Neil Jordans Umsetzung des ersten Teils von Anne Rices' zehnteiligem Band "Chronik der Vampire" zählt ohne Zweifel zu den bekanntesten Vampirfilmen überhaupt. Auch wenn Interview mit einem Vampir besonders in den Dialogszenen mit einigen Längen zu kämpfen hat und sich hin und wieder bedenklich nahe am Kitsch bewegt, ist er dennoch ein nettes Vampirmärchen mit beeindruckender Starbesetzung und Charisma, das trotz einiger Schwächen jedem empfohlen werden kann.
Interview mit einem Vampir ist bis heute ein Kultfilm. Dies verdankt er, abgesehen von seiner Besetzung, seinem ungeheuren Charisma und der Sympathie, die der Zuschauer recht schnell für die Geschichte entwickelt. Die Idee, eine Vampirgeschichte in der (damals) heutigen Zeit in einem Interview zu erzählen, ist ein interessanter, innovativer Ansatz und bietet zusätzliches Identifikationspotential, schließlich werden sich die meisten in ihrer menschlichen Neugier und Naivität in dem interviewenden Reporter wiedererkennen. Ursprünglich sollte die Geschichte, die auf einem Roman der amerikanischen Schriftstellerin Anne Rice beruht, von David Cronenberg, den man bis dahin hauptsächlich von Filmen wie Videodrome, Die Fliege oder Naked Lunch kannte, umgesetzt werden. Doch auch wenn die Vorstellung durchaus interessant ist, war es sicherlich kein Fehler, die Regie an den Iren Neil Jordan (Die Zeit der Wölfe) zu übergeben, nachdem Cronenberg ablehnte.
Vampirgeschichten neigen, wenn sie allzu romantisch und melodramatisch inszeniert sind, gelegentlich dazu, eine gewisse Kitschigkeit zu entfalten. Bei Interview mit einem Vampir ist dies manchmal tatsächlich grenzwertig. Wenn man jedoch an spätere Werke des Genres wie beispielsweise die Twilight-Filme denkt, bewegt sich Neil Jordans Film noch im angenehmen Rahmen. Dennoch wurde an Theatralik nicht gespart, was die Geschichte streckenweise ein wenig aufgesetzt wirken lässt. Auffällig ist auch, dass die Gewichtung, wann sich der Streifen selbst sehr ernst nimmt und wann ein deutliches Augenzwinkern spürbar ist, nicht immer gelungen ist. So gibt sich die Erzählung einerseits herzzerreißend bewegend und dann wieder ein wenig verspielt und fast schon albern. Unentschuldbar sind vor allem die letzten Minuten des Filmes. Denn leider klingt das nette Vampirmärchen mit einem vollkommen an den Haaren herbeigezogenen, albernen Überraschungsmoment aus, den sich die Macher wirklich hätten sparen sollen.
Auch was den Unterhaltungswert angeht, lassen sich einige Kritikpunkte finden. Leider schleichen sich immer wieder deutlich spürbare Längen ein, und so manche Dialogszene ist ein wenig ausführlicher geraten, als sie hätte sein müssen. Dennoch ist die Geschichte insgesamt sehr durchdacht und wirkt angenehm rund. Im letzten Drittel des Filmes wird der Zuschauer mit teilweise heftigen Gewaltdarstellungen konfrontiert, was an sich kein Problem ist und in eine Vampirgeschichte auch durchaus passt, jedoch nicht so recht mit der zuvor relativ harmlosen, fast schon kindgerecht märchenhaften Erzählweise harmoniert.
Die Besetzung ist, besonders aus heutiger Sicht, spektakulär. Tom Cruise, Brad Pitt und Christian Slater (die ein Jahr zuvor schon zusammen in True Romance zu sehen waren), Antonio Banderas (Irgendwann in Mexico) und eine junge Kirsten Dunst (Melancholia) zusammen in einem Film zu sehen, spricht allein schon für dieses Werk. Tatsächlich wäre Interview mit einem Vampir nicht so sehenswert, wenn es nicht die zahlreichen Stars wären, die blass geschminkt in ihren niedlichen Vampirkostümen agieren. Dennoch sind es nicht die überzeugendsten Vampire, die man bisher gesehen hat, wobei dies sicherlich stark von der eigenen Vorstellung eines Vampires abhängt. Als Anne Rice erfuhr, dass die Rolle des Lestat mit Tom Cruise, den man bis Dato vor allem aus Top Gun kannte, besetzt werden sollte, stellte sie sich zunächst quer, da sie auf Rudger Hauer (Blade Runner) bestand. Als sie Cruises Darbietung jedoch sah, änderte sie rasch ihre Meinung und tatsächlich: Tom Cruise ist ein fabelhafter Vampir.
Letzten Endes ist der Erfolg des Filmes sicherlich gerechtfertigt. Nicht zuletzt wegen der Besetzung und seiner dichten Atmosphäre gehört er trotz seiner Schwächen zu jenen Filmen, die man unbedingt gesehen haben muss, bevor man stirbt, oder von einem Vampir gebissen wird.