Spencer Sussers Langfilmdebüt ist eigentlich nur mit einem Adjektiv zu beschreiben: durchgeknallt. Bevölkert von lauter skurrilen Gestalten, erzählt Hesher eigentlich die traurige Geschichte einer Familie, die den Verlust der Mutter verkraften muss und sich damit denkbar schwer tut. In dieses dramatische Gerüst taucht der gewalttätige, unvernünftige und unberechenbare Typ namens Hesher ein und stellt alles gehörig auf den Kopf. Wer mit solch einer wilden Kombination keine Probleme hat, der kann sich von diesem Film unterhalten lassen und sich über unterschwellige Tiefe freuen.
Es gibt viele unterschiedliche Arten, traurige und bewegende Geschichten eindrucksvoll zu erzählen. So hat beispielsweise Roberto Benigni in Das Leben ist schön die zutiefst erschütternde Geschichte in eine Komödie integriert, was das Leid und die Grausamkeit noch viel eindrucksvoller wirken lies. Auch Spencer Susser belegt seine eigentlich von Trauer geprägte Geschichte mit einer ziemlich verrückten Schicht und lässt eher unterschwellig die dramatischen Töne hindurch schimmern, denn auf den ersten Blick ist Hesher einfach nur eine gelungene Freakshow.
Diese besteht hauptsächlich aus dem titelgebenden Typen namens Hesher. Der hat lange, zottelige Haare, seltsame Tattoos auf dem Körper, hört gerne laute Musik und haust dort, wo man ihn nicht wegscheucht. Durch Zufall trifft der junge T.J. auf diese seltsame Gestalt, sorgt versehentlich dafür, dass Hesher sein Quartier in einem baufälligen Haus aufgeben muss und hat ihn fortan am Hals. Denn Hesher zieht, wie selbstverständlich, in das kleine Häuschen der Familie Forney ein. Dort leben neben T.J. noch dessen Großmutter Madeleine und Vater Paul. Die Oma ist bereits ein wenig senil und hält Hesher für einen netten Jungen, der mit ihrem Enkel befreundet ist. Vater Paul wiederum ist viel zu sehr in seiner Trauer um den noch sehr frischen Tod seiner Ehefrau gefangen, als dass er sich irgendwie um den Eindringling kümmern könnte oder wollte. Einzig T.J. stört sich an der Hausbesetzung, kann aber gegen den deutlich älteren und stärkeren Hesher nichts ausrichten. So verleben alle ihren Alltag, und Hesher ist mitten drin.
Oberflächlich kann man sich über Heshers Aussagen und Taten einfach nur köstlich amüsieren. Er beschmiert Autos, fährt mit seiner eigenen Rostlaube und lauter Musik durch die Gegend und lässt nicht selten seiner schieren Zerstörungswut freien Lauf. Meist auf Kosten von T.J., der versucht, zu retten, was zu retten ist. Doch unter dieser ganzen Schicht befindet sich noch eine andere Ebene von Hesher. So ist er der Einzige, der aktiv agiert und Dinge in die Hand nimmt, wenn auch meist eher ungewöhnlich und wenig hilfreich. Doch obwohl er T.J. mehr Ärger bereitet als dass er ihm hilft, ist er der einzige, der sich wirklich um den Jungen, der gerade erst seine Mutter verloren hat, kümmert. Auch Oma Madeleine profitiert von dem Besuch. Während sowohl T.J. als auch Paul viel zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, nimmt sich Hesher Zeit für die alte Dame und gibt ihr damit zumindest ein wenig Halt in der schweren Zeit. Auch Paul, der in tiefen Depressionen gefangen ist und aus seinen Jogginghosen und von der Couch überhaupt nicht wegkommt, lockt er immer wieder an die Oberfläche und zwingt ihn zu Aktivität.
Ein besonderes Highlight stellen Heshers Anekdoten dar. Diese scheinen im ersten Moment absolut fehl am Platz und entbehren meist jeglichen guten Geschmacks. Doch wenn man über die Worte nachdenkt, so steckt eine doch ernste und zum Thema passende Botschaft dahinter, die das ganze wieder auf die Ebene der Ernsthaftigkeit zurückholt. Das komplettiert diesen skurrilen und anfangs wenig durchschaubaren Charakter. Dargestellt wird dieser äußerst glaubwürdig von Joseph Gordon-Levitt, der bisher eher als netter und seriöser Kerl, unter anderem in (500) Days of Summer oder Inception, zu sehen war. In dieser Inszenierung lässt er hingegen richtig die Sau raus und verleiht Hesher die nötige Substanz und Glaubwürdigkeit.
Auch die Rolle des Paul ist mit einem Schauspieler besetzt, den man so eher nicht erwartet hat. Rainn Wilson, der in The Rocker den ausgeflippten Alt-Rockstar mimte, zeigt sich hier von einer ernsten und ruhigen Seite, was ihm sehr solide gelingt. Auch Natalie Portman ist in diesem Film zu sehen, bleibt in ihrer Rolle als unsichere Kassiererin Nicole allerdings eher blass. Dabei muss hinzugefügt werden, dass der gesamte Charakter fast überflüssig im Film scheint und keine allzu starken Akzente setzt.
Auch wenn man zu Beginn nicht so wirklich weiß, was man da eigentlich präsentiert bekommt und wie man das Gesehene bewerten soll, lohnt es sich, die Geschichte zu verfolgen und die Charaktere zu begleiten. Gerade die Kombination aus den Charakteren und der tragikomischen Inszenierung wird Hesher mit fortschreitender Spieldauer immer besser und entwickelt am Ende sogar wirkliches Heul-Potential. Am Ende bleibt nur die Frage, wer die Schlange ist und wer die Maus.