Was wäre wenn? Das ist kurzgesagt die zentrale Frage in Another Earth, einem der Teilnehmer des Sundance Festivals 2011. Rhoda ist Schuld an dem Tod zweier Menschen. Das kann sie unmöglich ungeschehen machen. Am Firmament ist vor kurzem aber eine zweite Erde erschienen. Dort gibt es vielleicht die Chance auf ein Leben ohne diese Schuld. Bevor sie dorthin kann, muss sie allerdings noch einen Weg der diesseitigen Vergebung finden. Leicht entrücktes Drama, das das Etikett Sci-Fi nicht wirklich verdient, bestenfalls als Imaginationsutopie bezeichnet werden kann und vielschichtiger erscheinen will, als es ist. Zudem fehlen nennenswerte Akzente, die einen Erinnerungswert hätten erzeugen können.
Mitunter ist es schön, geradezu heilsam, seine Wünsche, Träume und Visionen zu einen neuen Anfang hin zu projizieren. An einen (fernen) Ort, der gewissermaßen jungfräulich einlädt, ein neues Leben zu beginnen. Rhoda (Brit Marling), eine junge Studentin mit großer Vorstellungskraft, einem ausgesprochenen Interesse für Science Fiction und Astronomie, wovon die Foundation-Saga Isaac Asimovs und ein ordentliches Teleskop in ihrem Zimmer zeugen, träumt von fremden Welten. Als sie in das Auto von John (William Mapother) rauscht, ist sie allerdings betrunken. Bei diesem Unfall sterben Johns Frau und Tochter.
Vier Jahre später wird Rhoda aus dem Gefängnis entlassen. Inzwischen ist etwas Wundersames geschehen: Wissenschaftler haben eine Parallelerde entdeckt. Ein Planet, der ein Ebenbild unseres eigenen scheint. Er ist sogar mit bloßem Auge am Himmel zu erkennen. Eine Welt voller Möglichkeiten; vielleicht auch eine Welt bevölkert von anderen Versionen unserer selbst: Menschen, die unser Spiegelbild sein könnten, die aber ein anderes Leben führten und zu anderen Individuen wurden. Eilig wird eine Weltraummission dorthin vorbereitet, die diese Fragen beantworten soll. Es gibt sogar Plätze für Nichtastronauten. Wer aber mit auf diese "Voyage Extraordinaire" will, muss sich via eines Schreibwettbewerbes qualifizieren. Und in 500 Worten erläutern, warum gerade er oder sie, der oder die Richtige ist.
Nur zu gerne würde Rhoda es sein, die zu der anderen Erde fliegt, doch die rechten Worte wollen ihr nicht einfallen. Mag sein, dass sie einfach (noch) nicht von der tragischen Vergangenheit loslassen kann; schwer lastet der Tod der Menschen auf ihrem Gewissen, den sie durch ihre Trunkenheitsfahrt verschuldete. Um Wiedergutmachung bemüht und auf der Suche nach Vergebung sucht sie die Annäherung zu John, dessen Zukunft sie damals zerstörte. Ohne zu wissen, wer in sein Leben tritt, lässt dieser in seiner Einsamkeit zu, dass Rhoda ihm näher kommt.
Mit Science Fiction im klassischen Sinne hat Another Earth leidlich wenig zu tun. Deshalb können Fragen danach, wie eine zweite Erde in unserem Sonnensystem auftauchen kann oder wie die Menschheit es bewerkstelligen will, dorthin zu gelangen in Anbetracht dessen, dass wir es nicht einmal zurück auf den Mond schaffen, ruhig ausgeklammert werden. Das Motiv der anderen Erde dient hier ohnehin bloß als Projektionsfläche, um die Chance eines neuen Lebens ohne Altlasten, zu einem Ort hin zu transferieren, der sich außerhalb der Begrenzungen unserer fassbaren Realität befindet. In Wahrheit kann aber niemand seiner Schuld in letzter Konsequenz entfliehen, und das ist die tatsächliche Crux im Dilemma der Protagonistin, die sich leider allzu langgezogen in ihren Bemühungen um Sühne und Vergebung widerspiegelt.
Die überaus dünne Handlung schwelgt dabei in einer poetisch-melancholischen Grundstimmung, die von einem zugegebenermaßen gut arrangierten Score unterstützt wird. Spannung erzeugt das aber trotzdem selten; dazu ist das puristische Geschehen schlichtweg zu inhaltsarm. Dabei ist im Grunde die Idee mit der Parallelerde vielversprechend, wenn sich vielleicht die Mühe gemacht worden wäre, die Handlung zu splitten, an zwei Orte zu verlagern und die Leben "zweier Rhodas" gegenüberzustellen.
Der Erstling von Mike Cahill sucht, anders als beispielsweise Terrence Malicks "allumfassendes" evolutionsmystisches Transzendenz-Drama The Tree of Life, eine diesseitige irdische Antwort auf die Frage nach Erlösung, selbst wenn eine zweite Erde dafür herhalten muss. Er ist damit auch ein Stückweit Antithese zu Lars von Triers Melancholia, in dem der fremde Planet das Ende der Welt einläutet. Somit wären auch aus dieser Perspektive viele kreative Möglichkeiten gegeben. Leider kapriziert sich der Film auf das Spiel mit den Chancen, Entscheidungen und Möglichkeiten, die in einem anderen Leben zu einem anderen Ergebnis geführt haben könnten, und verzichtet obendrein darauf, das erzählerisch in irgendeiner Form wiederzugeben. Ersatzweise wiederkäut eine nervige Stimme aus dem Off all die philosophischen Fragestellungen ein ums andere Mal, bis sich noch der letzte Zuschauer zum Hinterbänkler degradiert fühlen muss.