Tourette bedeutet ein Leben mit unkontrollierbaren Ticks und heftigen Obszönitäten. Der Schluckauf im Gehirn, wie diese Erkrankung zuweilen bezeichnet wird, sorgt dafür, dass die Betroffenen schnell ausgegrenzt werden. Wer will schließlich mit so einem befreundet sein? Eva, eine vitale wie intelligente Jugendliche, hat daraus die Konsequenzen gezogen und verbringt ihre Zeit fast ausschließlich mit Menschen, die um ihr Problem wissen. Hauptsächlich ihre Familie. Als sie eines Tages aber einen Job braucht, um nicht wegziehen zu müssen, muss sie sich der Außenwelt stellen, was zu vielen absurden Situationen führt. Amüsanter Film, aber eindeutig mehr Komödie als Tourette-Drama.
Spätestens seit Filmen wie Rain Man oder Forrest Gump avancierten Menschen mit Handicaps zu zentralen Figuren vieler Geschichten. Inzwischen hat man sich schon fast jeder Erkrankung, "Störung" oder Abweichung von der Norm filmisch angenommen - bevorzugt jenen, die sich besonders Leinwandgerecht darstellen ließen - und vielleicht wurde damit tatsächlich dazu beigetragen, dass ein Mehr an Toleranz in der Gesellschaft entstand. Eine relativ seltene Erkrankung, das Tourette-Syndrom (Häufigkeit in der Bevölkerung lediglich 0,05 Prozent) bedeutet für die Betroffenen aber meist immer noch ein Leben als Ausgegrenzte, auf die die meisten Menschen mit Unverständnis, Angst oder gar Abscheu reagieren.
Nach Vincent will Meer gelangt nun innerhalb kurzer Zeit mit Einen Tick anders bereits der zweite deutsche Film in die Kinos, der sich dieser Krankheit, den einhergehenden Ticks und den zwangsläufigen sozialen Konsequenzen widmet. Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Teenager-Mädchen Eva, deren großer Rückhalt ihre Familie ist, auch wenn diese leicht verschroben anmutet: Ihr oft etwas unbeholfen wirkender Vater beispielsweise hat gerade seinen Job als Autoverkäufer verloren, sitzt jetzt den lieben langen Tag im Park auf einer Bank und schreibt Bewerbungen; heimlich, damit Evas Mutter, die sich permanent im Kaufrausch befindet, keinen Wind davon bekommt. Die Krönung sind allerdings Evas Onkel Bernie, der sowohl als Kleinkrimineller wie als Rockband-Leader einen Flop nach dem anderen landet, sowie ihre Oma, die Eva besonders gern hat, auch wenn diese gelegentlich ausgediente Haushaltsgeräte mit Chinaböllern ins Jenseits befördert. Eine ganz normale Familie halt!
Wäre da nicht noch eine Kleinigkeit: Eva hat Tourette! Ficken, Fotze, Arschloch, Pimmel!, gehören damit zu ihrem alltäglichen Vokabular und zuweilen geht bei ihren Ticks schon mal etwas zu Bruch. Zur Schule geht sie deshalb schon lange nicht mehr. Der Stress dort hat ihre Ticks immer nur verstärkt. Nur bei ihrer Familie fühlt sie sich sicher und geborgen, besonders ihre Oma stellt für Eva einen stabilisierenden Mittelpunkt dar. Das könnte sich aber bald ändern: Wenn ihr Vater nicht bald einen neuen Job findet, um die laufenden Kredite zu tilgen, droht der Familie der Rausschmiss aus den eigenen vier Wänden. Also beschließt Eva ein Coaching-Programm mit ihrem Vater durchzuziehen, so dass dieser fit für die Bewerbungsgespräche wird. Als er dann tatsächlich einen Job findet, bedeutet das trotzdem Umzug: Die neue Stelle befindet sich nämlich in Berlin. Eva möchte aber auf keinen Fall weg von ihrer Oma, also macht sie sich kurzerhand selbst auf die Suche nach einem Job. Kein besonders erfolgversprechendes Unterfangen, da sie jeden potenziellen Arbeitgeber gleich unwillentlich, aber treffsicher beleidigt.
Was im Film für komödiantische Erheiterung sorgt, bedeutet für die Betroffenen fast immer eine ordentliche Portion Tragik und seelisches Leid. Es ist nicht gerade leicht, soziale Kontakte zu pflegen, einem Beruf nachzugehen oder eine Beziehung zu leben, wenn man fluchend und unkontrolliert zappelnd durch den Alltag geht. Einen Tick anders schneidet diese Aspekte allerdings eher am Rande an. Und qualitativ Neues lernt man über das Tourette-Syndrom oder das Leben damit auch nicht. Im Kern der Geschichte findet sich zwar nach wie vor das Motiv des "Zurechtkommens als Andersartige", doch im Grunde ist der Film, in dem es streng genommen um ganz alltägliche Werte wie Freundschaft und Familienzusammenhalt geht, eine schräge, aber positivistische (Jugend-)Komödie sowie eine Coming-of-Age-Story.
Jungdarstellerin Jasna Fritzi Bauer, die ihr Spielfilmdebüt mit Im Alter von Ellen feierte, jongliert elegant mit dem Motiv des Tourette, zwar nicht immer völlig glaubwürdig, aber stets mit einem Hang zum Absurden. Ob man mit dieser Leichtigkeit der Problematik dieser Erkrankung gerecht wird, lässt sich aber nur schwer sagen. Die Komik hilft sicherlich, das Thema zu enttabuisieren wie zu "entdämonisieren"; dachten die Menschen in früheren Jahrhunderten doch oft, die Erkrankten wären in irgendeiner Form besessen. Was das angeht, hat man sich zumindest in unseren Breiten hoffentlich weiterentwickelt.
Immer sehenswert ist selbstverständlich der Auftritt Waldemar Kobus (Hochzeitspolka, Wickie und die starken Männer), hier in der Rolle von Evas Vater, der Softversion eines Familienpatriarchen. Und natürlich sorgt Renate Delfs, eine altgediente Bühnen- und TV-Schauspielerin, als Evas Oma für die eine oder andere explosive Pointe. Insgesamt hat Einen Tick anders mit seinem schrägen Charme und einer herzerfrischenden Leichtigkeit in der Inszenierung somit durchaus seine gewinnenden Momente, nur allzu tief nach gehaltvollen Aussagen sollte man nicht Ausschau halten, sondern sich eher an den Feelgood-Eigenschaften des Films erfreuen.