Ungewöhnliche Liebesgeschichte, die mit Juliane und August in der Gegenwart beginnt, in der Juliane aber unvermittelt in der Vergangenheit erwacht, ohne zu wissen, ob sich das Geschehene wiederholen wird. Möglicherweise war dieses nicht das, was hätte sein sollen. Nun gilt es vielleicht neue Entscheidungen zu treffen. Doch Juliane droht alles zu entgleiten. Fenster zum Sommer hebt sich erfreulich vom üblichen deutschen Filmeinerlei ab. Der Film besticht allerdings weitaus mehr mit seiner schicksalhaften Verwebung der Motive von Liebe und Tod, als mit einer zwingenden Dramaturgie.
Ein zweite Chance im Leben, um etwas besser zu machen oder um etwas zu korrigieren, wünscht sich manch einer. Die ersten Szenen in Fenster zum Sommer lassen allerdings nicht vermuten, dass es sich in diese Richtung entwickeln wird: Juliane (Nina Hoss) und August (Mark Waschke) wirken wie das perfekte Paar. Frisch verliebt, genießen sie ihren ersten gemeinsamen Urlaub. Es ist ein magischer Sommer in den Weiten Finnlands; die Blumen blühen und die Sonne taucht die malerische Landschaft in milchiges Licht, während die beiden auf schnurgeraden, scheinbar endlosen Straßen ihrer Zukunft entgegen fahren.
Zu solch einer Zukunft wird es im Folgenden nicht kommen. Am Abend kuschelt sich Juliane noch an Augusts Schulter, um anschließend, ein halbes Jahr in der Vergangenheit zurück, im winterlichen Berlin, an der Seite ihres Ex-Freundes, in der ehemals gemeinsamen Wohnung, wieder zu erwachen. Der Kontrast der Bilder ist groß, ebenso der Realitätsverlust, den Juliane durchlebt. Fortan watet sie durch eine surreale Gegenwart, die ihre Vergangenheit ist. Das spiegelt sich beispielsweise in Dialogen, die sie haarklein vorbeten kann, noch bevor sie stattfinden; anderseits ist es völlig ungewiss, ob sich ihre Zukunft ereignen wird und sich August, die Liebe ihres Lebens, erneut in sie verlieben wird. Der weiß zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, dass Juliane existiert.
Ganz grundlos scheint das kosmische Karma sie aber nicht in der Zeit zurück befördert zu haben. Trotz allen Glücks, dass sie in der Beziehung mit August erlebte, lastete doch ein tragischer Umstand schwer auf ihr: denn erst der Tod eines ihr sehr nahestehenden Menschen führte dazu, dass sich Juliane und August ineinander verliebten. Dies alles ist jetzt noch nicht eingetroffen und die große Frage, die sich für Juliane stellt, ist, ob sie das eine nur um den Preis des anderen haben kann oder die Chance besteht, alles zum Guten zu wenden.
Ein wenig erinnert der Film von Hendrik Handloegten (Liegen lernen) durchaus an den Hollywood-Neoklassiker Und täglich grüßt das Murmeltier. Ähnlichkeiten finden sich auch zu Die Frau des Zeitreisenden, glücklicherweise ohne überbordenden Gefühlskitsch. Anders als in der Murmeltiervariante, ist man in Fenster zum Sommer eindeutig nicht auf Komödienpfaden unterwegs. Zudem stellt sich auch weit weniger deutlich die Frage, ob das halbe Jahr, das die Protagonistin noch einmal erlebt, im Grunde eine Zeitschleife ist, die solange läuft, bis die richtigen Entscheidungen die Waagschalen des Schicksals wieder in die Balance gebracht haben. Das alles explizit auszuführen ist Handloegten nicht so wichtig: Im kreativen Äther aus Liebesdrama, Magischem Realismus, Mystery oder Fantasy stehen bei ihm Emotionen und Bilder im Mittelpunkt, und das brüchige Spiel aus Imagination und Wirklichkeit sowie seinen vielen Facetten dazwischen.
Dass dies über weite Strecken formidabel funktioniert, ist vor allem Nina Hoss zu verdanken, welche die Zerrissenheit der Hauptfigur zwischen Heute und Morgen, sich auflösender Gegenwart und möglicher Zukunft sowie der grundsätzlichen Problematik, ein Leben im falschen Dasein zu führen oder den bitteren Preis fürs Glücklichsein zu zahlen, widerspiegelt. So implizit dieses Dilemma im Kopf der Protagonistin aber sein mag, so wenig zwingend ist die Dramaturgie. Es gibt kein gezieltes Streben, den "Gordischen Knoten" der schicksalhaften Verwebung zu lösen. Vielmehr schreitet die Handlung aus sich selbst heraus voran oder entwickelt sich aus den Aktionen der Figuren. Dabei muss logischerweise eine Strategie oder gar ein Masterplan ausbleiben, der in der Lage wäre, alles gewünschtermaßen in die bevorzugte Richtung zu dirigieren.
Fenster zum Sommer entpuppt sich als sehenswerter Genre-Mix mit fantastischem Einschlag, der weniger von der Spannung des unmittelbaren Geschehens, als von den vielen aufgeworfenen Fragen lebt - sowie natürlich von der darstellerischen Leistung der Akteure. Dass im Spiel mit der Imagination das inszenatorische Ruder auch schon mal im Kurs danebengreift, mag dabei besonders deutlich im Finale zutage treten. Für einen deutschen Film bleibt es aber bei einer der nicht allzu häufigen überdurchschnittlichen Leistungen, die sich positiv vom üblichen Mittelmaß abhebt.