Ein mordlüsterner Reifen trachtet Tieren und Menschen nach dem Leben: Die Low Budget-Horrorkomödie Rubber ist um keinen originellen Einfall verlegen. Und ganz nebenbei zieht der Abschlussfilm des Fantasy-Filmfest 2010 ein ganzes Genre durch die blutige Ölspur.
Die Frage, welche die Philosophie schon seit der Antike beschäftigt, ist die nach dem Warum innerhalb der menschlichen Existenz. Diese fand sich wieder in einer Suche nach dem Sinn des Lebens, nach der Ordnung der Welt, legte den Grundstein für das Erkenntnisinteresse der Wissenschaften. Douglas Adams fand darauf eine ebenso einfache wie profane Antwort: "42", berechnet von einem Supercomputer, der dafür 7,5 Mio. Jahre benötigte. Mag sein, dass die "Frage nach allem" etwas unglücklich gestellt wurde, oder, dass der ernsten und verbissenen Auseinandersetzung mit (allzu) komplexen Themen ironisches Potenzial innewohnt.
Polizei-Lieutenant Chad (Stephen Spinella) stellt in seinen einleitenden Worten in Rubber bierernst die wichtigen Fragen, die seit jeher die Filmhistoriker umtreibt, nur um gleich darauf eine ebenso einfache wie unbefriedigende Antwort zu präsentieren. Warum ist E.T. - Der Außerirdische eigentlich braun oder warum waschen sich die Charaktere in Blutgericht in Texas eigentlich nie die Hände wie normale Menschen? "No reason!" Warum nach einem Sinn suchen, wenn es keinen gibt? Warum nach logischen und rationalen Begründungen fragen, wenn der Film wie das Leben auf Basis reiner Willkür funktioniert?
Diese Analogie hat durchaus ihre Berechtigung, ist der Film doch jene Kunstform, die Lebenswirklichkeit so realistisch abbilden kann wie keine andere. Dabei wird die Schaulust des Publikums gemeinsam mit dem riesigen "Ausstellungswert" des Mediums ins Gegenteil verkehrt. Lieutenant Chad spricht seine Worte scheinbar nur direkt in die Kamera, doch sind sie auch an "Film-Touristen" vor Ort gerichtet. Eine Gruppe schaulustiger Besucher, die aus sicherer Entfernung über Ferngläser die Handlung des Films im Film - einen bekennenden Nonsense-Slasher - live mitverfolgen. Darin trachtet in einer Wüstenlandschaft ein abgenutzter Reifen mit psychokinetischen Kräften à la Scanners Tieren und Menschen nach dem Leben. Warum und wieso: "No reason!".
Bald wird diese klare Trennung zwischen der innerfilmischen Fiktion und der innerfilmischen Realität jedoch aufgelöst. Ein mysteriöser Gehilfe in Hemd und Schlips (Jack Plotnick) macht im Auftrag einer nie näher definierten Autorität den Anfang, indem er sich zwischen Filmset und Touristen hin und her bewegt. Er vergiftet einen Frühstücks-Truthahn, damit die innerfiktive Handlung, die zusehends ihre Substanzlosigkeit offenbart, mangels Zuschauer abgebrochen werden kann. Doch leider hat ein Mann im Rollstuhl (Wings Hauser), der die ganze Nacht zugesehen hat, alles mitbekommen und verweigert die Nahrungsaufnahme. Zur Strafe soll er schließlich auch vom amoklaufenden Autoreifen gerichtet werden, vom unbeteiligten Gaffer zum beteiligten Opfer werden. Rubber hält hier der Situation und den Sehgewohnheiten des Zuschauers im Kino den Spiegel vor. Nicht nur dadurch, dass ihre Unangreifbarkeit in der dunklen Höhle zunächst der offenen Wüstenlandschaft und schließlich einer realen Bedrohung weicht, auch schwatzende Störenfriede im Publikum werden gemahnt.
Doch auch die Abrechnung von Rubber mit dem Genre selbst kommt nicht zu kurz. Der Horror- und insbesondere seine Subgenres, der Slasher- und Splatterfilm, leben seit jeher nicht von durchgeknallten Menschen, sondern von fantastisch-abstrakt angelegten Bedrohungen mit ausgeprägten anthropomorphen Zügen. Der scheinbar unverwundbare Michael Myers trug in Halloween - Die Nacht des Grauens eine Maske, sein Gesicht war nie zu sehen. Die Königin in Alien - Das unheimliche Wesen aus einer anderen Welt bewegte sich auf ihren Gliedmaßen fort, besaß einen Kopf und Zähne. Zunächst scheint ein Reifen nicht so recht in diese Reihe zu passen, doch gelingt es Drehbuchautor Quentin Dupieux, alltäglich erscheinende Situationen zu schaffen, indem anthropomorphe Verhaltensweisen zum Tragen kommen. Der Reifen öffnet Türen, hält bei entblößten Frauen inne, duscht und sieht auf dem Bett liegend fern. Natürlich sind seine kommunikativen Eigenschaften und seine Sozialverträglichkeit eher eingeschränkt. Das trifft jedoch zumeist auch auf seine wortkarg mordenden Kollegen im Genre zu.
Diesen parodistischen Ton, der sich auch in den zahlreichen grafischen Kopf-Explosionen als bevorzugter Tötungsart niederschlägt, hält Rubber bis zum Ende durch. Der Reifen wird zerstört, doch sein untoter Geist in einem Dreirad wiedergeboren. Dieses tritt seine Reise an nach Hollywood. Untermalt von einer Synthesizer-Melodie, die von der Prog-Rock-Band Goblin stammen könnte, die Ende der 70er Jahre zahlreiche Zombiefilme orchestrierte, gelingt es ihm, zahlreiche mordlüsterne "Artgenossen" um sich zu scharen. The Rubbers will walk the Earth - and we keep on laughing!