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Nader und Simin - Eine Trennung

(Jodaeiye Nader az Simin, 2011)

Durchschnittliche Redaktionswertung

77%



Inhalt

Im iranischen Teheran leben Nader und Simin zusammen mit ihrer elfjährigen Tochter, Termeh. Aufgrund der für die der oberen Mittelschicht angehörenden Familie eher schlechten Lebensbedingungen, fasst Simin den Entschluss, auszuwandern. Ihr Vorhaben trifft jedoch auf Widerstand von Nader, der sich um seinen Alzheimer-kranken Vater sorgt und diesen unter keinen Umständen allein lassen möchte.

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Nader und Simin - Eine Trennung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou

Wertung Kritik

77%

Nicht alles geht im Iran so flugs vonstatten, wie eine Scheidung im beidseitigen Einvernehmen. Vor Gericht befindet man sich dort im wahrsten Sinne des Wortes in Gottes Hand. Das erlebt auch Nader, der die Pflegerin seines dementen Vaters aus seiner Wohnung warf und nun vor den Kadi zitiert wird. Die Frau soll aufgrund des rabiaten Rauswurfs eine Frühgeburt erlitten haben. Nader droht Gefängnis oder Schlimmeres, wenn der Richter die Tat als Mord einstufen sollte. Eindringlicher und atmosphärisch dichter Film, der nachdenklich wie betroffen stimmt und tiefe Einblicke eröffnet, die ein Verständnis dieser Kultur fördern können.

Bild aus Nader und Simin - Eine Trennung Wann immer die Sprache auf den Iran kommt, entstehen hierzulande unwillkürlich Assoziationen eines Landes, dessen Ethik und Rechtsprechung (aus westlicher Perspektive) regelrecht mittelalterlich sind. Das Bild von einem Gottesstaat, der von ultrakonservativen, religiösen Fundamentalisten regiert wird, prägt unsere Vorstellung. Ein Patriarchat, in dem Frauen kaum Rechte haben, gelebte Homosexualität mit der Todesstrafe geahndet wird und für Vergehen, für die unsere Justiz bestenfalls Bewährungsstrafen vorsieht, viele Jahre Haft drohen. Doch ist der Iran tatsächlich nicht mehr als das? Eine Gesellschaft ohne freiheitliche Werte, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, den ungehinderten Zugang zu Informationsmedien und eine unzensierte Presse?

Nader und Simin - Eine Trennung, ein Film von Asghar Farhadi, begibt sich auf Augenhöhe mit den Wirren der iranischen Rechtsprechung. Dabei verblüfft bereits die erste Szene, die in einem Gericht stattfindet: Nader und Simin sitzen vor dem Scheidungsrichter. Eigentlich lieben sie sich, aber Simin hat erfolgreich einen Ausreiseantrag gestellt und möchte in den Westen. Sie will nicht, dass ihre halbwüchsige Tochter im Iran aufwächst. Nader möchte das Land hingegen nicht verlassen, seiner Frau will er aber nicht im Wege stehen. Er ist zur Scheidung bereit, die gemeinsame Tochter gibt er aber nicht her. In beidseitigem Einvernehmen wird die Ehe daraufhin geschieden - schneller und komplikationsloser als in jedem westlichen Staat.

Ohne seine Frau ist Nader auf sich gestellt. Vor allem die Pflege seines schwer dementen Vaters bereitet ihm viele Probleme. Da er als Bankangestellter tagsüber die meiste Zeit außer Haus ist, muss er für die Pflege und Betreuung seines Vaters jemand anstellen. Prinzipiell müsste das ein Mann sein, da es einer fremden Frau aus religiösen Gründen gar nicht gestattet ist, einen Mann zu berühren. Wird so etwas bekannt, verliert sie ihre Ehre und kann dafür drakonisch bestraft werden. Nader findet tatsächlich jemanden, der diese Aufgabe übernehmen will, der erscheint aber zum ausgemachten Termin nicht. Stattdessen kommt seine Frau - ersatzweise für ein paar Tage - wie sie vorgibt.

Nader hat aber keine Alternative, also stimmt er dem Arrangement zu. Eines Tages kommt er abends nach Hause und findet seinen Vater ans Bett gefesselt vor. Von der Betreuerin fehlt jede Spur. Überdies scheint auch Geld abhanden gekommen zu sein. Als die Betreuerin kurz darauf zurückkehrt, kommt es zum Eklat. Nader wirft die Frau kurzerhand mit Nachdruck aus der Wohnung, allerdings mit Konsequenzen: Bald darauf erfährt er, dass sie durch den Schubs gestürzt sein und eine Frühgeburt erlitten haben soll. Die Angelegenheit geht vor Gericht. Wenn sich herausstellt, dass Nader von der Schwangerschaft der Frau wusste und sie trotzdem gestoßen hat, droht ihm Gefängnis, sogar die Todesstrafe. Für das Festbinden von Naders Vater drohen der Frau wiederum mehrere Jahre Haft. Ein überaus verworrener und emotional geführter Rechtsstreit entbrennt.

Die Szenen auf dem "Gericht" in Nader und Simin - Eine Trennung gleichen für Menschen, die lediglich unseren westlichen Justizapparat vor Augen haben, einer Art absonderlichem Bazar, auf dem dem Kadi unterwürfig die Stiefel geleckt werden müssen, um auf Milde hoffen zu können. Zwar verhängt auch in diesem Rechtssystem der Richter nach einem festgelegten Katalog die Strafen, zugleich existieren aber auch Seitenwege: Die Streit-Parteien können sich beispielsweise gegen Geldzahlungen (außergerichtlich) einigen - auch bei Delikten, die hierzulande auf jeden Fall prozessiert werden müssten (Körperverletzung, Totschlag). Überdies kann der Richter Strafen nach religiösem Recht im Sinne Auge um Augen, Zahn um Zahn verhängen. Insgesamt erscheint die Höhe der Strafen hanebüchen hoch. Viele davon, gerade die, welche auf Hören-Sagen beruhen, würden bei uns ohnehin kaum vor Gericht kommen.

Nader und Simin - Eine Trennung nimmt allerdings keine Wertung vor. Und gerade diese authentische Schilderung, die einem moralischen Balanceakt eines für uns fremden Justiz- und Ethiksystems gleichkommt, verblüfft in ihrer Komplexität. Uns erscheint dies alles wahrscheinlich vordergründig und formal als inhuman und fürchterlich, die Menschen im Iran stellen dies aber nicht von Grund auf infrage, empfinden es möglicherweise sogar als angemessen. Somit zeigt sich, dass (Rechts)Ethik im Prinzip relativ ist und von der (gesellschaftlichen) Perspektive abhängt. Schließlich ist es gar nicht so langer her, da existierten mitten in Europa Diktaturen, deren Ethik aus heutiger Sicht nichts als pures Grauen darstellte.

Die eindeutige Stärke des Films liegt vor allem darin, Schicksale zu zeichnen, die allesamt in einem System, das ganz anders ist, als alles was wir kennen, um Gerechtigkeit ringen. Dies zwingt, die eigene Sicht zu hinterfragen und womöglich auch ein stückweit zu relativieren - wenngleich der Film sicherlich nicht als Plädoyer für einen Gottesstaat verstanden werden und drakonisches religiöses Recht als Maßstab herhalten sollte. Nader und Simin - Eine Trennung ist ein mutiger und wichtiger Beitrag, der zum kulturellen Verständnis des Irans eindeutig beiträgt und dazu verhelfen kann, nicht immer derart westlich impertinent aufzutreten, in dem Glauben, wir würden seit Menschengedenken alles besser machen.

Keine weitere Wertung


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