Auf niemanden trifft wohl der bekannte Ausspruch "Wer bewacht die Wächter" derart zu, wie auf Joe McCarthy, der in den frühen 1950ern den USA seinen politischen Stempel unverwechselbar aufdrückte. Wer aber war dieser Mann? Populist, Demagoge oder Wahnsinniger? Vielleicht bloß jemand, der die Gunst der Stunde im Amerika des beginnenden Kalten Krieges ergriff, um sich selbst ins Rampenlicht zu befördern. Der Filmemacher Lutz Hachmeister geht dieser Frage nach und zeichnet ein umfassendes Portrait. Dabei stellt sich aber mitunter der Eindruck ein, dass die Faszination für diese Persönlichkeit möglicherweise überwiegte.
Es mag reichlich weit hergeholt klingen, aber das Trommelfeuer und die Bombardements des II. Weltkriegs waren kaum verklungen, da begann sich manch ein hochrangiger US-Politiker oder Militär (hinter vorgehaltener Hand) zu fragen, ob man nicht den falschen Giganten niedergerungen hatte und besser mit den Deutschen gegen die "Bolschewisten Front gemacht hätte". Gut, dass es auf jeden Fall zum Ende des unsäglichen Nazi-Regimes kam, doch kaum ein paar Jahre später, als sich die Welt erneut in Blöcke gespalten hatte und der neue, der Kalte Krieg begonnen, da kam die Sternstunde eines zuvor wenig beachteten Mannes.
Der 1908 geborene Joseph Raymond McCarthy, der 1946 republikanischer Senator für Wisconsin und 1952 für eine zweite Amtszeit wiedergewählt wurde, prägte die medienpolitische Landschaft von 1950 - 1954 wie kaum ein anderer und verlieh dieser Zeit in den USA sogar die Bezeichnung McCarthy-Ära. Er machte von sich reden als Jäger der neuen Feinde der USA, der Kommunisten. Und er würde nicht eher ruhen, bis noch der Letzte dieser entlarvt worden wäre, behauptete er immer wieder. Höhepunkte dieser Hexenjagd bildeten die sogenannten Hearings, öffentliche Anhörungen mit gerichtsähnlichem Charakter, in denen McCarthy Personen des öffentlichen Lebens und Prominente als Kommunisten zu enttarnen suchte. Obwohl er dabei ohne wirkliche Beweise agierte und im Prinzip nichts als Populismus betrieb, fielen nicht wenige Karrieren seiner Demagogie zum Opfer. Beispielsweise trieb er Charlie Chaplin aus dem Land; der hatte irgendwann einmal in einem Film, in dem er seine legendäre Figur, den Tramp, verkörperte, eine rote Fahne geschwungen.
Wer aber war dieser McCarthy und was trieb ihn dazu an? Der Regisseur Lutz Hachmeister wandelt in seiner Spieldoku The Real American - Joe McCarthy auf den Spuren dieses Mannes, dessen Handeln derart prägend für eine amerikanische Periode in den 1950ern war. Fünf Jahre recherchierte er hierfür und liefert nun eine hochklassige Dokumentation, die durch bislang unveröffentlichtes, zeitgenössisches Originalmaterial, zahlreiche Interviews mit McCarthys Hinterbliebenen, Zeitzeugen, Politikern, darunter auch Henry Kissinger und Wissenschaftlern glänzt. Dabei scheint durch, wie ambivalent diese Figur in den USA bis in die heutigen Tage wahrgenommen wird. Manch einer hält ihn für weitaus besser als sein Tun und sein Tun (seinerzeit) für weitaus gerechtfertigter, als es von außen betrachtet erscheinen mag.
Aufwendig inszeniert verleihen dem Film bereits schon der große Aufwand und die Spielszenen, die Qualitativ durchaus an ein TV-Politdrama erinnern, seine Daseinsberechtigung auf der großen Leinwand. Das liegt neben der technisch exzellenten Umsetzung sicherlich auch daran, dass mit professionellen Darstellern gearbeitet wurde; allen voran John Sessions (Gangs of New York, Der gute Hirte), der Joe McCarthy in den meisten Spielszenen darstellt. Wie es sich für ein umfassendes Portrait gehört, spannt sich der Bogen dabei von seinem Aufstieg bis zu seinem Niedergang. Sowohl dem politischen als auch dem persönlichen und menschlichen.
Hachmeister hat seine Hausaufgaben gemacht. McCarthy zeichnet er als Getriebenen. Um das zu untermauern, ist er sogar bereit, in den filmischen Zauberzylinder zu greifen und Spielszenen aus dessen Jugend zu liefern, in denen er beispielsweise als Nichtschwimmer solange immer wieder in einen See springt, bis er sich das Schwimmen selbst beigebracht hat. Etwas zu überhöht gerät ihm McCarthy dadurch allerdings, als hafte ihm etwas Mythisches an. Der Mensch hinter dem Nimbus des Hetzers wird damit aber ein stückweit ungreifbarer. Anderseits lässt Hachmeister die Hypothese gelten, dass die öffentliche Person nichts weiter als karrieristisches Kalkül war, so wie bei vielen Politikern. Und dass McCarthy schlichtweg erkannte, was die Stunde im Amerika des Kalten Krieges geschlagen hatte, und dies nutzte, um sich zu vermarkten und zu inszenieren.
Glücklicherweise liefert The Real American - Joe McCarthy so viel an Informationen, dass sich der Zuschauer auch gut selbst ein Bild zu machen vermag. Damit bildet der Film auf jeden Fall eine spannende Alternative zu vielen filmisch eher trocken aufbereiteten Geschichtsthemen und Biografien. Das dürfte auch so manch Schulklasse erfreuen. Wobei die Dokumentation guten Gewissens jedem geschichtlich oder politisch Interessierten ans Herz gelegt werden kann.