In seinem jüngsten Werk verschmilzt Sono Shion mal wieder eine dysfunktionale Familie und tödliche Begegnungen mittels sehr viel schwarzem Humor. Und das alles nur, um herauszufinden, was man sich alles gefallen lässt - wie das Filmposter verkündet. Das ist zwar bisweilen etwas redundant, aber durchweg unterhaltsam, absurderweise gerade wegen seiner graphischen Gewalt. Ein Film von Sono Shion eben.
Als einfacher Familienvater hat man es nicht leicht. Die jugendliche Tochter verschwindet einfach vom Esstisch, um sich mit ihrem Freund zu treffen, die Ehefrau reagiert durchweg abweisend, wenn man ihre Nähe sucht, und dann wird man abends auch noch in einen Supermarkt gerufen, weil ebenjene Tochter Ladendiebstahl begangen hat. Es scheint ein ganz normaler Abend für den kleinen Zierfischhändler Syamoto zu sein. Noch ahnt er nicht, dass die kommende Woche sein eigenes Leben, sowie das seiner Familie für immer verändern wird.
Eher zufällig hilft Syamoto im Supermarkt ein Kollege aus der Patsche. Auch Murata hat einen Zierfischladen, allerdings einen weitaus pompöseren. Aus Dankbarkeit lässt sich Syamoto zuerst auf einen Kaffee ein, dann darauf, dass seine Tochter Mitsuko von zu Hause aus und dafür bei Murata und seiner kessen Frau Aiko einzieht. So habe sie es näher zum Laden, wo sie neben einem halben Dutzend anderer gut aussehender Mädchen angestellt wird. Während sich Mitsuko freut, von daheim und damit ihrer nervigen Stiefmutter weg zu kommen, setzen bei Syamoto Zweifel ein.
Immer mehr bemächtigt sich Murata des Lebens von Syamoto, dem schüchternen bebrillten Planetariumsfan. Während Ersterer sich nimmt, was er will - sei es das Geld eines Konkurrenten oder die Frau eines Kollegen -, ist Syamoto eindeutig die passive Figur in Sono Shions jüngstem Film, der im Sommer auf dem Fantasy Filmfest lief und nun direkt auf DVD erschien. Murata agiert, Syamoto reagiert. Die Spirale, in die sich der Familienvater begibt, nimmt immer gefährlichere Ausmaße an, was ein Entrinnen erschwert. Cold Fish, das ist dieser Konflikt zwischen Murata und Syamoto.
Greif zu, sonst nimmt es dir ein anderer fort, sang einst in Disneys Das Dschungelbuch Balu der Bär. Und eine ähnliche Maxime propagiert der hedonistische Murata. Seine Motive sind schwer zu durchschauen, da er durchaus auch daran interessiert zu sein scheint, Syamotos Charakter zu stärken und ihm auf diese Weise zu helfen. Ja, vielleicht sich selbst am Anfang seiner Entwicklung in dem verschüchterten Komplizen wiedererkennt. So gesehen ist der Verlauf des Films vorprogrammiert und sein finaler Klimax nur eine Frage der Zeit. Was ihm nichts an Intensität nimmt, nur weil er bereits anderthalb Stunden vorher abzusehen ist.
Zu sagen, Cold Fish begebe sich in menschliche Abgründe, wäre vermutlich zu viel des Guten. Es geht in Sonos Werk nicht so sehr darum, wie viel Schmerz ein Mensch ertragen kann, sondern was es braucht, um diese andere Seite in ihm zum Vorschein zu bringen. Und es geht, in übersteigerter satirischer Weise, auch um soziale Fragen wie das Patriarchat, insbesondere in einer Kultur wie der japanischen. Wie Sono an diese Themen herangeht, auf fast schon nihilistische Weise mit all seinen aufgeladenen Sex- und Gewaltexzessen, dürfte nicht jedem gefallen. So gesehen ist Cold Fish weitaus weniger verspielt wie Sonos 2008er magnus opus Love Exposure.
Im Vergleich zu diesem ist sein jüngster Film etwas redundant und dadurch langatmig, gerade bei seinem Übergang von zweiten in den dritten Akt. Weil Sono es jedoch versteht, auf pervertierte Weise Gewalt und Lust zu verschmelzen, ist Cold Fish dennoch höchst unterhaltsam und vergnüglich ausgefallen. Das Ensemble, allen voran natürlich Denden und Fukikoshi, stellt sich dieser Vision bereitwillig zur Verfügung und überzeugt ebenso wie die Kameraarbeit von Kamura Shinya und die Musik von Harada Tomohide. Sie alle sorgen für einen gelungenen Horror-Thriller, der uns am Ende mit der Botschaft entlässt, dass das Leben Schmerz sei. Wer sich Cold Fish anschaut, könnte das glatt glauben.