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Morgentau

(Teza, 2008)

Durchschnittliche Redaktionswertung

68%



Inhalt

Anberber kehrt nach Jahren des Medizinstudiums in Europa nach Hause zurück. In dem äthiopischen Dorf, in dem er aufwuchs, heißt man ihn herzlichst mit einer Feier Willkommen. Die Bewohner setzen große Hoffnungen in den Akademiker. Als aber Regierungstruppen einmarschieren, die Soldaten für den anstehenden Krieg rekrutieren, muss er erkennen, dass das Land seiner Kindheit nicht mehr dasselbe ist. Er flüchtet sich in Isolation, hat Alpträume, weiß nicht weiter. An wissenschaftliches Engagement ist nicht zu denken.

Kritik

von Harald Witz

Wertung Kritik

68%

Haile Gerima untersucht in seinem bewegenden Drama Morgentau die verhängnisvolle Geschichte seines Landes: Nach einem rassistischen Übergriff kehrt der Mediziner Anberber Anfang der Neunziger aus Deutschland in sein äthiopisches Heimatdorf zurück. Dieses wird regelmäßig von Regierungstruppen wie von Rebellen heimgesucht, weil sie Jugendliche zwangsrekrutieren wollen. Geplagt von Albträumen erinnert er sich an seine Studentenzeit in Deutschland und an seine Arbeit in einem medizinischen Forschungszentrum in Addis Abeba während der Achtziger Jahre. Mehr als ihm lieb ist, verdrängt aber die nicht minder heikle Gegenwart die Gedanken an die Vergangenheit. Mehrere Filmpreise und deutsche Fördergelder haben den Kinostart dieses äthiopischen Dramas möglich gemacht. Eine allegorische Erzählweise und die didaktische Grundhaltung machen aus dem Epos über 20 Jahre äthiopische Geschichte zu einem besonderen Filmerlebnis.

Bild aus Morgentau Schon 2008 stellte der äthiopisch-stämmige Regisseur Haile Gerima seine fünfte Regiearbeit in 33 Jahren auf den Filmfestspielen von Venedig vor und erhielt dafür einen Preis für das beste Drehbuch. Auch auf weiteren Filmfesten wurde Morgentau vor allem deshalb geehrt, weil es sich mutig an die Aufarbeitung der neueren Geschichte eines geschundenen Landes macht und allegorisch über das entwurzelte Dasein als Exilant (Gerima selbst war 1968 nach Amerika emigriert) reflektiert.

Auf drei Zeitebenen und zwei Kontinenten spannt er seine epische Erzählung. Über eine Dekade verfolgte er das Herzensprojekt, das letztlich nicht mit amerikanischer Hilfe sondern mit deutschen Fördergeldern entstand. Deshalb studiert sein Alter Ego Anberber (Aaron Arefe) Anfang der Siebziger Jahre auch in Köln und träumt davon, gemeinsam mit seinen Freunden in der Heimat die Krankheiten zu besiegen. In hitzigen, sozialistisch geprägten Debatten ergehen sie sich über Wohl und Wehe ihrer Heimat, während sie selbst in der Kölner Gemütlichkeit zarte Bande knüpfen. So verliebt sich Anberber in Kommilitonin Cassandra (Araba E. Johnston Arthur), die den deutschen Rassismus anklagt und deshalb das gemeinsame Kind abtreibt.

Die Ideale der Studenten werden 1974 vom Militärputsch gegen Kaiser Haile Selassi überrollt. General Mengistu etabliert ein sozialistisches Regime. Freunde wie Tesfaye (Abeye Tedla) müssen sogar ihre deutsche Freundin (Veronika Avraham) und ihr Kind zurücklassen, um beim Neuaufbau Äthiopiens mitzuwirken. Doch Anberber beendet erst mal sein Studium, bevor er Tesfayes Lockrufen erliegt. Doch Mengistus Äthiopien ist ein paranoider Überwachungsstaat, in dem ein Menschenleben nichts, aber die Parteilinie alles ist.

Nicht einmal in sein Heimatdorf darf Anberber zurück. Also vergräbt er sich in Forschungsarbeit, bis auch er ins Visier der Geheimpolizei gerät. Immer schneller und brutaler werden die Übergriffe der Schergen des Regimes, das mit Hilfe von Selbstkritik-Tribunalen die Wissenschaftler auf Linie hält. Schließlich wird der loyale Tesfaye Opfer einer Säuberung und Anberber nach Leipzig geschickt, um Wissen für das Land zu erwerben. Zurück in Europa nutzt er den Mauerfall, um Tesfayes Familie von dessen Tod zu berichten. Da wird er Opfer einer fremdenfeindlichen Attacke...

Die äthiopische Geschichte der Siebziger- und Achtzigerjahre stellt Haile Gerima ins Spannungsfeld zwischen einer Gegenwart der Neunziger sowie des antifaschistischen Befreiungskrieges gegen Mussolinis Kolonialmacht während des Zweiten Weltkrieges. Ein verkrüppelter Anberber kehrt 1991 in sein Heimatdorf zurück und sinniert über die Traumata seines Lebens. Doch die archaische ländliche Idylle erweist sich als nicht minder trügerisch als die Sicherheit in Deutschland oder der Terror des Mengistu-Regimes.

Zunächst überwältigt die Vergangenheit die Zuschauer, die Erzählung und auch Anberbers Emotionen (Albträume plagen ihn Nacht für Nacht). Doch je länger die weitschweifigen 138 Minuten dauern, desto stärker rücken die Probleme der Gegenwart in den Mittelpunkt. Rebellen und Regierungstruppen marodieren durch die Dörfer und zwangsrekrutieren junge Männer zum Kriegsdienst. Also müssen sich die männlichen Jugendlichen in Höhlen verstecken, in denen sich schon ihre Vorfahren vor den Italienern verborgen haben.

Im Dorf selbst bestimmen alte archaische Denkweisen, Älteste und Priester, was und wer gut oder böse ist. Geister und Flüche dienen als Erklärungen für Unheil, für das gesühnt werden muss. So lebt im Haus von Anberbers Mutter die Ausgestoßene Azanu (Teje Tesfahun), die einst im Affekt ihr Baby getötet hat. Als Anberbers eifersüchtiger Bruder Ayalew (Nebiyu Baye) sie vergewaltigt, erhält sie die Schuld und muss auf eine Insel im See flüchten. Anberber wird ob seiner Albträume als besessen diagnostiziert, weshalb er zahlreiche reinigende Rituale über sich ergehen lassen muss.

Wie so oft bei afrikanischen Filmen betont der Filmemacher die pädagogischen Aspekte seiner Erzählung. Immer wieder klingt ein belehrender Ton an, der den Zuschauern eindringlich erklären will, dass sich die Geschichte vor allem dann wiederholt, wenn es keine Entwicklung gibt. Krieg, Zerstörung, Hass und Vorurteile müssen überwunden werden. Gerimas prototypischer Held ist ein geschundener, ein verkrüppelter Intellektueller, aber er ist kein gebrochener Mann. Der Rassismus der Weißen konnte ihn ebenso wenig umbringen wie die sozialistische Willkür.

Wegen seines didaktischen Untertons entwickelt Morgentau bisweilen einen gewichtigen Pathos. In den intellektuellen Diskussionen der Studenten erweckt Gerima dagegen durchaus erfolgreich den Geist jener Zeit, als das Gedankengut der sozialistisch orientierten Sechziger Jahre noch wirkte. Das politische Drama im Addis Abeba der Achtziger Jahre gewinnt mit seiner paranoiden Atmosphäre, die man auch aus dem Oscar-Preisträger Der letzte König von Schottland oder Shooting Dogs kennt. Dagegen wirken die Spielszenen im Dorf oft genug als hölzern. Gerima greift hier auf unerfahrene Laiendarsteller zurück und setzt zu sehr auf allegorische Elemente.

Insgesamt bietet das Werk einen tiefen Einblick in die historische Gemengelage auf dem afrikanischen Kontinent im Gefolge des vermeintlichen Endes der Kolonialzeit. Auch wenn dies für Äthiopien nur bedingt gilt, so waren und sind die studentischen Forderungen nach politischer Freiheit dieselben wie anderswo auf dem Kontinent. Gerima, ganz der Aktivist, verweist hier auf die Stammesstrukturen und die naturreligiöse, mystische Glaubensdurchdringung. In diesen überkommenen Traditionen und Lebensweisen der Menschen liegen die Wurzeln des Übels, denn sie stehen einer Entwicklung in Richtung Moderne im Wege.

Trotz westlicher Bildung steht sein Anberber den Ältesten und deren Ansichten hilflos gegenüber und muss der Jugend die Fackel der Hoffnung überlassen. Seine Hoffnungen ruhen deshalb auf der Jugend, die, vom Drachen der Höhle gestärkt, eine ungewisse Zukunft betritt.

Keine weitere Wertung


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