Ein Film übers Sterben und das Leben mit Schuld: Matthias Glasner legt mit Gnade ein beeindruckend intensives und beinahe monumental bebildertes Stück Schauspielkino vor, welches am Ende jedoch über die betont originellen Widerhaken inszenatorischer Manierismen stolpert.
Winter, Schnee und Eis bedeuten Erstarrung, Kälte, auch im Zwischenmenschlichen. Die Nacht bedeutet eine unklare Sicht, Düsternis, auch in der Seele. Gnade von Matthias Glasner setzt genau diese omnipräsenten Metaphern ein, um seine Geschichte um Sünden, Schuld, Moral und Sühne zu erzählen - clever situiert in Nordnorwegen, wo es die Sonne in der winterlichen Polarnacht nicht über den Horizont schafft. In diesem permanenten Dämmerzustand leben Maria (Birgit Minichmayr, Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte) und Niels (Jürgen Vogel) zusammen mit ihrem Sohn Markus, ein deutsches Ehepaar, welches es zum Arbeiten nach Hammerfest, die nördlichste Stadt Europas, verschlagen hat.
Niels arbeitet bei Europas größter Erdgasverflüssigungsanalage, unterhält Affären zu anderen Frauen, hält diese aber vor Maria geheim. Maria arbeitet in einem Palliativ-Hospital, begleitet unheilbar kranke Menschen beim Sterben und fährt eines Nachts fahrerflüchtig ein Kind mit dem Auto an, welches daraufhin verstirbt. Der Tod und das moralische Grübeln sind allgegenwärtig bei Gnade und in ihrer Intensität ebenso raumfüllend wie die ebenso unwirtlichen wie faszinierenden Schnee- und Eislandschaften Nordnorwegens. Solange Maria nicht um Vergebung bittet, hat Niels einen moralischen Freifahrtschein, weswegen sein Geständnis des Betrugs bei Maria allenfalls Nachsicht, aber keine Verurteilung nach sich zieht.
Glasner, der seinen persönlichen Freund Jürgen Vogel nach Der freie Wille auch hier wieder zu Höchstleistungen antreibt, legt sehr viel Schwere in sein Charakterdrama, sehr viel Tiefe. Der moralische Konflikt beider Hauptfiguren, ihr Weg zum Bitten um Vergebung, zum Schuldeingeständnis, nimmt den Film ein, lässt die puristische Inszenierung mit ihren langen Einstellungen, mit ihren unterkühlten Bildern und sporadischen, schwermütigen Vokalgesängen als Musikuntermalung - Maria singt schließlich im örtlichen Chor - dahinter zurücktreten. Das ist bedrückend, das liegt schwer im Magen, das ist trotz einiger religiöser Motive großartiges Schauspielerkino.
Daneben entwickelt sich jedoch ein alternierendes Eigenleben in der Narration mit Sohn Markus. Sein Innenleben bleibt unklar, er bleibt dem Zuschauer verschlossen - auch in seinen dokumentarischen Ambitionen. Markus filmt mit dem iPhone seine Eltern beim Streiten, bei der Annäherung, die erst über ihre Kollaboration im Vertuschen des Unfalls wieder stattfindet, sie wieder zu sich finden lässt. Zwischen einem distanzierten, entfremdeten Gespräch zum Abendessen über Doppelschichten und dem Versöhnungs-Sex liegt eine fragwürdige moralische Entscheidung, dadurch wird verdeutlicht, dass - wie es im Film heißt - nicht Vernunft antreibt, sondern Leidenschaft.
Beide miteinander korrespondierenden Erzählstränge - Eltern und Sohn - werden nur lose miteinander verknüpft, was in einem misslungenen Epilog in Form eines ärgerlichen Handyvideos ähnlich eines Werbespots endet, welches nicht nur ästhetisch mit hohen Farbsättigungen ein Kontrastprogramm zum Vorangegangenen darstellt. Vergebung ist nach dem Schuldeingeständnis eingetreten, es ist Sommer geworden, Polartag. Mittsommernacht wird gefeiert. Das Licht der Erkenntnis hat Einzug gehalten. Leider nicht in den disparat, bedeutungsleer erscheinenden Momentaufnahmen der Handy-Filmaufnahmen.