Wir leben in der westlichen Welt in Überflussgesellschaften. Wir sind es gewohnt, dass die Regale in den Supermärkten überquellen und nicht nur das: Es muss die große Vielfalt aus der ganzen Welt sein und das im makellosen Zustand - die Tomaten gleichmäßig geformt, im satten Rot; die Bananen goldgelb, ohne jegliche braune Stellen, auch wenn das am Geschmack nichts ändert; und frisch muss die Ware sein, als hätte man die Avocados gleich nebenan gepflückt. Vielleicht am Wichtigsten sogar: spottbillig hat alles zu sein. Andere zahlen dafür den Preis. Taste the Waste liefert Einblicke in eine Zerstörungsorgie, die angesichts des Hungers auf der Welt schlichtweg pervers ist.
Es mag widersinnig klingen, aber damit wir das Privileg einer überbordenden Vielfalt in den Supermarktregalen zu vergleichsweise niedrigen Preisen genießen dürfen, muss so viel produziert werden, dass am Ende bis zu 50 Prozent weggeworfen wird. Man schätzt, dass allein die Menge, die in deutschen Supermärkten pro Jahr für den Müll aussortiert wird, sage und schreibe 500.000 Lkw-Ladungen entsprechen würde. Mit alledem, was in den Industrienationen weggeworfen wird, ließe sich sogar der Hunger weltweit beseitigen.
Wo solch ein Ungeist herrscht, wird es auch Gegenbewegungen geben. Einige Supermärkte verschenken Lebensmittel, die kurz vor Ablauf ihres Mindesthaltbarkeitsdatums stehen an die Tafeln. Diese ehrenamtlichen Organisationen sind aber längst nicht in der Lage, die Flut an "Wegwerfware" zu kanalisieren. Zudem spenden nicht alle Supermärkte. Es ist ein ideologisches Problem: Wenn sich die ganz Armen daran gewöhnen, dass sie nichts mehr für ihr Auskommen zahlen müssen, gehen sie bald gar nicht mehr einkaufen. Das will die Lebensmittelwirtschaft auch wieder nicht. Einen anderen Antitrend stellt das sogenannte Containern dar: Menschen, die sich nachts illegal Zutritt zu den Hinterhöfen der Supermärkte verschaffen und dort den Müll nach Verwertbarem durchwühlen. Bei einigen ist es reiner Protest, für andere überlebenswichtig. Was dort mitunter zutage gefördert wird, ist zuweilen beinahe nicht zu glauben.
Schon einmal im Jahr 2008 in der WDR-Reportage Gefundenes Fressen - Leben vom Abfall packte Filmemacher Valentin Thurn gemeinsam mit Britta Dombrowe dieses heiße Eisen an. In 30 Minuten lässt sich dieses Thema aber kaum erschöpfend behandeln, folglich gelangt jetzt die anderthalbstündige Dokumentation Taste the Waste in die Kinos. In dieser sucht Thurn unter anderem Antworten darauf, wie dieses System, das prinzipiell jeglicher Logik und Vernunft sowie jeder menschlicher Tradition entgegen läuft, immer weiter fort existieren kann und immer schlimmere Züge annimmt.
Die zentrale Frage, die sich zwangsläufig aufdrängt, lautet: Wie kann es sein, dass global Millionen Menschen hungern oder sogar verhungern, wohingegen es sich die westlichen Nationen erlauben, hemmungslos subventionierte Lebensmittel in Mengen zu produzieren, die schlichtweg nicht verwertet werden können, um sie dann in den Müll zu befördern? Vieles davon landet nicht einmal im Handel, nicht weil es mangelhaft ist, lediglich weil es optisch nicht dem Wunschbild entspricht und verrottet gleich wieder auf dem Felde.
Auf der Suche nach tieferen Erklärungen und Einsichten befragte Thurn in seiner Dokumentation Verantwortliche und Beteiligte aus der Lebensmittelproduktion, Abfallwirtschaft, Supermarktbetreiber, sowie Köche und Bauern auf der ganzen Welt. Dazu liefert er auch die passenden Bilder, die zwangsläufig aufrütteln und erschrecken müssen - und auch uns zwingen, über unser eigenes, tagtägliches Handeln zu reflektieren. Damit erinnert Taste the Waste inhaltlich wie auch qualitativ an Dokus wie Plastic Planet und Die 4. Revolution - Energy Autonomy. Glücklicherweise macht der Film zudem aber auch Hoffnung und zeigt dass und wie es anders geht, wenn man nur bereit ist, sein Verhalten ein wenig zu ändern. Ein wichtiger Beitrag für alle, die ihre Augen nicht mehr länger verschließen wollen.