Bruno ist ein ganz besonderer alleinerziehender Vater. Durch eine angeborene Intelligenzschwäche befindet er sich immer noch auf dem geistigen Stand eines Zehnjährigen. Radost, seine 13-jährige Tochter, ist hingegen ein überaus aufgewecktes Mädchen, dem inzwischen bei ihrem Zusammenleben der Part der Erziehungsberechtigten zukommt. Jahrelang ging das gut, Radost steht aber kurz davor, ins Erwachsenenalter einzutreten, in ein Leben, in das sie ihr Vater niemals wird begleiten können. Coming-of-Age-Story mit den üblichen Klischees, ergänzt um das Element des geistig zurückgebliebenen Vaters, das als grotesker Handlungsmotor herhalten muss.
Regelmäßig rücken die Filmschaffenden geistig unterprivilegierte Menschen in den Fokus. Daran ist prinzipiell nichts zu bemängeln, solange die erzählte Geschichte in sich stimmig ist. Filme wie Forrest Gump oder Rain Man brachten Tom Hanks und Dustin Hoffman sogar jeweils einen Oscar für die Darstellung solch eines Menschen ein. Die Beliebtheit solcher Figuren liegt vermutlich mit daran, dass sie prototypische Antihelden abgeben, mit denen das Publikum bereitwillig sympathisiert. Dabei wird mitunter vergessen, dass sowohl Forrest Gump, als auch Raymond Babbitt, den Hoffman in Rain Man verkörperte, im Grunde Kunstfiguren sind.
Der durchschnittliche Autist ist nicht mit all diesen mathematischen Supertalenten gesegnet, die Babbitt an den Tag legt. Dieser ist eine überzeichnete Figur, die sich gleich aus einer ganzen Reihe Super Savants (Autisten, die in speziellen Gebieten überragende Fähigkeiten aufweisen) zusammensetzt. Gump hingegen, der einen IQ deutlich unter 100 aufweist und das Leben als bunte Pralinenmischung ansieht, wird erst dadurch zu einer hervorstechenden Figur, indem er Dinge in seinem Leben leistet, die selbst für "normal Begabte" eine große Herausforderung wären.
Anja Jacobs konfrontiert uns in ihrem Film Einer wie Bruno mit einer ganz besonderen Vater-Tochter-Situation. Bruno (Christian Ulmen) erzieht nach dem Tod der Mutter seine inzwischen 13-jährige Tochter (Lola Dockhorn) alleine. Bruno leidet allerdings auch an Oligophrenie, einer angeborenen Intelligenzschwäche, die verhindert, dass er über den geistigen Entwicklungsstand eines Zehnjährigen hinauskommt. Radost, als überaus aufgewecktes Teenagermädchen, ist ihm somit um Lichtjahre voraus. Sie ist es auch, auf deren jungen Schultern die gesamte (elterliche) Verantwortung für das Zusammenleben ruht. Regelmäßig überprüft eine Dame vom Jugendamt das Gelingen dieses Arrangements. Für diesen Zweck haben Radost und Bruno eigens eine Show einstudiert, in der Bruno den strengen Vater gibt, der seine Tochter gut im Griff hat.
Die Pubertät ist aber eine äußerst schwierige Zeit, und obwohl Radost weder zur Zicke mutiert und ganz im Gegenteil ein schier unglaubliches Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Situation ihres Vaters aufbringt, leidet sie doch immens unter den besonderen Gegebenheiten, die ihr viele Beschränkungen und auch Verzicht auferlegen: Sie kann nie jemanden mit nach Hause nehmen; dabei ist es weniger die Scham, die sie zurückschrecken lässt, als die Angst davor, von ihren Mitschülern, die sie ohnehin für einen Freak halten, gemobbt zu werden, sollten die jemals erfahren, wie speziell ihr Vater ist. Auf eine mehrtägige Klassenfahrt zu fahren, erscheint auch nahezu undenkbar, angesichts dessen, was Bruno, allein auf sich gestellt, in der Zwischenzeit anstellen würde. Als sich Radost in einen Mitschüler verliebt und der überraschend vor ihrer Wohnungstür auftaucht, wird es immer schwieriger das Geheimnis aufrechtzuerhalten. Und ihr Vater macht es ihr nicht leichter, da er in seiner Angst, sie zu verlieren, sich immer stärker an sie klammert.
Der Konflikt ist in Jacobs Vater-Tochter-Drama/Coming-of-Age-Story vorprogrammiert. Das eigentliche Thema scheint hingegen eher Konformität, in allen erdenklichen Formen. Konformität als Erwachsener, der sich im Berufsleben einfügen muss, Konformität als Jugendlicher, da es für Heranwachsende sozial geradezu verheerend sein kann, außen vor zu stehen. Um das zu thematisieren, bedient sich die Regisseurin Figuren, die sich von der Künstlichkeit "amerikanischer Vorbilder" unterscheiden sollen und tappt dabei selbst in die Klischeefalle. Bruno soll sich auf dem geistigen Stand eines Zehnjährigen befinden, Ulmen legt aber die Rolle zuweilen wie die eines Grenzdebilen an. Der Unterschied zu der frühreifen Filmtochter wird damit umso signifikanter, allerdings wirkt das alles derart overacted, dass die Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleibt.
Sträflich außer Acht gelassen wurde zudem, dass Menschen, die einen eingeschränkten Intellekt haben, trotzdem über die Jahrzehnte hinweg allein über die Erfahrungen Reifeprozesse durchlaufen, die sie zu weit funktionaleren Individuen machen, als es in Einer wie Bruno in Erwägung gezogen wurde. Auf der anderen Seite erlebt man eine 13-Jährige, die mit der Bedachtsamkeit, Einsicht und Sensibilität einer reifen, erwachsenen Frau agiert. Das vollführt Lola Dockhorn zugegebenermaßen a la bonheur, macht es damit aber geradezu notwendig, mit mehr oder minder absurden Zuspitzungen Vater und Tochter auf Kollisionskurs zu bringen. Das wäre auch deutlich natürlicher, subtiler und situativer aus dem Alltag heraus möglich gewesen, beispielsweise, indem der Entwicklung der Geschichte ein Zeitraum von ein bis zwei Jahren eingeräumt worden wäre und die Probleme einer Heranwachsenden nicht klischeehaft im Schnelldurchlauf abgehandelt worden wären. Zudem hätte man somit deutlich auf die Bremse treten können, was den (unvermeidlichen) Hang zum Grotesken angeht.