In einer Zeit, in der das Kino mit immer mehr Effekten aufwartet, Filme wie Avatar ganze Welten aus CGI erschaffen und sogar bereits ältere Filme noch einmal in 3D präsentiert werden, gehört schon eine ganze Portion Mut dazu, einen klassischen Stummfilm zu machen. Es ist ein Experiment, an das sich der französische Autor und Regisseur Michel Hazanavicius gewagt hat, aber eines, das auf ganzer Linie gelungen ist.
George Valentin (Jean Dujardin) ist der Superstar des Hollywood-Kinos der 20er-Jahre. Die Massen lieben ihn, seine Filme sind echte Kassenschlager und er genießt all das mehr mit kindlicher Freude als mit überheblichen Allüren. Eines Tages trifft er die junge Peppy Miller (Bérénice Béjo) und hilft ihr bei ihren ersten Schritten im Filmgeschäft, bevor die beiden sich trotz einer gewissen Zuneigung wieder aus den Augen verlieren. Dann kommt das Jahr 1929 und der Tonfilm hält Einzug in die Welt des Kinos. Doch der stolze Valentin glaubt nicht an diese neue Mode der Talkies und hält weiter fest am tonlosen Film. Und so wie diese lange etablierte Kunst geht auch der damit etablierte Künstler langsam unter, während Peppy inzwischen einige Erfolge verbuchen kann und mithilfe des neuen Mediums endgültig zum schillernden Starlet avanciert.
Schon wenn der Vorhang sich öffnet und die Einspieler der Produktionsfirmen auf der Leinwand auftauchen, merkt man, etwas ist anders. Und zwar das Bildformat, das wie zu der Zeit, in der der Film spielt, im Verhältnis 4:3 daherkommt. Dieses Detail macht bereits deutlich, mit wie viel Engagement und Hingabe Regisseur Hazanavicius an sein seit Jahren geplantes Herzensprojekt herangegangen ist. Es stimmt einfach alles an diesem schwarzweißen Stummfilm aus dem Jahr 2011. Die Bildgestaltung, die Musik, die eingeblendeten Dialogtafeln. Mit den klassischen Stilmitteln dieser goldenen Ära von Hollywood wurde hier konsequent ein ebensolches Stück Film produziert. Damit wird The Artist selbst zum Stilmittel seiner eigenen Geschichte.
Diese balanciert stetig zwischen Leichtigkeit und Schwere, genauso wie parallel Aufstieg und Niedergang ihrer beiden Hauptfiguren erzählt werden. Die Dialoge sind hierbei auf ein Minimum reduziert, um dem Tempo nicht mit zuviel zu lesendem Text zu schaden. Umso wichtiger sind also Mimik und Gestik der Darsteller, damit sich auch ohne Sprache alles erschließt. Eine Aufgabe, die das Paar im Zentrum glänzend absolviert. Dem Charme von Bérénice Béjo verfällt man schon bei ihrem ersten Auftritt völlig und Jean Dujardin erhielt für seine Leistung sogar die Goldene Palme in Cannes. Sein George Valentin ist ohne Zweifel der Star seiner Zeit, inspiriert von dem großen Douglas Fairbanks. Dessen Filme wurden allen Beteiligten neben einigen anderen Stummfilmklassikern von Regisseur Hazanavicius während der Vorbereitungszeit des Drehs gezeigt. Zudem glänzen in Nebenrollen John Goodman als Filmproduzent und James Cromwell als Chauffeur. Ein ganz besonderer Darsteller ist schließlich Jack, George Valentins Hund und treuester Begleiter, der ebenfalls in Cannes ausgezeichnet wurde.
Die grundlegende Einfachheit der Filmtechnik macht zudem zwei weitere Elemente unverzichtbar: das Bild und die Musik. Beidem wurde sich mit viel Hingabe gewidmet. Um den richtigen Schwarzweißton zu kreieren, wurde in Farbe gedreht und alles erst im Nachhinein bearbeitet, da moderner Schwarzweißfilm zu scharf und kontrastreich ist. Außerdem wurden besonders laute Hochgeschwindigkeitskameras verwendet, damit am Set (der Ton musste ja nicht mitgeschnitten werden) die richtige Atmosphäre entstand. Vorbilder für die orchestrale Musik von Ludovic Bource waren natürlich Größen wie Max Steiner und Franz Waxman. Bource und Hazanavicius unterteilten den Film musikalisch in mehrere Blöcke von sieben bis neun Minuten, über die eine gewisse Grundstimmung erzeugt werden musste. So entstanden verschiedene Suiten, die eher die Geschichte unterstreichen, als dass sie einzelne Situationen miterzählen.
Ein Stummfilm über das Ende des Stummfilms. The Artist ist allein wegen dieses Grundkonzepts schon ein wirklich besonderes Werk. Darüber hinaus ist er aber auch eine klassische Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen und eine Liebeserklärung an das Kino selbst, so wundervoll präsentiert, wie man es sich nur wünschen kann. Eine stilistisch einwandfreie Gesamtkomposition, die trotzdem auch ein wenig mit dem Medium spielt. Wer durch moderne Sehgewohnheiten nicht schon einen technisch überhöhten Grundanspruch hat, muss diesem Charme einfach erliegen und glücklich das Kino verlassen.