Jungfeministinnen aller Länder vereinigt euch. Die rote Braut, die keinen Prinzen will, um im Ehejoch zu verwelken, reitet und schießt sich durch eine längst vergangene mystische Epoche der Highlands Schottlands und hört auf den Namen Merida. Die Pixar-Studios liefern mit ihrem neuesten Film vermutlich das Beste ab, was Aug und Ohr jemals als Animationsstreifen erfreuen durfte. Die liebevoll ausgestalteten Persönlichkeiten der Charaktere sorgen zudem dafür, dass die Figuren mehr sind als CGI-Retortenprodukte. Das will sichtlich gefallen. Leider wurde bei der Ausgestaltung der Geschichte nicht ebenso konsequent verfahren.
Aus dem Hause Pixar, der etwas frecheren Disney-Animationsschmiede, kamen in den letzten Jahren immer wieder absolute Volltreffer: Wall-E, Oben oder Toy Story 3 sind nur ein paar der Titel, mit welchen die CGI-Spezialisten aus dem sonnigen Kalifornien die Herzen der Cineasten eroberten. Anders als bei den klassischen Disney-Trickfilmen, die vor allem eine jüngere Zielgruppe ins Auge fassen, besitzen die Pixar-Filme das Potenzial, auch ein älteres Publikum zu begeistern. Mit dem neuesten Streich Merida, im Original Brave (tapfer/mutig), gelangt eine furiose Abenteuergeschichte in die Kinos, die in den schottischen Highlands angesiedelt ist.
Merida (Kelly Mcdonald) ist ein echter Wildfang mit wehender roter Mähne. Und sie ist auch die Braut, die sich nicht trauen will. Als Erstgeborene eines schottischen Highland-Königs wuchs sie mehr wie ein Junge denn eine Prinzessin auf. Bogenschiessen oder im wilden Galopp durch die bewaldeten Berge ihrer Heimat reiten, sind ihr allemal lieber, als höfische Etikette. Merida scheint keine Angst zu kennen; sie fürchtet nicht einmal das gigantische alte Bärenmonster, das diese Regionen seit vielen Jahren durchstreift und das ihrem Vater im Kampf ein Bein raubte. Eine Geschichte, die der alte König Fergus (Billy Conolly) nimmermüde wird, zum Besten zu geben.
Wie sehr Merida ihre Unabhängigkeit auch genießt, sie wird sich dem Diktat ihres Standes auf Dauer nicht entziehen können. Mehrere erstgeborene Prinzen stehen schon bereit, um ihre Hand anzuhalten. Allerdings darf Merida entscheiden, nach welchen Kriterien der Zukünftige ausgewählt wird. In einem Wettbewerb im Bogenschießen dürfen die Kandidaten ihr Geschick beweisen. Als der sichere Gewinner bereits festzustehen scheint, tritt Merida plötzlich auf den Plan und hält selbst um ihre eigene Hand an. Mit drei meisterlichen Schüssen deklassiert sie die Konkurrenz, erzürnt ihre Mutter, Königin Elinor (Emma Thompson), aber über die Maßen. Solch ein Verhalten ist einer Prinzessin nicht würdig - schon gar nicht ihrer Tochter. Elinor ist tief gekränkt und fühlt sich blamiert.
Glücklich ist Merida mit der Situation nicht. Sie sieht ihre einzige Chance jedoch darin, ihre Mutter dazu zu bewegen, ihre Meinung dauerhaft zu ändern. Wie es der Zufall will, begegnet ihr im Wald eine seltsame alte Frau - eine Hexe, die sich mit allerlei Elixieren und magischen Tränken auskennt. Merida bittet die Alte, ihr einen Trank zu brauen, der ihre Mutter dazu bringt, ihre Einstellung zu ändern. Ihrem Wunsch wird entsprochen. Der Trank wirkt aber anders als erwartet: Nicht die Einstellung der Königin wandelt sich, sie selbst verwandelt sich in eine Bärin. In der Gestalt kann sie unmöglich weiter im Schloss leben. Vor allem da ihr Gatte ein großer Bärentöter ist. Mit Meridas Hilfe gelingt es der Königin-Bärin, sich aus dem Schloss zu schleichen. Gemeinsam ziehen sie eine Zeitlang durch die Wildnis, dort lauert aber schon eine alte Bestie auf ihre Chance.
Ein wundervoll geheimnisvolles Flair umweht das 14. Abenteuer der Pixar-Studios. Merida ist vor allem ein Hochgenuss für die Sinne. Sowohl die prächtigen Bilder mit liebevoll gestalteten Landschaften als auch die melancholischen Klänge der Highlands fangen das Publikum rasch ein und lassen es der tristen Realität entfliehen. Visuell ist der Film vermutlich das absolute Sahnestück aller bisherigen Pixar-Produktionen. Der rasante Fortschritt der Computertechnik ist nicht zu leugnen. Würden sich die Designer und Grafiker nicht an die Trickfilmtradition halten, die Figuren in den Proportionen zu überzeichnen (besonders erkennbar am König, der einen Oberkörper beinahe so massig wie der Hulk aufweist, im Verhältnis dazu aber winzige Beinchen besitzt), wäre der Unterschied zu realen Figuren nur noch graduell.
Das unterstreicht auch die Tatsache, dass Animationscharaktere heutzutage oftmals wohl ausgestaltete Innenleben besitzen und damit nahezu genauso interessant sind (zuweilen vielleicht sogar interessanter) wie manch "echte" Filmfigur. Auf Prinzessin Merida trifft das sicherlich zu. Sie ist der Idealtypus tollkühner Jungmädchen-Fantasien, was mit Sicherheit auch seinen Widerhall im Merchandise des Films finden wird. Was Die Rote Zora auf nationaler Ebene war, wird Merida international werden. Neben der Protagonistin sind allerdings auch alle anderen Charaktere hervorragend gelungen. Für die Story im Ganzen trifft das hingegen nicht im vollen Umfang zu.
Die Geschichte von der Prinzessin, die nicht in die Eheknechtschaft möchte, ist alles andere als neu und die Verwandlungsnummer ebenso wenig. Die einhergehenden Slapstickeinlagen scheinen zudem deutliche Anleihen bei Balu aus Disneys Dschungelbuch genommen zu haben. Insgesamt verflacht die Geschichte damit spürbar und läuft zuweilen stark Richtung bäriger Klamauk; selbst dann noch, als mit dem alten fiesen Goliath Hasch den Bären gespielt wird. Das ältere Publikum läuft hier Gefahr, das geistige Radar auf Nullstellung zu legen. Das wurde schon mal besser gelöst, beispielsweise in Die Unglaublichen. Wobei aus den Grundzutaten von Merida ein deutlich anspruchsvollerer Plot zu schmieden gewesen wäre, tendierte doch die gefühlte Stimmung zu Beginn irgendwo zwischen Robin Hood und Braveheart.
Sicherlich waren die Macher gezwungen, den üblichen Spagat zu vollbringen und trotz eines etwas reiferen Anspruchs dafür zu sorgen, dass der Film in sich familien- und kindgerecht bleibt. Allerdings darf dann bemäkelt werden, dass den Schöpfern von Merida in ihrem Anspruch um "Realismus" die Königin in ihrer Gestalt als Bärin zuweilen sehr gruselig geriet, was bei jüngeren Kindern durchaus zu Problemen führen könnte. Unterm Strich bleibt somit ein audiovisuell rundum überzeugendes Animationsspektakel, das über weite Strecken stimmungsvoll mitreißt und mit charismatischen Figuren bezaubert. Werden die Erwartungen an die Story nicht allzu hoch geschraubt, darf man sich auf ergötzliche Unterhaltung einstellen. Wem sich die Gelegenheit bietet, der sollte sich den Film auf jeden Fall im Original gönnen, sofern die Englischkenntnisse nicht zu eingerostet sind. Die deutsche Synchro wird von dem kultigen schottischen Dialekt nicht viel übrig lassen.