Wenn es um die US-Präsidentschaft geht, beschmeißen sich nicht nur Demokraten und Republikaner wechselseitig mit Dreck: Im Vorwahlkampf gilt es auch, die Kontrahenten aus dem eigenen Lager aus dem Weg zu räumen. Zuweilen werden da mehr als nur Ellenbogen ausgefahren. Stephen ist der zweite Mann im Wahlkampfteam des aussichtsreichen Kandidaten der Demokraten. Er glaubt an die Sache, begeht aber Fehler und fliegt aus dem Team. Kein Grund für ihn, seine hochgesteckten Ambitionen einfach fallen zu lassen. Überaus spannendes wie atmosphärisch dichtes Politdrama, das durch seine Einblicke in die Gefilde der Mächtigen stark desillusioniert.
Die Iden des März, die bekanntlich im römischen Kalender auf dem 15. des Monats März fallen, waren kein guter Tag für Julius Cäsar. An diesem Tag, im Jahr 44 vor Christus, fiel er einem Attentat im römischen Senat zum Opfer. Mit zahlreichen Messerstichen wurde er von einer Vielzahl Senatoren ermordet, darunter auch sein Ziehsohn und Vertrauter Brutus. Der gleichnamige Film von George Clooney, in dem er nicht nur eine tragende Rolle übernimmt, sondern auch gleich Regie führt, transferiert diesen Tyrannenmord der Antike in unsere Zeit und mitten hinein in die Wirren des amerikanischen (Vor-)Wahlkampfes um die Präsidentschaft.
Es ist Wahlkampf in Ohio. Die Wahlen dort könnten richtungsweisend sein. Aus diesem Grunde legen sich alle Parteien nochmal mächtig ins Zeug. Die Demokraten haben sogar noch zwei Kandidaten im Rennen. Der aussichtsreichste und hinter vorgehaltener Hand bereits als US-Präsident gehandelte ist der Gouverneur Mike Morris (George Clooney). Er versammelt schließlich auch ein Top-Team hinter sich: Sein Chef-Wahlkampfmanager ist der alte Polit-Stratege Paul Zara (Philip Seymour Hoffman) und dessen rechte Hand, der junge Idealist Stephen Myers (Ryan Gosling), den tatsächlich beinahe mehr der Glaube an die Sache selbst antreibt, als die Aussicht auf eine hochkarätige Position im Weißen Haus.
In seinem jugendlichen Elan begeht er aber zwei große Fehler: Er lässt sich auf ein Techtelmechtel mit einer attraktiven, aber erst 20-jährigen Praktikantin ein (in manchen US-Bundesstaaten ist sie damit noch minderjährig), und er trifft sich heimlich mit dem gegnerischen Wahlkampfleiter Tom Duffy (Paul Giamatti). Der macht ihm das Angebot, die Seiten zu wechseln, worauf Stephen nicht eingeht, allerdings seinem Boss auch nicht sofort reinen Wein über die Angelegenheit einschenkt. Schon bekommt die Presse Wind davon und überdies ist plötzlich auch noch die Praktikantin schwanger. Stephens Welt bricht unvermittelt wie ein Kartenhaus zusammen. Als er dann noch als Wahlkampfmanager fliegt und ihn nun nicht einmal mehr die Gegenseite im Team haben will, versteht er, dass in diesem Spiel um die Macht nur diejenigen Erfolg haben, die vor nichts zurückschrecken.
Basierend auf dem Theaterstück Farragut North von Beau Willimon, welches von den Präsidentschafts-Vorwahlen des Jahres 2004 handelt, entwirft Clooney in seiner vierten Regiearbeit ein schmieriges, eng verflochtenes Netz aus Intrigen und politischen Ränkespielen, das sicher nicht ganz unabsichtlich an eine antike Tragödie erinnert. Dank herausragenden schauspielerischen Leistungen und eines immens dichten Plots, entwickelt dieses Polit-Drama Charakteristika und die Intensität eines Psychothrillers und zieht dabei dennoch völlig unaufgeregt und in aller Stille magisch in seinen Bann.
Clooney beweist mit diesem Film, dass er nicht nur ein großer Könner vor der Kamera ist, sondern auch über ein treffsicheres inszenatorisches Gespür dahinter verfügt. Ganz ohne Klischees und Stereotypen kommt aber auch sein Werk nicht aus: Gegen die von ihm verkörperte Figur wirkt beinahe schon der aktuelle US-Präsident reaktionär. Selbst der Yes-we-can-Messias höchstpersönlich, der inzwischen längst auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist, müsste sich eingestehen, dass Clooney in The Ides of March den besseren Obama gibt. Abgesehen von dieser Plagiatur, die eine Figur entwirft, die einfach zu schön ist, um wahr zu sein, entwickelt der Film mit der schwangeren Praktikantin im Schlepp eine Storyline, die an die Verfehlungen eines anderen charismatischen Ex-Präsidenten erinnert. Das will nicht sonderlich originell erscheinen. Insgesamt manövriert sich der Film aber sauber durch die meisten Untiefen und vermeidet seifige Menage-a-trois-Plattitüden.
Wer schon immer der Meinung war, das Politik ein unglaublich schmutziges Geschäft sei und der US-amerikanische Wahlkampf nicht mehr als teures Blendwerk (oder eine billige Farce, abhängig von der Perspektive), wird in The Ides of March in seinem Glauben uneingeschränkt bestärkt; und das Ganze wirkt dabei nicht einmal unglaubwürdig. Ganz im Gegenteil: Clooney und Co. gelingt es, eine gehaltvolle wie augenöffnende Anti-Ode auf die Politik zu kreieren, die jeglichen Glanz und Glorie von diesen Menschen runterpoliert. Für Politdrama-Fans ein absolutes Schmankerl.