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Sprich mit ihr

(Hable con ella, 2002)

Dt.Start: 08. August 2002 Premiere: 15. März 2002 (Spanien)
FSK: ab 16 Genre: Komödie, Drama, Romanze
Länge: 116 min Land: Spanien
Darsteller: Javier Cámara (Benigno), Dario Grandinetti (Marco Zuloaga), Rosario Flores (Lydia), Leonor Watling (Alicia), Geraldine Chaplin (Katerina Bilova), Mariola Fuentes (Rosa), Fele Martinez (Alfredo), Paz Vega (Amparo), Chus Lampreave (Concierge), José Sancho (Nino de Valencias Agent), Elena Anaya (Angela), Adolfo Fernández (Nino de Valencia), Loles Leon (TV Moderator), Yuyi Beringola (Lawyers Rezeptionistin)
Regie: Pedro Almodovar
Drehbuch: Pedro Almodovar


Inhalt

Der Krankenpfleger Benigno kümmert sich seit vier Jahren rührend und voller Hingabe um eine komatöse Patientin namens Alicia. Eines Tages wird die Stierkämpferin Lydia in die Klinik eingeliefert - ebenfalls im Koma. Während Benigno daran glaubt, dass beide Patientinnen durch die Kraft des ständigen Redens mit ihnen geheilt werden könnten, hat Lydias Freund Marco schon Probleme, sie auch nur anzufassen. Dennoch entwickelt sich eine innige Freundschaft zwischen beiden Männern - und zwischen Benigno und Alicia gar noch viel mehr.
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Kritik

Sprich mit ihr hat eine Wertung von 90%

Fast hat man das Gefühl, als wäre Spaniens ehemaliges "enfant terrible" an einem Punkt angelangt, an dem er eine gewisse "Altersweisheit" erfährt - so viel Erfahrung, Ruhe und Intelligenz versprühen die jüngeren Filme des einst unnachahmlich schrillen Pedro Almodovar. Der wichtigste Regisseur seines Heimatlandes hat schon mit seinem Oscar-gekrönten Werk Todo Sobre Mi Madre (Alles Über Meine Mutter, 1999) zu den leiseren Tönen gefunden und mit Sprich mit ihr, einem weiteren Meisterwerk und einem der besten Filme des Jahres, geht er diesen Weg konsequent weiter und ein ähnlicher Erfolg dürfte ihm ganz sicher sein.

Sprich mit ihr ist ein wunderbarer Film; eine der schönsten Liebesgeschichten seit Breaking the Waves, gleichermaßen todtraurig, wie auch hoffnungsfroh, weise und stets zutiefst sensibel und bewegend. Der Film erzählt zwei gleichermaßen interessante Geschichten, die er schnell kunstvoll miteinander zu verweben weiß: Die eine ist die einer klassischen "amour fou", einer Liebe, die man als wahnsinnig bezeichnen möchte, deren Bedingungslosigkeit, deren Aufopferung und Hingabe jedoch so endlos groß sind, dass man sie nicht nur nachvollziehen kann, sondern dass sie einem gar tief in sich als die einzig wahre Liebe vorkommt: Der lebensbejahende Benigno liebt eine ins Koma gefallene Frau. Er hat nie ein Wort von ihr gehört und dennoch führt er lange "Gespräche" mit ihr, fest davon überzeugt, sie könne ihn hören. Benigno liest Alicia vor, er zeigt ihr Prospekte mit Möbeln, erzählt ihr von Stummfilmen, die er in der Kinemathek gesehen hat. Sein Umgang mit ihr und ihrem Körper ist so vertraut und selbstverständlich, dass man das Gefühl bekommt, hier Pflege ein Mann seine Ehefrau, mit der er schon seit zwanzig Jahren verheiratet ist. Mir jeder Bewegung, jedem Gesichtsausdruck, jedem der langen Monologe und jeder Gestik des hervorragend spielenden Javier Cámara als Benigno wird diese tiefe Liebe deutlicher und intimer, eine abstrus erscheinende Beziehung, von der Benigno meint, sie sei inniger und fester als die vieler anderer Paare.

Benigno ist ein eigenwilliger Charakter. Ein "weiser Thor", sexuell erfahrungslos und - soweit wie wir es erfahren - für Frauen nicht von Interesse. Und dennoch steht er den Frauen so nahe, wie man es sich nur vorstellen kann: Sein ganzes Erwachsenenleben verbrachte er damit, komatöse Patientinnen zu pflegen; es ist seine Berufung, der Grund seines Daseins - in seiner Jugend kümmerte er sich bereits bis zu ihrem Sterben um seine Mutter; zu seinem Vater hatte er lange Zeit keinerlei Kontakte mehr. Sein Verhältnis zu "seinen Frauen" ist von natürlicher Intimität: Er wäscht sie am ganzen Körper, streichelt sie, ist Tag und Nacht bei ihnen, legt ihnen in den Zeiträumen ihrer Periode sogar die Binden an. Er ist mit diesen Dingen groß geworden. Für ihn gibt es nichts Selbstverständlicheres und Bekannteres als die Körper von Frauen, die regungslos in ihren Betten liegen, deren Augen sich manchmal geisterhaft öffnen, und die ihn - nach medizinischer Überzeugung - doch weder sehen, noch hören noch spüren können. Alicia ist nun genau eine jener Frauen, zu denen er im "bewussten Zustand" nie gefunden hätte, für die er vollkommen belanglos gewesen wäre. Sie ist eine Ballerina, eine höchst attraktive junge Frau, die er auch seit langem beobachtet hat; ist ihre Ballettschule doch gegenüber seiner Wohnung. Er liebt sie sofort, aber für sie ist er nur jemand, der sie nach Hause begleitet hat, nachdem er ein Portmonee aufgehoben hat, das sie verloren hatte. Dann passiert ein Unfall und Alicia liegt im Koma; Benigno nimmt sich ihrer an und kommt ihr so nahe, wie er es sonst nie geschafft hätte. Er spricht liebevoll mit ihr, will sie durch die Kraft der Kommunikation heilen.

Quasi parallel zu Benigno und Alicia führt uns Almodovar eine weitere Beziehung vor Augen, das als idealer Kontrapunkt zu den erstgenannten fungiert: Marco und Lydia. Marco ist ein argentinischer Journalist (ebenfalls großartig interpretiert von Dario Grandinetti, dem vielleicht bekanntesten Schauspieler seiner Heimat), ein Mann mittleren Alters, aus dessen Augen gleichermaßen sexuelle Verwegenheit, Passion, wie aber auch tiefe Trauer und eine ihn schwer belastende Geschichte sprechen: Marco versucht loszukommen von einer vergangenen Liebe zu einer Drogensüchtigen und überwindet diese Zeit doch nie ganz. Er findet neuen Halt und eine neue Liebe bei der Stierkämpferin Lydia; einer maskulin und enorm stark wirkenden Persönlichkeit, die es in der Arena zwar mit sechs Stieren aufnimmt, aber bei einer Schlange in ihrer Wohnung diese nie wieder betreten will. Marco und Lydia kommen sich immer näher, nachdem dieser ursprünglich nur einen Artikel über sie schreiben wollte. Als Lydia dann während eines waghalsigen Kampfes von einem Stier aufgespießt wird und ins Koma fällt, bricht für Marco eine Welt zusammen - so fern erscheint ihm die bewegungslos daliegende Lydia nun. Marco ist der völlige Gegenpart zu Benigno. Marco ist seiner Ansicht nach nun so weit entfernt von Lydia, wie es nur irgend möglich ist, wagt es nicht einmal, sie auch nur anzufassen, geschweige denn mit ihr zu sprechen, während es bei Benigno genau umgekehrt ist, dieser ohne Unterbrechung mit Alicia spricht, und das, obwohl beide Frauen im exakt gleichen Zustand sind.

Gerade an dem Marco-Lydia-Subplot werden viele von Almodovars Intentionen bei der Herstellung von Sprich mit ihr, sowie auch seine ganz typische Handschrift deutlich: Es ist Lydia, die in die Arena mit den Stieren steigt. Die Frau, nicht der Mann. In furios eingefangenen, glühend erotischen Szenen aus hervorstechenden roten Tüchern, glänzender Kampfkleidung, wirbelndem Staub und schwül-gespannter Atmosphäre im Sande der Arena zeichnet der Regisseur das Bild einer ungewöhnlichen, starken Frau; einer mit männlichen Zügen versehenen, aggressiven Weiblichkeit in der Welt des vollkommen Männlichen. Das Äquivalent zu Lydias Dominanz auf einem rein männlichen Gebiet bietet im Film die Geschichte eines alten Stummfilms aus der Kinemathek, von dem Benigno Alicia erzählt: Nachdem ein Mann aus reiner Überheblichkeit ein "Wundermittel" ausprobiert, das seine Frau entwickelt hat, schrumpft er auf Fingergröße zusammen, läuft dann später über ihren nackten Körper und begibt sich schließlich in ihre Vagina, aus der er nie wieder hervorkommt.

Wer auch nur ein paar der Almodovar-Filme kennt, weiß, was sein filmisches Oeuvre ist: Der Spanier ist ein "Frauenregisseur" in der Tradition Cukors und Mizoguchis. Diese omnipräsente Thematik seines Schaffens dringt auch in Sprich mit ihr vor. Es sind die Frauen, die mit Stieren kämpfen, die ihr Schicksal tragen, die ihre Rolle in der Gesellschaft zu meistern wissen. Die Männer sind es vielmehr, die ihnen bewundernd hinterher schauen, denen auf Hochzeiten die Tränen kommen, die Obsessionen haben, die ganz einfach die "Kleinen" sind. Und dennoch ist der faszinierendste Aspekt an Sprich mit ihr, dass es Almodovar gelingt, einen für ihn so typischen "Frauenfilm" als Gerüst für eine ergreifende Männergeschichte um tiefe, unumstößliche Freundschaft konstruiert. Denn so verschieden wie Benigno und Marco auch sein mögen, über das Schicksal ihrer beiden Frauen entwickelt sich zwischen den Männern eine innige Beziehung, beinahe eine Brüderlichkeit. Gerade bei der Schilderung dieser Freundschaft erschuf Almodovar gleich mehrere Szenen von vollendeter Meisterlichkeit! Etwa in jener, in der Benigno im Gefängnis hinter einer Glaswand sitzt, weil seine übergroße Liebe zu Alicia, die er als erwidert glaubt, zum Unausweichlichen geführt hat. Marco sitzt ihm gegenüber, sie pressen ihre Hände auf die Glasscheibe und Benigno erzählt Marco vom Lesen einiger Reiseführer, die dieser geschrieben hat. Benigno empfand diese Reiseführer wie eine Art Reise durch die Welt mit seinem Freund, auf der jener ihm alles erklärte und beschrieb. Es ist eine Szene, in der zwei Männer unverholen weinen; eine Szene, die so ungeheuer eindringlich, wunderschön und zärtlich ist, ohne dabei jemals larmoyant zu wirken. Sie steht sinnbildlich für den ganzen Film Sprich mit ihr: Eine sensible, in ruhigen formvollendeten Bildern festgehaltene Meditation über verzweifelte Liebe, Verlust, Einsamkeit, das Männliche im Weiblichen und das Weibliche im Männlichen. Ein Meisterwerk, dessen große psychologische Komplexität sich erst in einem zweiten, dessen enorme Schönheit und Kraft aber bereits beim ersten Sehen entfalten. Ein untypischer, typischer Almodovar-Film.

von Janis El-Bira


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