In Arirang werden wir Zeuge von Kim Ki-duks filmischer Aufarbeitung einer Schaffenskrise, die ihn vor drei Jahren in die Isolation trieb. Die sorgsam inszenierten Monologe und Zwiegespräche des Ausnahmeregisseurs gewähren einen ungewöhnlich persönlichen Einblick in dessen Seelenleben. Oft beklemmend, manchmal auch skurril komisch ist diese auf Film gebannte Selbsttherapie eines kreativen Filmschaffenden. Ein außergewöhnlicher Film, der dem Zuschauer jedoch einiges abverlangt.
Lange Zeit war es ruhig um den seit Beginn seines filmischen Schaffens sehr arbeitsamen koreanischen Ausnahmeregisseur Kim Ki-duk. Ganze drei Jahre tauchte er ab. Grund dafür ist eine noch nicht überwundene Schaffenskrise, die den Mann, der Filmliebhaber und Festival-Besucher mit Filmen wie Bin-jip oder Frühling, Sommer, Herbst, Winter ... und Frühling immer wieder aufs Neue begeisterte, in die Isolation trieb. Was letztendlich zu dieser Schaffenskrise führte, bleibt auch nach dieser filmischen Aufarbeitung nicht vollständig aufgeklärt. Ein beinahe tödlicher Unfall auf dem Filmset seines letzten Werks Bi-mong sowie einige Unstimmigkeiten mit diversen Mitarbeitern können als Ursachen ins Feld geführt werden. Darüber hinaus scheint Kim Ki-duk auch mit einer schweren Depression zu kämpfen. Nun gewährt uns der gebeutelte Regisseur mit Arirang einen kurzen, aber eindrücklichen Einblick in seinen desolaten Gemütszustand.
Der Film beginnt sehr ruhig, ja fast schon meditativ. Wir sehen Kim Ki-duk, der sich in eine verschneite und einsame Hütte zurückgezogen hat. Dort verbringt er die meiste Zeit über in einem Zelt, welches er in der Garage errichtet hat. Wir begleiten den Regisseur bei der täglichen Routine, beim Essen machen, bei verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten. Lange dauert es, bis er das Wort ergreift und sich an sich selbst und seine Zuschauer wendet. Es folgen einige bedrückende, teilweise skurrile, stets sehr aufschlussreiche Monologe und Zwiegespräche, in denen Kim Ki-duk seinen eigenen Gefühlszustand analysiert, sich selbst mit tiefgreifenden Fragen konfrontiert, dies dann wiederum selbst kommentiert und seine Aussagen und Schlussfolgerungen erneut seziert. Dabei hinterfragt er die Gründe und Ursachen seiner Schaffenskrise, versucht diese irgendwie zu fassen, um sich dann selbst Möglichkeiten der Krisenbewältigung zu erschließen. Interessant ist das nicht nur deshalb, weil wir hier einen teilweise schonungslos offenen Einblick in das Innenleben dieses Filmemachers bekommen, sondern auch, weil die Fragen, mit denen sich Kim Ki-duk selbst konfrontiert, gleichsam persönlich wie existenzialistisch sind.
Wer hier nun aber einen in den heimischen Camcorder gewinselten, melancholischen Dauermonolog erwartet, wird positiv überrascht werden. Kim Ki-duk hat seinen Seelenstrip nämlich sorgsam filmisch aufbereitet. Die einzelnen Szenen wirken wohl überlegt, dramaturgisch durchdacht und präzise inszeniert. Kim Ki-duk ist der Star seines eigenen Films. Selbst in den Momenten größter Traurigkeit und Verstimmtheit ist Kim Ki-duk zu sehr Künstler, als dass er die filmische Aufarbeitung seiner Niedergeschlagenheit dem Zufall überlässt. Dies entbehrt natürlich nicht eines gewissen Narzissmus, doch die Art und Weise, wie der Regisseur damit im Film umgeht, ist höchst sympathisch und darüber hinaus integraler Bestandteil der Selbstenthüllung. Zudem wirkt das Ganze auch immer sehr reflektiert. So wendet sich Kim Ki-duk in einer Szene fast schon selbstironisch an das Kinopublikum und bedankt sich dafür, dass seine Werke auf renommierten Filmfestivals stets so gut aufgenommen werden, in vollem Bewusstsein darüber, dass auch Arirang wohl vor allem, wenn nicht gar ausschließlich, von einer kleinen Gemeinde von Filmliebhabern im Rahmen eines Filmfestivals gesehen werden wird.
Der Titel des Films ist einem koreanischen Volkslied entliehen. Dieses begleitet den Zuschauer den gesamten Film über in Form eines von Kim Ki-duk immer wieder angestimmten Klageliedes, durch das sich dessen Schmerz und Leid unauslöschlich in das Herz des Zuschauer einbrennen. Ja, Arirang ist zeitweise ein sehr anstrengender Film und sicherlich nicht jedem zu empfehlen, aber er ist bei weitem nicht so strapaziös, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde. Immer wieder wird die bedrückende Grundstimmung durch humoristische Töne durchbrochen und spätestens mit der äußerst skurrilen Form der Selbsttherapie, bei der wir Kim Ki-duk am Ende des Films begleiten dürfen, zaubert der Regisseur dem Zuschauer bei aller Beklemmung auch ein Grinsen ins Gesicht.