Wie erwartet, hat Kathryn Bigelow mit ihrem Actionthriller K-19: Showdown in der Tiefe den U-Boot-Film nicht neu erfunden. Dies ist keineswegs als Kritik an der Regisseurin zu verstehen, vielmehr als schlichte Feststellung. Denn Filme in U-Booten haben nun mal einen relativ geringen Handlungsspielraum, der von den bisherigen Unterwasserabenteuern wie Das Boot, Jagd auf Roter Oktober oder Crimson Tide bereits weitestgehend abgegrast wurde. Trotzdem betritt der Film cineastisches Neuland, da erstmals in der Geschichte Hollywoods militärischer Stoff des kalten Krieges aus Sicht der Russen erzählt wurde. Quasi der erste Film von Amerikanern über Russen ohne einen einzigen amerikanischen Charakter. Wer übrigens bei K-19: Showdown in der Tiefe Parallelen zum Untergang der Kursk vermutet, der ist völlig auf dem Holzweg, die beiden Tragödien haben wenig gemein.
Der Film stützt sich auf eine wahre Begebenheit, die sich 1961 zutrug und bis zum Ende des kalten Krieges von den russischen Militärs vertuscht wurde. In besagtem Jahr waren die Amerikaner bereits mit den ersten raketenbestückten Atom-U-Booten auf den Weltmeeren unterwegs, was der russischen Regierung logischerweise ein Dorn im Auge war. Um dem verhassten Feind Paroli zu bieten, wurde mit Hochdruck an einem ebenbürtigen Unterseeboot gearbeitet. Obwohl die K-19 noch alles andere als bereit für eine Jungfernfahrt war, musste des Boot auf Befehl von Oben in See stechen, um den Amis pünktlich den neuen Stolz der russischen Marine unter die Nase reiben zu können. Hierbei verlor man sich beim Setdesign ein bisschen in den Klischees über die russische Technik, da das neu gebaute Boot aussah, als hätte es schon Tausende von Seemeilen auf dem Buckel.
Zu den ungünstigen technischen Vorzeichen für die bedeutende Mission kamen unglücklicherweise noch personelle hinzu. Einerseits wurde der bisherige Kapitän Mikhail Polenin zum ersten Offizier degradiert, da die Crew vor hohen Militärs eine Übung verpatzt hatte. Als neuer Kapitän wurde Alexei Vostrikov bestellt, der sofort versuchte mit eiserner Disziplin und endlosen Übungen für Zucht und Ordnung auf dem Schiff zu sorgen. Wegen Vostrikovs teilweise riskanten Manövern gerieten er und sein erster Offizier des öfteren aneinander. Weitere Reiberein und Unstimmigkeiten waren vorprogrammiert, zumal die Crew Polenin, auch nach dem Führungswechsel, als ihren wahren Kapitän ansah. Neben dem brisanten Wechsel auf höchster Ebene wurde noch ein weitere wichtiger Posten neu besetzt. Nachdem der erfahrene Reaktoroffizier wegen Trunkenheit am Druckluftventil entlassen wurde, übernahm der frisch ausgebildete Vadim Radtchenko diesen Posten.
Obwohl die Mission von vorn herein unter einem schlechten Stern stand, zumal auch die Schiffstaufe missglückte, gelang es der K-19 und ihrer Crew den ersten Teil ihrer Aufgabe, das Abfeuern einer Testrakete, relativ souverän zu meistern. Doch schon kurze Zeit später nahm das Unglück seinen Lauf, als die Reaktorkühlung ausfiel, eine Kernschmelze drohte und das Schiff und die Crew mehr und mehr verstrahlt wurde. Diese Probleme auf dem Schiff und die angespannte weltpolitische Lage bürdeten Kapitän Vostrikov schwere Entscheidungen mit enormer Tragweite auf. Soll der die Mannschaft in die Rettungsboote schicken und somit vor den USA eingestehen, dass die russische Marine technisch zurückliegt? Soll er die K-19 Richtung Heimat steuern und mitansehen, wie die Strahlung die Mannschaft dahinrafft oder sogar der Reaktor explodiert?
Die Hauptrollen in dem Thriller K-19: Showdown in der Tiefe wurden mit den verdienten Hollywoodstars Harrison Ford (Alexei Vostrikov) und Liam Neeson (Mikhail Polenin) besetzt. Wie auch die anderen Darsteller mussten sich die beiden einen leichten russischen Akzent aneignen, woran man sich als Zuschauer allerdings schnell gewöhnt. Beide lieferten ein gute Leistung ab und gaben ihren Charakteren den größtmöglichen Schliff. Die Beziehung der beiden, die man sich aufgrund der Umstände äußerst gespannt vorstellt, entwickelte überraschend gut, was vor allem Polenins unerschütterlicher Loyalität gegenüber seinem Vorgesetzten und dem System zurückzuführen ist. Er nimmt eine Art Mittlerrolle zwischen der Mannschaft und dem raubeinigen Vostrikov ein und kann somit die Stimmungen an Bord entscheidend steuern.
Regisseurin Kathryn Bigelow packte das Thema recht konventionell an und nutzte fast alle Zutaten, die ein guter U-Boot-Film braucht. Neben der beklemmenden Enge, dem Kontaktverlust zur Admiralität, dem Anflug von Meuterei und den obligatorischen Außenaufnahmen beim Tauchen waren noch weitere typische Elemente enthalten. Obwohl weder ein Torpedo durchs Wasser fetzt noch eine Wasserbomben explodiert, gelang es Kathryn Bigelow einen über weite Strecken spannenden Film zu inszenieren. Das Problem des Films ist allerdings, dass ihm in den entscheidenden Momenten die Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit fehlt. Sprich, manche Entscheidungen von Vostrikov und Polenin kommen für den Zuschauer einfach zu überraschend. Das liegt zum einen daran, dass der Film wenig Wert auf die Vermittlung des kommunistischen Gedankenguts und des russischen Führungsstiels legt. Außerdem gibt sich der Film nicht wirklich Mühe die beiden Charaktere vorzustellen. Ebenso unbegreiflich ist die Beziehung zwischen Vostrikov und dem jungen Reaktoroffizier Radtchenko. Als der Kapitän seiner schwer verstrahlten Offizier gegen Ende aus dem Reaktorraum schleift, rechnet man fest jede Sekunde damit, dass er inne hält und zu einem inbrünstigen "Vadim, I'm your father." ansetzt. Gott sei Dank tat er es nicht...