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Martha Marcy May Marlene

(Martha Marcy May Marlene, 2011)

Dt.Start: 12. April 2012 Premiere: 21. Januar 2011 (Sundance Film Festival, USA)
FSK: ab 16 Genre: Drama, Thriller
Länge: 102 min Land: USA
Darsteller: Elizabeth Olsen (Martha), Christopher Abbott (Max), Brady Corbet (Watts), Hugh Dancy (Ted), Maria Dizzia (Katie), Julia Garner (Sarah), John Hawkes (Patrick), Louisa Krause (Zoe), Sarah Paulson (Lucy)
Regie: Sean Durkin
Drehbuch: Sean Durkin


Inhalt

Nach zwei Jahren entkommt Martha der brutalen Sekte, in der sie unter dem Namen Marcy May gelebt hat. Zuflucht findet sie bei ihrer älteren Schwester Lucy und deren Mann Ted, die ihr eine Rückkehr zur Normalität ermöglichen wollen. Doch die qualvollen Erlebnisse haben tiefe Spuren hinterlassen, und so fällt es Martha zunehmend schwerer, Realität, Traum und Erinnerung voneinander zu unterscheiden. Bald schon ist sie überzeugt, von Sektenführer Patrick verfolgt zu werden.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Martha Marcy May Marlene hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 43%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Asokan Nirmalarajah
Martha Marcy May Marlene hat eine Wertung von 43%
Das Langfilmdebüt des amerikanischen Kurzfilmregisseurs Sean Durkin erwies sich als einer der großen Kritikerfavoriten auf den Filmfestivals des letzten Jahres, von Sundance im Januar über Cannes im Mai bis hin zu Toronto im September. Kein Wunder: Das psychologisch intime Identitätsdrama mit dem enigmatischen Titel begeisterte die rastlosen Vielgucker vor Ort mit der elliptischen, sperrigen Geschichte einer jungen Frau, die, einer Sekte entkommen, versucht, mit ihren traumatischen Erinnerungen fertig zu werden. Elizabeth Olsen, jüngere Schwester der berühmten Olsen-Zwillinge Mary-Kate und Ashley (Ein verrückter Tag in New York, 2004), erntete viel Lob für ihr engagiertes Spiel in der Hauptrolle, während Durkin sogar den Regiepreis von Sundance holte. Abseits des Festivaltrubels, wo eine fehlende Ausarbeitung von Handlung und Figuren oft und gerne mit Mut zur Ambiguität verwechselt wird, lässt einen die hübsch fotografierte Nabelschau allerdings kalt.

Bild aus Martha Marcy May Marlene Der euphorische Empfang, den manch ein Festivalgänger Durkins ambitioniertem, aber hinter seinen Möglichkeiten verharrendem Film bisher bereitet hat, kommt nicht von ungefähr. Die überwiegend positiven Stimmen zum Film können nicht alle falsch liegen. Und doch ist die Independent-Produktion Martha Marcy May Marlene (2011) in ihren berechenbaren Handlungselementen, klischeehaften Figurenattributen und kühnen ästhetischen Gestaltungsstrategien ähnlich ärgerlich wie ein Mainstream-Film, der sich streng an die Konventionen des Hollywood-Films hält. Denn Durkin bedient mit seinem recht einfallslos konstruierten Drama letztlich auch ein bestimmtes Publikum: die Arthouse-Meute, die sich ganz stolz abseits des Mainstreams wähnt, in deren Geschmack sich aber längst auch ein ganz eigener Konservatismus eingeschlichen hat. Wie anders ist deren kollektive Blindheit vor einem derart mittelmäßigen, langatmigen Psychodrama wie diesem zu erklären?

Fangen wir doch bei der verstörten, traumatisierten Protagonistin an, die den Film über mit ihren inneren Dämonen ringt, indem sie sich regelmäßig ihrer bereits spärlichen Bekleidung entledigt, ein wirres Verhalten an den Tag legt und auf den Boden uriniert. Elizabeth Olsen, die gleich zweimal für Sean Durkin vorsprechen musste, um den Autorenfilmer davon zu überzeugen, dass sie trotz des irrsinnig hohen Bekanntheitsgrads ihrer talentfreien Schwestern in den USA unbekannt genug ist, um die mysteriöse Titelfigur seines Films zu spielen, wirft sich mit physischer und emotionaler Nacktheit in diese Rolle. Auch ist sie mit einem faszinierenden Gesicht gesegnet, das abgesehen von beunruhigenden Ähnlichkeiten zu Mary-Kate und Ashley vor allem positive Erinnerungen an eine frühere Prinzessin des provokanten Independent-Kinos erinnert: Maggie Gyllenhaal (Secretary - Womit kann ich dienen?, 2002). Wie die hübsche Schwester Jake Gyllenhaals verfügt auch Olsen über ein offenes Gesicht, das auch tiefe Abgründe zu verbergen scheint. Als paranoide Martha der Gegenwart, neugierige Marcy May und dogmatische Marlene der Vergangenheit, spielt Olsen alle emotionalen Höhen und Tiefen ihrer Figur gut aus.

Einer ihrer stärksten Szenen (und auch des an kraftvollen Momenten überraschend armen Films) ist denn auch jene, in der die Kamera auf ihrem Gesicht verharrt, während der von einem beunruhigend charismatischen John Hawkes (Winter's Bone, 2010) verkörperte Anführer der alternativen, um eine autarke Lebensweise bemühten Kommune ihr ein Lied singt. Während der verschlagene Sektenvorstand einen selbst komponierten, nach ihr benannten Song an der Gitarre vorstellt, passieren ambivalente Gefühle der Faszination und Irritation, Neugierde und Angst über ihr fragiles Antlitz. Diese Intensität wird von Sean Durkins um Komplexität und Ambiguität bemühtem Drehbuch und seiner von langen, fast schon meditativen Einstellungen bestimmten Kamera später nur selten wieder erreicht. Stattdessen langweilt er mit einer angestrengt kunstvollen, bedeutungsschwangeren Mise-en-scène, die seiner bemerkenswert atmosphärisch dichten Inszenierung sehr abträglich ist, und einer wenig aufregenden Überblendung von Vergangenheit und Gegenwart, in der Martha sich überall gefangen fühlt und so Analogien zwischen dem früheren Leben in der herzlichen Kommune und dem neuen in einer kalten Yuppie-Villa ziehen kann.

Thematisch vermag Durkin, der erzählerisch mit offenkundigen Andeutungen, überflüssigen Leerstellen, forcierten Ambiguitäten und abrupten Schnitten kokettiert, auch nicht viel mehr aussagen zu wollen, noch zu können. Als Zuschauer befindet man sich so in einem ständigen Moment der Erwartung, die beunruhigende Grundstimmung läuft wiederholt ins Leere. Doch selbst wenn es Durkin nicht darum ging, neue oder erhellende Einsichten in die internen Mechanismen einer Sekte zu präsentieren, die hier mit ihrer strengen Geschlechterteilung und den patriarchalen Strukturen schwer an die von Charles Manson erinnert, und er nur ein ästhetisch mitreißendes Psychogramm a la Roman Polanskis Ekel (1965) auf die Leinwand bringen wollte, in der sich nicht alles mit Bestimmtheit wegerklären lässt (wird sie tatsächlich noch von der Sekte verfolgt oder ist sie paranoid?), weder die Geschichte, noch die Titelfigur(en) seines Films sind hierfür ansprechend genug.



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