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We Need to Talk About Kevin

(We Need to Talk About Kevin, 2011)

Dt.Start: 16. August 2012
DVD: 08. November 2012
Premiere: 12. Mai 2011 (Cannes Film Festival, Frankreich)
FSK: ab 16 Genre: Drama, Thriller
Länge: 112 min Land: UK, USA
Darsteller: Tilda Swinton (Eva), John C. Reilly (Franklin), Ezra Miller (Kevin), Siobhan Fallon (Wanda), Ursula Parker (Lucy), Ashley Gerasimovich (Celia), Alex Manette (Colin), Lauren Fox (Dr. Goldblatt), James Chen (Dr. Foulkes), Erin Maya Darke (Rose)
Regie: Lynne Ramsay
Drehbuch: Lynne Ramsay, Rory Kinnear


Inhalt

Eva sieht sich täglich den Übergriffen ihrer Mitmenschen ausgesetzt, von Beschimpfungen bis zu Aggressionen. Ihr Mann und ihre Tochter leben getrennt von ihr, und ihr 16-jähriger Sohn Kevin sitzt im Gefängnis. Was auch immer mit dieser Familie in einer amerikanischen Kleinstadt geschehen ist, anscheinend hat es etwas mit Kevins Kindheit zu tun.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

We Need to Talk About Kevin hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 84%
Kurzkritik
von Daniel Licha
Wertung von 80 für We Need to Talk About Kevin

In den Tiefen des Internet gab es Anfang des Jahres einen kleinen Aufruhr bzgl. der Nichtnominierung von Tilda Swinton als beste Hauptdarstellerin für die Oscar-Verleihung. Dieser Aufruhr ist verständlich, liefert sie in We Need to Talk About Kevin eine eindringliche und absolut überzeugende Performance ab. Aber auch außerhalb von Swintons Leistung kann Lynne Ramsays Film überzeugen. Die Geschichte eines Kindes, das bei der Mutter rebellisch ist und beim Vater ein ganz anderes Gesicht zeigt, ist verstörend, kompromisslos und versteht es, den Zuschauer zu schocken. Das Ganze wurde von Ramsay in eindringlichen, teils verstörenden Bildern eingefangen und setzt dem Zuschauer in nicht gerade wenigen Momenten zu. Einzig das Stilelement der Zeitsprünge wollte nicht so recht funktionieren, weiß man somit doch schon recht früh, worauf der Film hinaus möchte und raubt ihm damit einen Großteil der Spannung. Dennoch ein empfehlenswertes Werk, bei dem alleine Swintons Performance jedes Eintrittsgeld wert ist.

Kritik

von Markus Müller
We Need to Talk About Kevin hat eine Wertung von 87%
We Need To Talk About Kevin erzählt in zwei Zeitebenen von einer ungewöhnlichen und alptraumhaften Mutter-Sohn-Beziehung, die letztlich in einer Katastrophe endet. Besonders profitiert die Romanverfilmung der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay von den hervorragenden Darstellern, wobei besonders Hauptdarstellerin Tilda Swinton brilliert. Irgendwo zwischen Familiendrama und Psycho-Horror einzuordnen, ist dieser bildgewaltige Film alles andere als leichte Kost, aber auf jeden Fall empfehlenswert.

Bild aus We Need to Talk About Kevin Die amerikanische Schriftstellerin Lionel Shriver veröffentlichte 2003 ihren Erfolgsroman "We Need To Talk About Kevin". Acht Jahre später verfilmte die schottische Filmemachererin Lynne Ramsay (Ratcatcher) den Stoff um eine Mutter, die ihr "Arschloch-Kind" einfach nicht lieben kann und somit womöglich mitverantwortlich für eine immense Katastrophe ist. Im Kino war der Film nicht sonderlich erfolgreich und so deckten die Einnahmen nicht einmal ganz die Produktionskosten. In Deutschland ging We Need To Talk About Kevin gar vollkommen unter, was ihn zu einem weiteren Beispiel für gelungene Filme, die zu Unrecht kaum jemandem ein Begriff sind, macht.

So realistisch und tabuisiert zugleich die Beschäftigung mit dem Thema Wochenbettpsychose und ihre Folgen auch sind, erkennt man im Film doch zwangsläufig eine gewisse Überzeichnung. Diese Überspitzung entrückt den Film einer realitätsbasierten Beschäftigung mit dem Thema. Somit wird aus dem Sozialdrama beinahe schon ein Horrorfilm, denn Kevin ist seit frühester Kindheit abgrundtief böse. Inwiefern sich nun die mangelnde Mutterliebe und die nahezu diabolische Entwicklung Kevins gegenseitig beeinflussen, bleibt offen. Kevins Mutter Eva ist von Anfang an mit ihrer Mutterrolle unglücklich, versucht sich regelrecht gegen die Geburt zu wehren - doch Kevin scheint nicht durch mangelnde Mutterliebe so ein "Satansbraten" zu sein, es ist ihm sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Eine pränatale Prägung hin zum Bösen scheint absurd, versucht man den Film in einer realistischen Betrachtungsweise zu sehen. Die Figur Kevin wird bis hin zur finalen Katastrophe als regelrechtes Monster dargestellt. Es wird sich nicht wirklich darum bemüht, das Psychogramm eines real existierenden Menschen zu zeichnen. Der Zuschauer fragt sich, warum Kevin so unfassbar böse ist - und findet im Film keine zufriedenstellende Antwort. Dieser Junge bleibt einfach ein undefinierbarer Albtraum. Somit verschwimmen die Grenzen zwischen Familiendrama und Psycho-Horror.

Die finale Katastrophe, die in der einen narrativen Ebene schon zurückliegt und in der anderen noch mehr oder weniger weit bevorsteht, sollte im Voraus am besten unbekannt bleiben. Je weniger man über den Film weiß, desto besser funktioniert Ramsays Erzählweise. Der Film strotzt vor Symbolbildern, speziell um die Farbe Rot, die die beiden Ebenen als wiederkehrendes Stilmittel miteinander verknüpfen. Dadurch entsteht ein düsteres Gemälde, ein mosaikartiges Konglomerat aus depressiven Szenen, das vor allem von seiner starken Bildsprache lebt. Diese steht oft im Kontrast und gleichzeitig engen Zusammenspiel zur streckenweise gut aufgelegten und doch seicht schwermütigen Musik. Damit erzeugt Ramsay eine enorm dichte Atmosphäre, die den Zuschauer von Anfang an aufsaugt. Wirklich überraschend ist der Film dabei nicht, Spannung im klassischen Sinne sollte man nicht erwarten. Deutlich spürbar ist dennoch eine subtile Anspannung, die sich durch den gesamten Film zieht und die den Zuschauer von der ersten Minute an in seinen Bann zieht. Es sind sehr starke Emotionen, die We Need To Talk About Kevin beim Zuschauer auslöst, ohne dass er dabei theatralisch wirkt.

Herzstück des Filmes ist zweifellos Tilda Swinton (Thumbsucker). Die Oscar-Preisträgerin zeigt hier eine der besten Leistungen ihrer Karriere. Wie sie die gebrochene, verzweifelte Mutter spielt, die sich auf der einen Ebene mit den immensen Anfeindungen gegen ihre Person auseinandersetzen muss, da sie für Kevins Taten verantwortlich gemacht wird, und in der anderen Ebene damit fertig werden muss, Mutter eines Kindes zu sein, das sie einfach nicht lieben kann, ist schlicht brillant. John C. Reilly (Der Gott des Gemetzels) als irgendwie sympathischer, aber gegenüber seiner Frau auch ignoranter, fast schon dümmlich gutgläubiger Vater, hat einen etwas eigenartigen Part abbekommen: Die Beziehung zwischen seiner Figur Franklin und Eva wirkt nicht immer glaubwürdig, was in gewisser Weise wahrscheinlich aber auch beabsichtigt war. Dennoch bleibt Reillys Charakter fast schon blass neben dem facettenreichen Spiel Swintons. Der Jungdarsteller Ezra Miller (Vielleicht lieber Morgen) überzeugt als diabolischer Teenager Kevin, wobei er auch vom großartigen Cast seines kindlichen Gegenparts profitiert. Der junge Jasper Newell bietet eine, besonders für sein Alter, sensationelle Leistung, wobei er und Ezra Miller sich tatsächlich erstaunlich ähnlich sehen. Erst durch diesen hervorragenden Cast funktioniert die Figur Kevin wunderbar.

Letzten Endes stellt sich bei We Need To Talk About Kevin zwangsläufig die Frage nach der Botschaft. Der Zuschauer wird ohne Antworten und mit einem eigenwilligen Gefühl der Leere und einer nicht ganz schlüssigen Schlussszene zurückgelassen, aus der er weniger mitnehmen kann, als sich zunächst vermuten ließe. Dennoch ist Lynne Ramsey ein besonderer Film gelungen, der es schafft, den Zuschauer zu berühren und ihm eine ungewöhnliche Filmerfahrung zu bescheren.



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