Die Luft ist dünn im Spitzensport. Besonders im Fußball, der weltweit Massen mobilisiert, werden Karrieren im Eiltempo durchexerziert. Vom Ausnahmetalent zum Weltfußballer wird manch Sportler wie eine hochgezüchtete Maschine seinem mitunter kurzen Zenit entgegengetrieben. Manch einer bleibt dabei auf der Strecke, Thomas Broich zog die Notbremse. Er liebte zwar seinen Sport, aber nicht mehr als sein Menschsein und seine Seele. Tom meets Zizou ist ein dokumentarisches Biopic, dass einen ganz besonderen Fußballer über Jahre hinweg porträtierte und damit einzigartige Einsichten in die Mühlen des Sportbusiness ermöglicht. Ein Film, fesselnd und lehrreich bis zur letzten Minute.
Hoch droben im Fußballolymp tummeln sich nur wenige. Zu den Unsterblichen in diesen Gefilden gehören Jahrhundertspieler wie Pelé, Maradona und Zidane. Gerade letzterer, der den Kosenamen Zizou erhielt, inspirierte viele Spieler der jüngeren Generation. Darunter den Deutschen Thomas Broich, dem ähnliche Qualitäten wie seinem großen Vorbild nachgesagt wurden. Als die Talentscouts im Jahr 2003 zum ersten Mal ernstlich auf Broich aufmerksam werden, ist er gerade 22 Jahre alt und spielt in der 2. Liga bei Wacker Burghausen. Schon dort offenbart er aber ein überragendes strategisches Talent und die Fähigkeit, mit einem einzigen tödlichen Pass das Spiel entscheiden zu können.
Zu dieser Zeit wird Broich gemeinsam mit anderen Jungstars wie Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Philipp Lahm als eines der größten deutschen Talente gehandelt. Sein Weg scheint vorprogrammiert: 1. Liga, internationale Wettbewerbe, Nationalmannschaft und 2006 die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Der Mensch Broich ist aber mehr und weitaus komplexer als der Fußballer Broich. In seiner Freizeit liest er Weltliteratur, beschäftigt sich mit Philosophie, fremden Kulturen und lauscht klassischer Musik. Für die Medien ist das ein gefundenes Fressen: Schnell dichtet ihm die Boulevardpresse den Spitznamen Mozart an.
Broich macht den Zirkus zunächst mit. Fühlt sich getragen von einer Welle des Erfolgs, der Sympathie, die ihm überall entgegenschlägt und der eigenen Euphorie darüber. Was bei diesem Rummel allerdings übersehen wird, ist, dass Broich nur deshalb in der Lage ist, begnadet aufzuspielen, weil er ein Freigeist ist - und diese Freiheit im Geiste braucht er auch auf dem Rasen, um sein Potenzial abrufen zu können. Er ist kein Beißer, kein großer Zweikämpfer, zeichnet sich nicht durch besonderes Defensivverhalten aus, und das Spiel ohne Ball geht zuweilen an ihm vorbei. Konflikte mit autoritären Trainern wie dem niederländischen Meistercoach Dick Advocaat während Broichs Zeit bei Borussia Mönchengladbach oder Christoph Daum, der Heilandsfigur des 1. FC Köln, sind somit vorprogrammiert. Sie wollen aus Broich etwas formen, was er nicht sein kann. Unter Druck sind seine Leistungen prompt nur noch durchschnittlich, manchmal nicht einmal das. Zu allem Übel verletzt er sich dann auch noch, so dass er die WM 2006 von der heimischen Couch aus verfolgen muss. Diese erzwungene Auszeit gibt ihm aber die Gelegenheit, über viele Dinge einmal in Ruhe nachzudenken.
Die Langzeitdokumentation (2003-2011) Tom Meets Zizou von Grimme-Preisträger Aljoscha Pause nimmt sich des Schicksals eines außergewöhnlichen Menschen und Fußballers an, der versuchte, seine Seele in einem oft seelenlosen Business zu bewahren. Viele werden vielleicht behaupten, dass dies alles zu viel Bohai um einen einzelnen Fußballspieler ist; andere werden möglicherweise sagen, dass Broich schlichtweg zu sensibel und intellektuell war für die hohe Professionalitätsstufe im europäischen und internationalen Spitzenfußball, in dem nicht auf Befindlichkeiten Einzelner geachtet werden kann - und deshalb für sich schlussendlich die einzig richtige Entscheidung traf.
Ganz gleich, wie man das persönlich werten mag, diese überaus menschelnde und authentische Dokumentation ist ein sehr persönliches Zeugnis, das einzigartige Einblicke in die Szene und das Geschäft des professionellen Fußballs gewährt. Sicherlich: Als Portrait, das überwiegend auf einen Menschen fokussiert ist, kann solch eine Darstellung weder umfassend, noch komplett ausgewogen sein - ist in diesem Falle aber auch gar nicht nötig, da die Maschinerie exemplarisch am Beispiel eines Spielers, der im besonderen Maße reflektiert ist, vorgeführt wird. Akribisch wurde dafür der Werdegang von Broich sowohl mit Originalmaterial skizziert, als auch die einhergehenden inneren Prozesse und psychischen Veränderungen in kontinuierlichen Interviews festgehalten.
Neben der eigentlichen Hauptperson des Films treten zudem eine Reihe von Menschen auf, die Broich besonders nahe standen oder stehen, allen voran seine damalige Lebensgefährtin, die von den Medien über Nacht von der Partnerin auf Augenhöhe im gemeinsamen, bescheidenen Leben (was die Zeit beim Zweitligisten angeht) zur Spielerfrau an der Seite eines Nationalspielers "degradiert" wurde. Diese Statements vertiefen die Einsichten in die Geschehnisse der heißen Karriere-Zeit Broichs mit einer Mischung aus spezieller, individueller Inneneinsicht, als auch größerer Distanz als der Sportler selbst (damals) haben konnte. Darüber hinaus äußern sich auch noch einige renommierte Trainer wie Berti Vogts oder Michael Oenning, der Broich freundschaftlich nahe steht, über das Phänomen Thomas Broich von der sportlichen Seite, sprechen allerdings auch über die Problematik, ein "Sonderling" in einem durchkommerzialisierten Teamsport zu sein.
Satte 140 Minuten scheinen auf den ersten Blick für eine Dokumentation ganz schon happig; und wenn auch Thomas Broich vielleicht nie wieder wie in diesem einen Film in einem Atemzug mit dem legendären Zinedine Zidane genannt werden sollte, ist die Doku zumindest beinahe immer spannend und lebendig. Dieser Ausschnitt aus dem Leben dieses unkonventionellen Fußballprofis und seine Reflexionen über Sport, Kommerz und dem eigenen Ich, die sich zudem über die Jahre, in denen die Doku entstand - ebenso wie der Mensch Broich - stetig weiterentwickeln, liefern nie zuvor gesehene Inneneinsichten. Tom meets Zizou sollte man sich also nicht entgehen lassen. Ganz gleich, ob Fußballfan oder nicht, der Film ist eine echte Bereicherung.