Manche Narben aus unserer Kindheit verheilen nicht. Sie werden zu einem schmerzenden Dauerbegleiter. Saverio Costanzos Verfilmung von Paolo Giordanos Bestseller gleichen Namens überrascht durch kreative Einfälle, verstört aber zuweilen auch durch Skurrilität. Die Einsamkeit der Primzahlen könnte bezogen auf die Erzählweise auch "Die Langsamkeit der Primzahlen" heißen - und doch verlässt der Zuschauer den Kinosaal nicht unbeeindruckt: von diesem Film, von seiner Geschichte bleibt etwas zurück.
In ihrer Schule sind die Teenager Mattia (Vittorio Lomartire) und Alice (Adrianna Nastro) Außenseiter. Alice wird von ihren Mitschülerinnen gehänselt und erniedrigt, weil sie hinkt, Mattia fällt vor allem durch seine Verschlossenheit auf - und dadurch, dass er sich selbst Verletzungen zufügt. Beide haben traumatische Erlebnisse in der Kindheit nicht richtig verarbeitet. Und weil Alice spürt, in Mattia einen Leidensgenossen gefunden zu haben, versucht sie, ihm näher zu kommen. Auf einer Party kommt es zu einer schüchternen Begegnung. Jahre später sind Alice (Alba Rohrwacher, Was will ich mehr) und Mattia (Luca Marinelli) noch immer Freunde, die für sich in ihrer eigenen Welt leben - und noch immer mit den Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen haben.
Mit 26 Jahren und damit als jüngster Autor überhaupt hat der in Turin geborene Paolo Giordano 2008 den Premio Strega erhalten, Italiens wichtigsten Literaturpreis. Sein Beststeller "Die Einsamkeit der Primzahlen" hat ihm den Ruf eines Wunderkinds eingebracht - und die Erwartungen an die Verfilmung hoch wachsen lassen. Der Regisseur Saverio Costanzo hat sich des Stoffs angenommen und schrieb gemeinsam mit Giordano das Drehbuch, das in seiner Struktur entscheidend vom Buch abweicht. Abwechselnd gibt der Film flüchtige Einblicke in drei Lebensabschnitte der Protagonisten, deutlich voneinander getrennt beispielsweise durch die Lieder eines Soundtracks, der in vielerlei Hinsicht genauso schwer zugänglich bleibt wie die Geschichte selbst und doch eine ungemeine Faszination innehat. Erst nach und nach erschließen sich die Hintergründe der Lebenswege von Alice und Mattia. Die "Zerstörung und gleichzeitige Neuerschaffung" des Stoffes, wie sie Costanzo nennt, tut dem Film gut, das behutsame Entblättern trägt zum Charakter der Handlung bei.
Die Einsamkeit der Primzahlen wird dabei mehr und mehr ein Film über Eltern und ihre Erwartungen an ihre Sprösslinge. Die Macht von Vätern und Müttern, durch unbedachtes Handeln das Leben ihrer Kinder grundlegend auf den Kopf zu stellen, verkörpert Isabella Rossellini (Zufällig verheiratet) auf wunderbare Weise. Mattia hätte ihr "größte Schmerzen zugefügt", sagt sie in einer Szene zu Alice, die eigene Erfahrungen mit ihrem überambitionierten Vater gemacht hat. Der Star des Ensembles ist aber Alba Rohrwacher, die zurzeit unter der Regie von Doris Dörrie Glück dreht. Die Zerbrechlichkeit, die sie in jeder Szene ausstrahlt, ist bemerkenswert. Auch Vittorio Lomartire und Luca Marinelli, die wie Brüder erscheinen, machen ihre Sache sehr gut. Mattia wirkt stets so, als befände er sich auf einem fremden Planeten. Sein Blick und sein zögerliches Auftreten machen ihn zu einer personalisierten Primzahl, einem Sonderling. Symbolhafte Bilder der Last geben dem Nachdruck, ohne penetrant zu wirken.
Es sei "keine Liebe auf den ersten Blick" gewesen, als er den Roman das erste Mal las, hat Saverio Costanzo zugegeben. Ähnlich dürfte es vielen auch mit dem Film gehen. Allein die Anfangssequenz verwirrt zunächst sehr, bevor sie begeistern kann. Das Gefühl des Schwankens zwischen Konfusion und Faszination bleibt während der knapp zwei Stunden stets bestehen, am Ende aber überwiegt letzteres.