Über die Vielseitigkeit von Meryl Streep braucht man sich kaum zu wundern. Ob Drama, Romanze, Komödie, sie ist überall zu Hause. In Die Eiserne Lady begibt sie sich auf das dünne Eis des Biopics, dort, wo alles mit der Illusion, ob man die verkörperte Figur durch den Schauspieler gespiegelt auch erkennen kann, steht und fällt. Wieder mal beweist sie dabei, in der Rolle der Margaret Thatcher, der ehemaligen Premierministerin Englands, was für eine Meisterin ihres Fachs sie ist. Und doch bleibt der Film insgesamt sehr weit hinter den Erwartungen zurück. Soweit, dass der Kinogang eigentlich nicht mehr lohnt.
Kann es einen schlechten Film mit Meryl Streep in der Hauptrolle geben? Zumindest scheint es keine Golden-Globe-Verleihung oder Oscar-Nacht ohne Nominierung oder Preis für Hollywoods vermutlich beste Charakterdarstellerin zu geben. Nachdem jüngst eine ganz Reihe von Biopics berühmt-berüchtigter Persönlichkeiten der jüngeren Zeitgeschichte das cineastische Licht erblickten, wie J. Edgar oder The Real American - Joe McCarthy, folgt nun mit Die Eiserne Lady das Portrait von Margaret Thatcher, der ersten und bisweilen einzigen Premierministerin Englands, die von 1979-1990 im Amt und von 1975-1990 auch Vorsitzende der konservativen Partei war.
In der zweiten Zusammenarbeit nach Mamma Mia! zwischen Streep und Phyllida Lloyd entstand ein merkwürdiges Portrait, dass sich viel zu sehr auf die späten Jahre der Ex-Politikerin konzentriert und ihre fortschreitende Demenz in dem Mittelpunkt rückt, während der ihr ständig in Halluzinationen ihr verstorbener Ehemann Denis (Jim Broadbent) erscheint. Das lässt ein weinerliches, zuweilen auch mitleiderzeugendes Bild dieser einst so unnachgiebig-rigorosen Staatsfrau (nicht umsonst wurde sie als Iron Lady bezeichnet) entstehen, das der Person weder gerecht wird noch ihrer geschichtlichen wie gesellschaftspolitischen Bedeutung substanziell etwas hinzufügt.
In Rückblenden und ohne nennenswert ins Detail zu gehen, wird ihr Aufstieg von der jungen Krämerstochter abgehandelt. Thatcher studierte ursprünglich Chemie in Oxford (und arbeitete drei Jahre als Chemikerin). Nach ihrer Heirat schloss sie dann noch zusätzlich ein Studium der Rechtswissenschaften ab (und war eine kurze Zeit als Anwältin tätig), bevor sie 1959 für die konservative Partei aufgestellt wurde. Durch einen wiederkehrenden Mangel an Details sowie Erläuterung der zeitgenössischen politischen Situation und die generelle Absenz von Tiefe, zeichnet sich im Kern der ganz Film aus. Wer ohne zumindest grundlegende Kenntnisse der sozialen Zustände zu der Zeit Thatchers wie auch der historischen Zusammenhänge davor den Kinosaal betritt, könnte somit hoffnungslos verloren sein.
Ich werde England wieder zu dem machen, was es einmal war! Das ist einer der zentralen Sätze aus dem Film, aus Thatchers Mund, tatsächlich so überliefert. Die Realität, die folgte, war, dass 1990 die englische Regierung unter Thatcher zu der am meisten gehassten des 20. Jahrhunderts zählte. Ihr Wirtschaftskurs der Marktliberalisierung hatte die Ära eines hemmungslos grassierenden, sozial zerstörerischen Kapitalismus eingeläutet. Von alldem legt der Film, außer in einigen Einblendungen von Demonstrationen, kaum ein Zeugnis ab. Stattdessen entsteht eine krude Verbeugung vor der Entschlossenheit und dem Machtwillen einer Frau, die in Wahrheit eine überaus umstrittene Figur darstellte. Der Film entgleitet somit zu einer feministischen Attitüde, in der es nur noch darum geht, der Beharrlichkeit und Willensstärke Thatchers Tribut zu erweisen, ohne ihre Verfehlungen auf die Waagschale zu legen.
Unangetastet bleibt jedoch davon eine überragende Performance Streeps, die derart grandios gerät, dass man mitunter völlig vergisst, dass hier lediglich ein Schauspiel dargeboten wird. Diese Ausnahmeschauspielerin zieht mit ihrer Darstellung der senilen, spröden und schrulligen Thatcher unweigerlich in den Bann, dass man beinahe meint, es mit der echten zu tun zu haben. Einen Film, der ansonsten sehr einseitig ausfällt, wenig lebendig inszeniert wurde und sich damit zufrieden gibt, sich erzählerisch überwiegend auf Nebenkriegsschauplätzen zu tummeln, rettet das aber vor der kaum erträglichen Belanglosigkeit und der sich damit zwangsläufig einstellenden Langeweile nicht mehr.