Der spanische Psycho-Thriller Kidnapped bietet altbekannte Handlungsschemata mit einigen innovativen Ideen in der kurzweiligen Umsetzung. Zwischenzeitlich wird durchaus gelungen mit bewährten Mitteln Spannung erzeugt, was jedoch auch nicht über die immensen Schwächen dieser Produktion hinwegtäuschen kann. Leider hat der Film mit einer extrem ungeschickten Charakterzeichnung, einigen Logikfehlern und unnötigen, beinahe schon deplatziert wirkenden Gewaltdarstellungen zu kämpfen.
Wie der Film, der im Original "Secuestrados" (zu Deutsch: entführt) und außerhalb Spaniens Kidnapped heißt, zu seinem Titel kam, ist fraglich. Denn in Kidnapped wird überhaupt niemand entführt. Stattdessen bekommt eine Familie unerwarteten Besuch von Einbrechern, die einen recht umständlichen und ineffektiven Weg gewählt haben, sich zu bereichern. Doch der falsche Erwartungen weckende Titel ist bei weitem nicht das schlimmste, denn der Streifen hat mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Zu den größeren zählen dabei seine unsympathischen Hauptfiguren, beziehungsweise Opfer.
Bei einem offensichtlich ernst gemeinten Psycho-Thriller sind sympathische Protagonisten für den Aufbau von Spannung essentiell. Wie soll der Zuschauer mitfiebern und um das Leben und die Unversehrtheit einer Familie bangen, wenn er sie von Anfang an nicht ausstehen kann? Natürlich sollte es in der Natur eines psychisch gesunden Menschen liegen, sich nicht zu wünschen, dass seine Mitmenschen von Einbrechern misshandelt, vergewaltigt und ermordet werden. Beim Sehen eines fiktiven Filmes reduziert sich dieser instinktive Humanismus allerdings automatisch. Eine wohlhabende dreiköpfige Familie, in der sich die Mutter mit der zickigen, achtzehnjährigen (!) Tochter streitet, weil sie, statt zu einer Party zu gehen, am Abend zu Hause bleiben soll, um mit Champagner auf das neue Luxushaus anzustoßen, ist nicht zwingend sympathisch. So fällt es schwer, sich zu entscheiden, wen man sich am ehesten von der Bildfläche wünscht: Die unterkühlte, grimmige Mutter oder die nervige, über weite Strecken des Filmes als Ausdruck ihrer Panik nur noch unentwegt ächzende Laute von sich gebende Tochter?
Einzig in der Figur des Ehemanns/Vaters erkennt man einige gutmütige Züge, wobei dies hauptsächlich den Ursprung hat, dass er zu Beginn des Filmes seiner Tochter den Besuch der Party erlaubt. So lächerlich das auch sein mag, es funktioniert: Man fühlt mit dem Vater, sodass die Szenen mit ihm über weite Strecken recht spannend sind. Wäre alles, was im Haus bei Mutter und Tochter passiert, nicht so mäßig, streckenweise sogar schwach umgesetzt, hätte aus Kidnapped ein zumindest solider Psycho-Thriller (mit Horror-Elementen) werden können.
Bereits im Vorfeld wurde in Verbindung mit Kidnapped von teils extremer Gewaltdarstellung gesprochen. Zunächst muss man festhalten, dass die spanische Produktion ein ganzes Stück vom Härtegrad vieler Horrorproduktionen der letzten Jahre entfernt ist. Im Wesentlichen gibt es drei Szenen, die in dieser Hinsicht auffallen. Die wohl härteste zeigt, wie ein Schädel zertrümmert wird, was so ähnlich auch schon in Irreversible zu sehen war, nur wurde dies dort deutlich überzeugender umgesetzt und war vor allem im Gesamtkontext sinnvoll. Die Gewaltszenen in Kidnapped sind nicht dafür entscheidend, ob der Film funktioniert oder nicht. Stattdessen sind sie viel zu offensichtlich nur enthalten, um den Film für eine gewisse, nach Filmgewalt lechzende Zielgruppe interessanter zu machen und irgendwie harte Schockmomente einzubringen, weil es gerade im Trend liegt und einen Film ins Gespräch bringen kann. Leider gelingt keine dieser Absichten. Ansonsten muss man sich mit einigen Logikfehlern und einigen fast schon genretypischen Ärgernissen quälen. So werden viele offensichtliche Chancen, die Einbrecher zu überwältigen, nicht genutzt. Überhaupt sind oft die Handlungen der Figuren auf beiden Seiten nicht wirklich nachvollziehbar.
Innovationen zeigen sich hingegen in der technischen Umsetzung. Abgesehen von der durchaus recht stimmigen Atmosphäre, sind besonders einige längere Szenen, die im Splitscreen erzählt werden, interessant. Da jedoch unglücklicherweise auf beiden Seiten des Screens Schlüsselszenen zu sehen sind, kann unter Umständen Frust aufkommen, wenn man nur das Geschehen einer Seite mitbekommen hat. Als optimal erweist sich der Einsatz dieser Technik in diesem Fall also auch nicht. Gegen Ende ließen die Drehbuchautoren noch einmal ein wenig ihre Kreativität spielen und inszenierten das Finale entgegen festgefahrener Genreregeln, was dem Film einen relativ individuellen Ausklang verschafft.
Obwohl eindeutig die negativen Kritikpunkte überwiegen, muss man zugeben, dass Kidnapped zwischenzeitlich spannend und insgesamt recht kurzweilig ist. Besonders profitiert der Film von seiner kurzen Spielzeit und davon, dass es abgesehen vom absichtlich trägen Anfang keine nervigen Längen gibt. Die teilweise recht interessanten Spielereien in der technischen Umsetzung kann man dem Film insgesamt auch zu Gute halten. Nichtsdestotrotz gab es von Funny Games bis Panic Room schon lange vorher Filme mit ganz ähnlichem Ansatz, die Kidnapped nur noch wie einen lauen Low-Budget-Aufguss wirken lassen.