"Äh, wie heißt der Film?" "W.E." "Wie Wochenende?" "Nein, wie Wallis und Edward. Madonna hat da Regie geführt." "Oh ..." - Wem bei der Auswahl des richtigen Filmes für den entspannten Kinoabend ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen, dem sei gesagt: Gebt Madonna eine Chance! Denn trotz anfänglicher Skepsis ist ihre zweite Regiearbeit ein recht ansehnlicher Film geworden.
Manche halten die unglückliche Beziehung aufrecht, obwohl sie gar nicht zusammen passen. Und andere passen perfekt zusammen, und doch wäre es für alle Beteiligten besser, sie würden es nicht ... Als Thema hat sich Madonna die größte Liebesgeschichte der Welt ausgesucht. Irgendwie ein Märchen, nur andersrum. 1936 verzichtete König Edward VIII. auf den Thron des Vereinigten Königreichs von Großbritannien, weil er für dieses Amt nicht mit seiner großen Liebe Wallis Simpson zusammen sein durfte. Laut der Church of England durfte der König damals keine geschiedene Frau ehelichen, deren Ex-Männer noch am Leben sind. Und die Amerikanerin Wallis hatte sogar zwei davon. Also tat der Thronfolger das, was niemand auf der ganzen Welt erwartet hätte: Er gab die Krone an seinen jüngeren Bruder George ab und zog sich mit der Frau seiner Träume ins Exil zurück.
Klingt auf den ersten Blick sehr romantisch, doch wie dieses Leben in der Öffentlichkeit für die Angebetete aussah, wird immer gerne vernachlässigt. Für das britische Volk wurde Wallis Simpson zur meistgehassten Frau, und das, obwohl sie die Verbindung zu Edward sogar abgebrochen hatte. Diese tragische Seite der Geschichte, die in keinem Geschichtsbuch zu finden ist, beleuchtet Madonna nun auf eine sehr faszinierende Weise. Dabei profitiert sie natürlich enorm von der Popularität des Oscar-Gewinners The King's Speech, liefert der Film von Tom Hooper doch die historische Grundlage aus der Seite des Königshauses.
Doch Madonna konzentriert sich bei W.E. ganz auf die Sicht der Frauen. Dabei lässt sie zwei Handlungen parallel laufen. Die eine spielt 1998 und hat die junge Wally Winthrop, gespielt von einer reizenden, aber anfangs doch sehr lethargischen Abbie Cornish, als Protagonistin, der die Faszination für die Geschichte der echten Wallis quasi genetisch weitervererbt wurde. Sie selbst ist mit einem erfolgreichen Psychiater verheiratet und hätte gerne ein Baby. Was sie jedoch nicht wahrhaben will, ist, dass nicht nur die gemeinsame Luxuswohnung dunkel, beklemmend und kalt ist, sondern auch die Beziehung zu ihrem Mann längst alle Wärme verloren hat. Als bei einer Auktion die Besitztümer von Wallis und Edward versteigert werden, sucht sie täglich die Ausstellung auf, um sich mit ihrer Heldin verbunden zu fühlen.
In Rückblenden wird derweil die Leidens- und Liebesgeschichte von Wallis Simpson erzählt. Ihre durch Gewalt geprägte erste Ehe, die glücklicheren Zeiten mit ihrem zweiten Mann, die große Anziehung, die sie auf den Kronprinzen ausübte und schließlich die Einsamkeit in der Abgeschiedenheit von jeglicher Gesellschaft an der Seite des abgedankten Königs. Mit Andrea Riseborough kann Madonna dabei auf eine faszinierende Darstellerin vertrauen, die durch ihr direktes und unverfälschtes Spiel die Aufmerksamkeit voll auf sich zieht. Gerne würde man ihr noch mehr durch die Jahrzehnte folgen und über ihr Leben erfahren. Und tatsächlich gelingt es, Mitgefühl und Bewunderung für die Frau zu empfinden, die für Millionen von Menschen Schuld am Verlust ihres Königs war.
So kitschig es auch klingen mag, aber die Schicksale der beiden Frauen sind wirklich stimmig miteinander verwoben. Beide geben sich sogar an verschiedenen Stationen ihres Lebens Rat und Unterstützung. Das klingt zwar seltsam und ein wenig konstruiert, ist es aber gar nicht, weil auf übermäßige Emotionen verzichtet wurde. Nach anfänglichen Verwirrungen durch die Zeitsprünge wird man in die Geschichte hineingezogen. Die Musik von Abel Korzeniowski trägt einen wunderbar vorwärts und schafft eine ansprechende Atmosphäre, in der man gerne noch ein wenig verweilen und weiter beobachten möchte. Wiederkehrende Motive in Handlung und Bildsprache lassen W.E. sogar stellenweise zu einem kleinen Kunstwerk werden.
Allerdings zieht sich die Handlung nach dem dramatischen Höhepunkt etwas dahin. Hier hätte man sich gerne ein wenig kürzer fassen können. Denn wirkliche Spannung, wie sich die Schicksale noch entwickeln werden, kommt nicht auf. Wie es mit Wallis und Edward ausging, ist ja bereits bekannt. Und wie sich Wallys Leben entwickelt, ist von Anfang an äußerst vorhersehbar. Dennoch hat man inzwischen Sympathien zu beiden Figuren aufgebaut und schaut ihnen gerne noch eine Weile zu. Wer sich also drauf einlässt, bekommt eine kleine, stilvolle Geschichtsstunde der anderen Art zu sehen.