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Unter Schnee

(Unter Schnee, 2011)

Dt.Start: 15. September 2011 Premiere: 15. September 2011 (Deutschland)
FSK: o.A. Genre: Dokumentation
Länge: 103 min Land: Deutschland
Darsteller: n/a
Regie: Ulrike Ottinger
Drehbuch: Ulrike Ottinger


Inhalt

In der japanischen Echigo-Provinz fällt jeden Winter Schnee in Höhe von mehreren Metern, der sich bis Mai halten kann. Die Regisseurin Ulrike Ottinger beobachtete mit der Kamera, wie die Bewohner der Region trotz des Schneefalls ihr Alltagsleben und ihre Traditionen bewahren. Zugleich begeben sich zwei Kabuki-Darsteller auf eine Reise in die Vergangenheit: ins Japan der Edo-Zeit.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Unter Schnee hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 36%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Florian Lieb
Unter Schnee hat eine Wertung von 36%
Hier ist Obacht gefragt, denn Ulrike Ottingers Film ist weder klassische Dokumentation, noch seine Prämisse erfüllendes Werk. Der Konstanzerin geht es nicht so sehr um die Vermittlung von Lebenserfahrungswerten aus einer verschneiten Region, sondern um hübsche poetische Bilder ohne Inhalt. Damit ist ihr Film mehr fotografische Kunst, denn Dokumentation.

Bild aus Unter Schnee Filme sind immer Kunst, egal ob Michael-Bay-Blockbuster oder Terrence-Malick-Bildgedicht. Wenn sich eine Dokumentation einem Künstler widmet oder von einem solchen inszeniert wird, kann es jedoch etwas verzwickt werden, falls die Künstler - vor oder hinter der Kamera - ihre Exzentrik zu sehr in den Vordergrund stellen. So versagt Over Your Cities Grass Will Grow, weil die Dokumentation bewundernd die Arbeit von Anselm Kiefer abfilmt, ohne wirklich etwas über die Arbeit oder den Künstler zu berichten. Unter Schnee hingegen leidet darunter, dass mit Ulrike Ottinger eine Künstlerin für das Inszenieren zuständig war. Am Ende ist ihr Inszenierungsstil der Star und nicht der Filminhalt.

In etwa in der Mitte Japans liegt yukiguni, das Schneeland. Eine geographische Region, die von starkem Schneefall heimgesucht wird, darunter auch die Provinz Echigo. Der japanische Schriftsteller Suzuki Bokushi widmete dem Schneeland einst mit seinem Hokuetsu Seppu eine eigene Symphonie. Und die Konstanzerin Ulrike Ottinger, vor einem Jahr ausgezeichnet mit dem Verdienstkreuz am Bande, widmete dem Hokuetsu Seppu sowie dem yukiguni nun mit ihrer jüngsten Dokumentation Unter Schnee ihre Aufmerksamkeit. Allerdings tut die gelernte Fotografin mit einem Faible für Asien dies auf ihre Weise. Was nicht zwingend dem entspricht, was das Publikum erwartet.

Denn dass Ottinger eine Künstlerin und keine Dokumentarfilmerin ist, merkt man dem Film an. Dass dieser überhaupt als Dokumentation gilt, ist zudem kritisch zu betrachten, da sich Ottinger immer wieder in inszenierte Szenen rettet, in denen sich zwei Kabuki-Darsteller auf eine fiktive Reise ins Edo-Zeitalter begeben. Gegenwart und Vergangenheit sollen verschwimmen, die Magie des yukiguni durch die Zeiten hindurch festgehalten werden. Damals und Heute, als Kontrast, der keiner ist. Das sollen die Traditionen untermauern, die von den Einwohnern der Provinz bewahrt werden. Wie das Werfen eines Bräutigams in den Schnee, wenn er ein Mädchen aus dem Dorf zu ehelichen wünscht.

Die Doku-Segmente werden stückweise von Ottinger eingestreut. Das Anzünden eines Strohstapels und die anschließende Schminkerei mit dessen Asche. Eine Kinderparade mit Laternen und Singsang auf die verschneite Jahreszeit. Das Auslegen von Crêpes, japanischen Seidentüchern, im Schnee, weil die Kälte deren Fabrikat bewahrt. Diese Segmente, zu denen auch ein traditionelles Federballspiel bis in die Dämmerung hinein gehört, sind fraglos interessant. Sie stehen dafür, wie die Menschen der Provinz sich ihre Traditionen bewahren und wie diese für die Bedeutung des Schneelandes für seine Einwohner stehen. Einen wirklichen Einblick in das Leben dieser Menschen vermittelt der Film dennoch nicht.

Welche Widrigkeiten bringt es mit sich, wenn sich stets aufs neue anderthalb Meter Schnee auf dem Dach finden und entfernt werden müssen? Was denken die Bürger der Echigo-Provinz? Ottinger fragt sie nicht, macht sich nicht mal die Mühe, die japanischen Passagen, wenn die Einwohner ganz natürlich sind, zu untertiteln. Die Bilder sollen Faszination genug sein, insbesondere dadurch, indem Ottinger mit den Edo-Szenen ein historiographisches Spiegelbild entwirft. Nur reißt einen die semi-dramaturgische Inszenierung immer wieder raus aus den interessanten Bildern. Dabei hat Unter Schnee eine durchaus spannende Prämisse: Wie leben Menschen in einer Region, die fast ganzjährig zugeschneit ist?

Nur erfährt das Publikum dies nicht wirklich. Gut ein Drittel des Films geht für die schön geschminkte und ausgestatte Edo-Nebenhandlung drauf (die allerdings keinen nützlichen Zweck verfolgt), ein weiteres Drittel befasst sich mit den Traditionsfesten. Diese repräsentieren eben das: Feste, Veranstaltungen, Inszenierungen. Aber nicht den Alltag. Nach über anderthalb Stunden ist man nicht schlauer, was das Leben im yukiguni angeht. Es werden Crêpes ausgelegt, manchmal Federball gespielt und Reisteig in einem ausgehöhlten Baumstamm geklopft. Wie es sich an einem x-beliebigen Tag in einer derart eingeschneiten Umgebung lebt, bleibt offen. Was machen (oder wo sind) eigentlich die Jugendlichen?

Nun muss nicht jede Dokumentation dem journalistischen Anspruch gerecht werden, Informationen zu transferieren. Und das war auch keineswegs Ottingers Intention. Ihr Film ist kein Film um der Informationsvermittelung willen. Sondern er ist ein Film um der Bilder willen. Hier zeigt sich Ottingers künstlerische Herkunft, ihre fotografische Vergangenheit. Informativ wie Inside Job ist das nicht. Oder unterhaltend wie eine Dokumentation von Morgan Spurlock (Super Size Me) oder Michael Moore. Es ist ein Film, der von einem Künstler geprägt ist, wie Over Your Cities Grass Will Grow. Nur auf andere, noch enttäuschender Weise. Kunst ist es allemal. In diesem Fall eben wenig Überzeugende.



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