Viele Arztwitze beginnen mit "Kommt ein/e Mann/Frau zum Arzt". Im Falle von Love Life - Liebe trifft Leben ist Carice van Houten jedoch nicht zum Lachen, als sie ihren Arzt aufsucht. Die Diagnose: Brustkrebs. Der bitteren Realität öffnet sich Reinout Oerlemans' Film dabei nur bedingt. Denn sein Fokus liegt auf dem promisken Ehemann.
Kommt eine Frau zum Arzt: "Herr Doktor ich hab einen Knoten in der Brust".
Darauf der Arzt: "Wer macht denn so was?" Über diesen Arztwitz dürften in Deutschland die 57.000 Frauen, die jährlich an Brustkrebs erkranken, wohl eher weniger lachen können. Ganz zu schweigen die 17.000 unter ihnen, bei denen die Krankheit letztlich tödlich verläuft. Hierbei handelt es sich um eine Sterberate von gut 30 Prozent. Oder anders ausgedrückt: Beinahe jede dritte Frau mit der Diagnose Brustkrebs überlebt ihre Erkrankung nicht. Experten schätzen, dass die Zahl der Krebserkrankten bis 2050 um fast ein Drittel steigen wird. Denn die deutsche Gesellschaft altert, und gerade ältere Menschen sind von Krebs betroffen.
So wie Judith van de Klundert, eine 36-jährige Niederländerin, die 2001 an Brustkrebs verstarb. Um ihre Krankheit und ihren Tod zu verarbeiten, schrieb ihr Mann Raijmondus "Raymond" van de Klundert unter dem Pseudonym "Kluun" seine Erlebnisse und Gefühle in dem Roman Mitten ins Gesicht nieder, der 2003 publiziert wurde. Sechs Jahre später adaptierte der Schauspieler Reinout Oerlemans das Liebesdrama in seinem Regiedebüt Love Life - Liebe trifft Leben, welches im niederländischen Original Komt een vrouw bij de dokter heißt. Oder übersetzt: Kommt eine Frau zum Arzt.
Der dritterfolgreichste Film des niederländischen Kinojahres 2009 - nur die Blockbuster Avatar sowie Harry Potter und der Halbblutprinz waren besser besucht - kommt nun, mit gut zwei Jahren Verspätung, auch in die deutschen Kinos. Dabei gerät Oerlemans' Film oft sehr packend, teils sogar sehr bewegend. Nur: Für seine durch Carice van Houten dargestellte Brustkrebspatientin Carmen interessiert sich der Film nur bedingt. Im Fokus steht Barry Atsmas Figur des Stijn: ein untreuer Narzisst. Wenn Carmen sich zu Hause im Bett erbricht, steigt Stijn in den Amsterdamer Clubs anderen Frauen nach.
Das liegt natürlich an Kluuns Vorlage, die aus seiner Perspektive verfasst wurde. Aber der Zugang zu dem bedrückenden und unangenehmen Thema wird dadurch nicht erleichtert. Zwar folgt man bisweilen Carmen durch ihre Chemotherapien oder erlebt, wie sie während einer Besprechung ihre ersten Haare verliert, aber weitestgehend bleibt die Kamera bei Stijn. Der wiederum tanzt immer wieder durch die Clubs, macht auf Toiletten rum und geht schließlich eine Affäre mit Anna Drijvers Malerin Roos ein. Da passt es, dass Roos sich Stijn jahrelang verweigerte und erst dann mit ihm ins Bett steigt, als sie von Carmens Erkrankung erfährt.
Es ist Oerlemans' großer Verdienst, dass man Stijn nicht verabscheut. Dessen Promiskuität wird etwas lapidar zu Beginn versucht, als natürlich zu etablieren. Und indem Carmen sie akzeptiert, soll dies wohl auch der Zuschauer. Dass Stijn der Krebs seiner Frau aufs Gemüt schlägt, glaubt man. Aber indem der Krankheitsverlauf per Montagestil abgearbeitet wird, lässt sich ein gewisser Widerwillen, dabei zuzusehen, wie Stijn versucht, sein altes Leben weiterzuführen, nicht abschütteln. "In guten wie in schlechten Zeiten", erinnert ihn Carmen schließlich ans Ehegelübde, als Stijn beginnt, mehr Zeit mit Roos zu verbringen, als mit ihr.
Somit wäre die Geschichte noch ergreifender ausgefallen, wenn sie sich mehr für Carmens Innenleben während ihrer Krankheit interessiert hätte, als für das von Stijn. Zudem machen sich auch einige Längen und Redundanzen im dritten Akt bemerkbar, die Oerlemans problemlos durch Straffungen hätte vermeiden können. Nichtsdestotrotz ist Love Life - Liebe trifft Leben aber ein über weite Strecken gelungenes und bewegendes Liebesdrama in der Tradition von Arthur Hillers Klassiker Love Story geworden, das mit zwei überzeugenden Hauptdarstellern und einigen sehr gefälligen Einstellungen aufzuwarten weiß.