Meisterregisseur Martin Scorsese ist nicht gerade dafür berühmt, Kinderfilme zu inszenieren. Als ausgesprochen technikverliebt gilt er zudem ebenfalls nicht. Mit Hugo Cabret begibt er sich, scheint es, in genau solche Gefilde, sowie zu einer Voyage Extraordinaire, die zu einer Hommage an eine längst vergangene Filmära wird. Zwei Dinge spielen darin eine besondere Rolle: Imagination und Vergänglichkeit. Es wundert also nicht, dass der Zeit, allein durch die schier allmächtige Präsenz von Uhren, eine essentielle Bedeutung zukommt. Wer über ein paar Längen und Strukturschwächen hinwegsehen kann, erlebt einen cineastischen Augenschmaus erster Güte.
Es ist die Zeit der 1930er Jahre in Paris. Held der Handlung ist der junge Hugo (Asa Butterfield). Er muss nach dem Tod seines Vater, eines genialen Uhrmachers, seinem rüpeligen und trinksüchtigen Onkel bei dessen Arbeit zur Hand gehen, die darin besteht, die Räderwerke der großen Uhren im Zentralbahnhof regelmäßig aufzuziehen. Hugo kann im besten Sinne als eine Figur entlehnt aus den Romanseiten eines Charles Dickens angesehen werden; in seiner Isolation - Hugo lebt in den Uhrkästen der großen Uhren, die sein Onkel in Betrieb hält -, weißt er allerdings auch Züge von Victor Hugos Quasimodo aus Der Glöckner von Notre Dame auf; und sein Lebensstil erinnert an Charlie Chaplins Figur des Tramp.
Nachdem sich sein Onkel zu Tode gesoffen hat, steht Hugo alleine da. Wie er es gelernt hat, zieht er weiterhin die Uhren auf und die Dinge gehen ihren gewohnten Gang. Er selbst hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser, während er im Geheimen an der Verwirklichung seines Traumes arbeitet: der Wiederingangsetzung eines mechanischen Menschen, an dem er früher gemeinsam mit seinem Vater tüftelte. Dazu braucht er Ersatzteile, und die stiehlt er ebenfalls, soweit es ihm gelingt. Als er es wieder mal beim Spielzeug-Ladenbesitzer Georges Méliès (Ben Kingsley) versucht, erwischt der ihn auf frischer Tat und nimmt ihm sein Notizbuch weg, das die Berechnungen für die Reparatur des Roboters enthält.
Hugo ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, wer dieser alte, griesgrämige Mann eigentlich ist oder vielmehr einstmals war. Er weiß nur, dass er sein kostbares Notizbuch zurückbekommen muss. Dazu folgt er ihm bis vor dessen Haustür. Dort trifft er auf die junge Isabelle (Chloe Moritz), die Méliès Patenkind ist. Schnell freunden sich die beiden an, doch auch sie trägt einen Teil des Geheimnisses in sich, das Hugo entschlüsseln muss, um an sein Ziel zu gelangen.
Wer einen üblichen Kinder- oder Jugendfilm erwartet, wird sich schnell getäuscht sehen. Neben ein wenig Mystery-Flair und einer verschachtelten Detektivgeschichte, inklusive juveniler Romanze, ist der Film vor allem Verbeugung vor der Kreativität der frühen Filmschaffenden, die ohne die heutigen Hilfsmittel unvergängliche magische Welten erschufen. So ist der Film auch mit vielen Einspielern aus dieser Ära garniert, wie der unvergesslichen Uhr-Szene mit Harold Lloyd. Um seine Hommage auszugestalten, reizt Scorsese aber alles aus, was aktuell möglich ist. Bereits die ersten Sekunden bezaubern mit einer virtuellen Kamerafahrt durch das verschneite Paris und quer durch den Bahnhof. Das oft gescholtene 3D sorgt hier für ein echtes Aha-Erlebnis. Überhaupt ist der Film ein einziges, CGI-unterstütztes, opulentes Schwelgen. Set-Design, Score und die Kostüme tragen ihren Teil dazu bei.
Im Mittelpunkt von Scorseses Verbeugung vor den alten Meistern seiner Zunft steht vor allem Georges Méliès, den es tatsächlich real gegeben hat. Er war Magier, Tüftler, Produzent und Regisseur. Und eine tragische Figur der frühen Filmzeit, die der Vergessenheit anheimfiel. Er gilt als Pionier der Stop-Motion-Technik und drehte von 1897 bis 1912 über 500 Filme. Ben Kingsley schien diese Rolle geradezu wie auf den Leib geschneidert zu sein. Und überhaupt trumpft Hugo Cabret neben den Jungdarstellern Asa Butterfield (Der Junge im gestreiften Pyjama) und Cloe Moritz (Kick-Ass) mit einem beeindruckenden Cast bis in die kleinsten Nebenrollen. Dazu gehören auch Jude Law als Hugos Vater, Christopher Lee, Emily Mortimer und Sascha Baron Cohen in einer besonders wortkargen, dafür sehr slapstick-lastigen Rolle.
Bei so viel Klasse und Raffinesse müsste Hugo Cabret ein rundherum bezauberndes Meisterwerk geworden sein. Viel hat tatsächlich nicht gefehlt. Eine etwas geradlinigere Erzählstruktur und ein Kleinwenig mehr an Handlung statt puren Zelebrierens hätten dem Film gut zu Gesicht gestanden. Ganz offensichtlich ist, dass sich Scorsese um Konventionen wenig scherte. Er nimmt sich zwei kindliche Darsteller, inszeniert aber einen Film für ausgewachsene Cineasten. Damit grenzt sich die Zielgruppe deutlich ein. Kinder werden kaum zwei Stunden stillsitzen, um sich den Schwelgereien über eine fast 100 Jahre zurückliegende Filmepoche hinzugeben, und nicht jeder Erwachsene geht schließlich ins Kino, um eine Detektivgeschichte mit Romanze zwischen zwei Zwölfjährigen zu erleben. Abgesehen davon aber - Daumen eindeutig hoch!