Als der zwölfjährige Sho ein winziges Mädchen im Garten der Villa seiner Großtante entdeckt, traut er seinen Augen nicht. Doch der herzkranke Junge hat sich nicht getäuscht, denn die 14-jährige Arrietty ist ein Borger und lebt mit ihren Eltern versteckt unter der Veranda. Gegen alle Regeln wächst eine Freundschaft heran. In dem wunderbaren Ghibli-Märchen Arrietty - Die wundersame Welt der Borger helfen die Kleinen den Großen und umgekehrt.
Ein Fall für beste Kinderunterhaltung ist noch immer Mary Nortons Kinderbuchreihe "Die Borger" (1952-84). Nach mehreren Kinofilmen (zuletzt 2003: Ein Fall für die Borger) und zwei TV-Serien hat sich nun das japanische Animationsstudio Ghibli in Person von Hiromasa Yonebayashi um den Klassiker-Stoff bemüht. Das Regiedebüt des erfahrenen Zeichners fügt sich nahtlos ein in die Reihe wunderbarer Animationsfilme, mit denen Meister Hayao Miyazaki und Kollegen alle Jahre die Kinogänger in aller Welt erfreuen.
Dabei verblüfft die Zeichentrickfilm-Schmiede wieder einmal mit einer verschwenderischen Farbenpracht und einem liebevollen Detailreichtum, die eine sensible wie bewegende Geschichte illustrieren und damit bestens unterhalten. Der Kontrast zu den lauten und schnell geschnittenen Blockbuster-Filmen könnte nicht größer sein. Yonebayashi lässt Bilder sprechen und gibt ihnen auch Zeit zu wirken. Wie so oft umweht ein Hauch von Melancholie die heitere Geschichte, denn auch dieses Mal ist nicht alles "eitel Sonnenschein".
So beginnt die Erzählung an einem überaus ernsten Moment im Leben des zwölfjährigen Sho. Dieser leidet seit seiner Geburt unter einem Herzfehler und bedarf der absoluten Schonung. Eine schwierige Operation steht an, die sein Leben retten soll, aber auch sein Tod sein könnte. Sho hat Angst und längst jede Lust an seinem kranken Dasein verloren. Das liegt auch daran, dass sich der Vater von der Mutter getrennt hat und diese ebenfalls ständig beruflich unterwegs ist - selbst in diesen Tagen vor der anstehenden Operation. Mutter hat Sho in die abseits gelegene Villa ihrer Kindheit nach Koganei westlich von Tokio verfrachtet, wo sich Großtante Sadako und die alte Haushälterin Haru um ihn kümmern sollen.
Dort lebt unter der Veranda auch die Borgerfamilie der neugierigen Arietty. Die 14-jährige ist der ganze Stolz von Papa Pod und die größte Sorge von Mama Homily. Die 10 Zentimeter großen Wesen finden ihr Auskommen, indem sie von den Großen borgen. Dass dies gefährlich ist, zeigt sich bei Shos Ankunft. Im Dschungel des Gartens hat Arrietty die Katze übersehen und kann sich nur deshalb retten, weil sich auch die freche Krähe einmischt. Dabei entdeckt Sho die kleine Arrietty und ist sofort mehr Feuer und Flamme für sie, als gut für ihn ist.
In der Nacht darf Arrietty erstmals Papa Pod hinauf ins Haus begleiten, um das Borgen zu erlernen. Nachdem sie Zucker in der Küche eingepackt haben, zeigt Pod seiner Tochter ein Puppenhaus in Shos Zimmer. Das wäre wie geschaffen für die Borger. Dabei entdeckt Sho das Mädchen erneut und spricht sie an. Diese lässt vor Schreck den Zucker fallen und flüchtet. Sie weiß, dass eine Kontaktaufnahme mit den Menschen verboten ist. Laut dem alten Borgergesetz müssten sie sofort umziehen, falls Pod herausbekäme, dass sie von einem Menschen gesehen wurde. Doch Arrietty kann nicht anders, als erneut die Nähe des Jungen zu suchen.
Dabei hat Papa Pod immer wieder gesagt, dass den Großen nicht zu trauen ist. Bald scheint sich das zu bestätigen, als die alte Haru die Wohnung der Borger unter den Dielen findet...
Auf dem Frankfurter Filmfestfestival Nippon Connection gewann Arrietty im April mühelos den Wettbewerb um den Nippon Cinema Award. Zuvor hatte das liebevolle Märchen schon den japanischen Filmpreis für den besten Animationsfilm 2010 erhalten.
Nach dem hinreißenden Ponyo - Das große Abenteuer am Meer wendet sich Yonebayashis Literatur-Adaption erneut an junge und jüngste Kinogänger, indem er aufregende Situationen kindgerecht und humorvoll auflöst. Spürbar hat er die Handlung gerafft und vereinfacht, um die Kleinen nicht mit den 94 Minuten zu überfordern. Dennoch breitet er ein komplettes "Universum" aus und geizt nicht mit weiterführenden Hintergründen wie die Geschichte des Puppenhauses.
Anders als die gängige US-Konkurrenz bleibt Yonebayashis Vision konsequent und verbiegt die Handlung nicht unnötig, indem er ein Happyend erzwingt. Herzstück ist und bleibt die kurze Freundschaft zwischen Sho und der mutigen Arrietty, die ihm zeigt, dass das Leben lebenswert ist. Erstaunlich elegant gelingt dem Regiedebütanten der Spannungsbogen, der ohne didaktische Belehrungen auskommt und dennoch mit jedem Bild den Respekt vor der Natur und den Lebewesen lehrt. Das ist vor allem deshalb so berührend, weil Yonebayashi konsequent aus der Sicht des kleinen Mädchen berichtet. Die überdimensioniert wirkende Menschenwelt wirkt so gleichermaßen bekannt wie bedrohlich. So können die Zuschauer die Ängste des süßen Borgermädchens verstehen und sie wie Sho bedingungslos in ihr Herz schließen.
Mit Arrietty - Die wundersame Welt der Borger demonstriert das Studio Ghibli seine Ausnahmestellung im Animationsbereich. Kein Wunder, dass sich selbst John Lasseter vor Miyazakis Lebenswerk verbeugte, indem er Ghiblis Logo-Figur Totoro in Toy Story 3 auftreten ließ. Ganz eigennützig beteiligte sich der Erfolgsproduzent via Disney an der internationalen Auswertung des Werkes. Nur in Deutschland gingen die Rechte an Universum Film, was auch der Grund sein dürfte, dass das mitreißende Märchen eine erstaunlich zeitnahe deutsche Kinoauswertung erhält. Allein die Mundpropaganda dürfte dafür sorgen, dass Die wundersame Welt der Borger neben dem künstlerischen auch seinen gebührenden kommerziellen Erfolg einfährt.