Nach einer sechsjährigen Abwesenheit von der großen Leinwand kehrte 1995 James Bond zurück. Der Erfolg von GoldenEye schien Hollywoods Produzenten dazu zu ermutigen, weitere Kultagenten der Sechziger zu reaktivieren. 1996 folgte der erste Mission: Impossible und 1997 The Saint - Der Mann ohne Namen. Doch wer eine echte Kinoadaption der Vorlage Simon Templar mit Roger Moore erwartete, wurde enttäuscht. Der Film fiel bei Publikum und Kritikern durch, doch wirklich verdient hat er das nicht.
Russland, irgendwann in der nahen Zukunft: Es herrscht Heizölknappheit, die Menschen erfrieren, der Präsident ist machtlos. Der intrigante Ölmagnat Ivan Tretiak (Rade Serbedzija) will die Chance nutzen, um sich politisch hervorzutun. Er beauftragt den Profidieb Simon Templar (Val Kilmer), eine neue Formel zur Energieerzeugung von der britischen Wissenschaftlerin Dr. Emma Russell (Elizabeth Shue) zu stehlen. Doch der Job wird für den charmanten Verwandlungskünstler persönlicher, als er es erwartet hätte.
Heute würde man The Saint vielleicht als Reboot oder Prequel zu der Fernsehserie bezeichnen. Für die Kinoversion wurde aus dem Abenteurer Templar ein Meisterdieb, der plötzlich beginnt, Gutes zu tun, statt von Geld geleitet zu werden. Und in gewisser Weise funktioniert das als Ursprungsgeschichte der Figur sehr gut. Auch in den der Serie zugrundeliegenden Romanen des britischen Autors Leslie Charteris aus den 1920er Jahren ist Templar ein moderner Robin Hood, der von der Polizei gejagt wird. Dass der dabei hauptsächlich auftretende Inspector Teal es auch in die Kinoversion geschafft hat, zeigt, woher ein Teil der Inspiration des Films kam.
Während Elemente der Serie nur für kleinere Anspielungen genutzt wurden, spürt man den Einfluss der erwähnten filmischen Vorbilder hingegen deutlich, wenn auch weniger positiv. Diverse technische Gimmicks und genretypische Actionklischees wirken hier irgendwie fehl am Platz und verhindern, dass der durchaus kreative Ansatz ausgebaut werden kann. Auch kleinere Erzählschwächen fallen vereinzelt auf. Vielleicht eine Folge der nach ersten Testvorführungen noch geänderten, mitunter entscheidenden Handlungselemente.
Doch trotz dieser Mängel schafft es Regisseur Phillip Noyce, dessen Tom-Clancy-Verfilmungen Die Stunde der Patrioten und Das Kartell respektable Erfolge waren, sich von vergleichbaren Filmen ein wenig zu distanzieren, da er zugunsten einer wirklichen Liebesgeschichte auf zuviel Action verzichtet. Mit dem romantischen Part zwischen Simon und Emma hat der Film ein echtes Plus. Glaubwürdig erzählt, wundervoll musikalisch untermalt und überzeugend von Shue und Kilmer gespielt. Vor allem Letzterem merkt man seine Spielfreude den ganzen Film hindurch an, so lächerlich die eine oder andere Verkleidung auch sein mag.
Vielleicht war es die nicht ganz stimmige Vermischung von ursprünglichen Romanen, TV-Serie und aktuellen Agentenfilmen, die die Zuschauer abschreckte. Wenn man der Geschichte nach dem recht banalen ersten Akt aber noch eine Chance gibt, wird man durchaus nicht enttäuscht. Dann kann The Saint dank guter Darsteller, interessanter Hauptcharaktere und einer schnörkellosen Erzählung wirklich unterhalten. Und am Ende kann man (im O-Ton) sogar noch Roger Moore als Radiomoderator hören.