Mit Fug und Recht gilt der gebürtige Nordire Liam Neeson als Hollywoods Universalkönner. Ob als Charakterdarsteller, wie in Five Minutes of Heaven, oder unerbittliche Ein-Mann-Armee in 96 Hours, der smarte Darsteller macht stets eine gute Figur. Sein aktueller Film verschlägt ihn in arktische Gefilde und in ein Abenteuer angefüllt von pessimistischer Endzeitstimmung. The Grey entpuppt sich gegen jede Erwartung als existenzielles Drama, das allerdings weder ordentlich durchdacht wirkt, noch atmosphärisch zupackt. Neeson als zentrale Figur kommt es zu, nahezu im Alleingang den Film zu tragen, was bereits überwiegend am brüchigen Grundkonzept scheitert.
John Ottway (Liam Neeson) ist Jäger und Überlebensspezialist. Er wird von einer Ölfirma in Alaska zum Schutz ihrer Bohrarbeiter beschäftigt, die immer wieder Opfer "menschenfressender Wölfe" werden, sogenannter Maneater. Während eines Rückflugs in die Heimat gerät die Maschine, in der sich auch Ottway befindet, in einen heftigen Sturm und stürzt irgendwo im Nirgendwo mitten in der eisigen Wildnis ab. Nur acht Männer inklusive Ottway überleben den Crash, die sich nun zusammenraufen müssen, falls sie die geringste Chance haben wollen, zu überleben. Ottway kommt die Rolle des Führers zu, doch die größte Gefahr geht nicht von Hunger und der Kälte aus. Ein Rudel Wölfe hat die Witterung aufgenommen. Und schon bald beginnen sich die Maneater, einen nach dem anderen zu holen.
Im Niemandsland zwischen Klischee und Metaphysik bewegt sich The Grey. Unmissverständlich macht der Film von Anfang an klar, dass es ein raues Land ist, bevölkert von rauen Kerlen und überall lauert der Tod. Man muss aber schon zu Beginn bereit sein, beide Augen ganz fest zudrücken, um glauben zu wollen, dass ein einsamer Wolf eine Gruppe von drei Männern attackieren würde. Eine Szene, die geradezu absurd wirkt, Hauptdarsteller Neeson aber die Chance gibt, einen Blattschuss zu platzieren und damit die Notwendigkeit des Jobs seiner Filmfigur zu legitimieren.
Ottway ist jedoch kein schießwütiger Barbar. Introvertiert, halbentrückt und gezeichnet von einem tragischen Verlust - der in Flashbacks immer wieder angerissen wird - hängt er kaum noch am Leben. Erst die Verantwortung, die ihm durch den Flugzeugabsturz das Schicksal aufbürdet, holt ihn in die Realität zurück. Es ist wirklich Neesons Verdienst, dass es ihm überhaupt gelingt, diese sehr dissonant angelegte Figur auch nur einigermaßen glaubwürdig zu verkörpern. Das führt jedoch auch dazu, dass der Film regelrecht um ihn herumkomponiert wurde, während die anderen Figuren blass und austauschbar wirken und kaum Erringungswert entwickeln.
Substanziell gibt The Grey zudem wirklich nicht viel her. Es ist im Grunde die Geschichte von den "zehn kleinen Negerlein" (in diesem Falle acht), die nacheinander der Tod heimsucht. Dass für dieses Duell Mensch vs. Natur aber ausgerechnet solch scheue Kreaturen wie Wölfe, die den Menschen so weit wie möglich meiden, herhalten müssen, will nicht sinnig erscheinen. Vor allem deshalb, da der Film keine halbnaive Jack-Landon-Geschichte ist, sondern sich um mehr bemüht. Anleihen gibt es bei Überleben, allerdings auch bei solchen Klassikern wie Moby Dick; auf jeden Fall in dem Sinne, dass sich die Schöpfung, gegen die sich der Mensch versündigte, nun gegen ihn wendet. Problematisch wird das Ganze jedoch dadurch, dass Ottway kein besessener Ahab ist und ein Rudel Wölfe keinen mythologisch beladenen Über-Wal zu ersetzen vermögen.
Sehenswert sind hingegen die Naturaufnahmen, die an spektakulären Schauplätzen in Kanada entstanden, doch auch hier liegt jede Discovery-Channel-Doku nach Punkten deutlich vorne; zumal das Geschehen kein Tempo aufnehmen und selten wirklich Spannung aufkommen will. Atmosphärisch wandelt The Grey sichtlich mehr auf den Spuren von Endzeitgeschichten, wie beispielsweise The Road. Es gelingt ihm aber nicht, diese beklemmende Aussichtslosigkeit derart zu transportieren, dass das Publikum mitschwingt. Und auch auf der eher philosophischen Seite wirkt der Streifen mit dem zunächst sehr nihilistisch positionierten Protagonisten, der sich final nicht in sein Schicksal ergibt, sondern sich dem Existenzkampf stellt, irgendwie verschwurbelt. Im Umkehrschluss hieße das, jeden Todessehnsüchtigen der Todesgefahr aussetzen, um ihn zu kurieren.
Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer und ein Liam Neeson allein ohne vernünftig getakteten Plot noch keinen guten Film. Basierend auf einer Kurzgeschichte von Ian Mackenzie entstand ein Zweistünder, der mit viel Leerlauf aufwartet und dessen Dramaqualitäten selten greifen. Zu wenig Substanz und zu gesichtslose Mitstreiter sollen durch poetische Elemente wie den steten inneren Monolog des Hauptdarstellers und existenzielle Metaphern kompensiert werden, was nicht wirklich gelingen will. Falls überhaupt, erscheint das Warten auf die Silberscheibe angeraten.