlichen die Katastrophe der Kernschmelze kleinreden und wird zum Stillschweigen verdonnert. Ihm sind die Konsequenzen sofort bewusst; und obwohl die Kameraeinstellungen einen Blick auf das rotglühende Desaster schon von weitem eröffnen, so wie es sich auch der übrigen Bevölkerung präsentiert haben wird, ignorieren die meisten die Katastrophe.
Valentin hingegen ist klar, dass der Aufenthalt in diesem Gebiet einem Todesurteil gleichkommt. Er möchte so schnell als möglich aus dieser Zone raus, allerdings nicht ohne seine Liebste, Vera (Svetlana Smirnorva-Martsinkievich). Gemeinsam eilen sie zum Bahnhof. Das Schicksal scheint sich aber gegen sie verschworen zu haben. Banalitäten, wie ein abgebrochener Schuhabsatz, sorgen dafür, dass sie den Zug verpassen. In der Folge stolpern sie von einer absurden Situation in die nächste: Sie halten sich auf mit dem Kauf rumänischer Importschuhe, Valentin muss plötzlich auf der Hochzeit seines besten Freundes als Musiker aushelfen, trinkt und feiert mit, bis er sogar in eine handfesten Schlägerei verstrickt wird.
Hier reizt Mindadze die Kraft des Makaberen über die Maßen aus. Die tragik-komische Situation des Paars (wohlgemerkt nicht die Katastrophe an sich), gerät zusehends zur Groteske, in der das menschliche Gemüt den Schlüssel zum Umgang mit dem Schicksal enthält. Hautnah sitzt die Handkamera dabei den Protagonisten im Nacken, die Bilder sind ungeschminkt und die Schnitte hart. Man mag sich darüber streiten, ob es dem Filmemacher eher darum ging, die menschliche Fähigkeit der Ignoranz und der Verdrängung vorzuführen, indem er an diesem verhängnisvollen Samstag (zunächst) alles seinen normalen Gang gehen lässt: die Kinder spielen auf der Straße, die Menschen feiern und tanzen - regelrecht einen Tanz am Abgrund; oder ob es Portrait eines Menschenschlages sein sollte, der umso größer die Gefahr, desto tolldreister ihr ins Antlitz lacht; eine Art Trotzreaktion ebenso unbekümmerter wie unbeugsamer Seelen, die wissen, dass sie das Schicksal nicht beeinflussen können.
Mindadze gleitet seine Inszenierung allerdings phasenweise ins zu Künstlerische und Allegorische ab. Das wird zudem besonders anstrengend, da der Zuschauer sich zu Recht fragen muss, ob man nun in jeder Wendung eine versteckte Metapher suchen sollte. Obendrein verliert der Regisseur zusehends seine Protagonisten aus dem Auge. Die Kamera mag zwar noch an ihnen haften, doch die Innenleben bleiben verschlossen, da sich zu vieles außen herum abspielt. Zu viel Zeit wird insgesamt an Nebenkriegsschauplätzen vertrödelt, die sinniger gefüllt hätte werden können. Eine Erdung des Geschehens findet erst wieder statt, als die ersten Strahlenopfer in die Stadt gelangen und sich darauf besonnen wird, dass es eigentlich dem unsichtbaren Tod zu entkommen galt. Die finalen Bilder lassen aber wenig Gutes erahnen. Sie wirken düster-unheilvoll und "wagneresk": Der Mensch prozessiert an der gefallenen Gottheit der Wissenschaft vorbei, wirklich von ihr loskommen kann er aber nicht.
Als dieser Film gemacht wurde, galt es einem Ereignis zu gedenken, das ein Vierteljahrhundert zurück liegt. In unseren Tagen wird diese Rückschau durch das aktuelle Geschehen in Japan allerdings überlagert. Galt Tschernobyl bisher als der größte atomare Unfall, sind die Folgen durch die Kernschmelzen in den Reaktoren von Fukushima noch überhaupt nicht absehbar. Anders als in Tschernobyl, in dem die Katastrophe durch menschliches Versagen ausgelöst wurde, ging in Japan eine Naturkatastrophe voraus. Identisch ist aber der Umgang der Verantwortlichen mit dem Geschehen: Wieder mal wurde alles kleingeredet und der Öffentlichkeit die Wahrheit nur Scheibchenweise aufgetischt. Insofern bleibt es traurige Realität: Ob Ukraine, Japan oder sonst wo, die Bevölkerung ist immer die gelackmeierte und wirklich tun kann sie, solange irgendwo auf der Welt noch Reaktoren existieren, nicht viel dagegen.