Mit der Adaption der weltbekannten Geschichte des französischen Meisterautors Victor Hugo wagen sich die Disney-Studios auf ungewohntes Terrain. Leider wird der erwachsene und sehr düster geratene Film letztlich doch durch stellenweise unpassende Albernheit und ein aufgesetzt wirkendes Happy End stark in seiner Wirkung beeinträchtigt.
Wäre man böswillig, würde man wohl sagen, Disney betreibt seit einiger Zeit eine schändliche Plünderung der Literaturhistorie. Doch wie auch immer man dazu stehen mag, es ist wohl eine Sachlage, dass es sich Disney seit vielen Jahren vielleicht ein wenig zu einfach macht mit der Beschaffung von Geschichten für ihre Produktionen. In den letzten 20 Jahren basierte die Hälfte aller hauseigenen Disney-Filme auf klassischen Geschichten. Doch wie auch immer man zu dieser Art der Inspiration stehen mag, muss man durchaus zugeben, dass es dem wohl bekanntesten Zeichentrickfilmstudio der Welt in der Regel immer (eine besondere Ausnahme davon stellt hier Der Schatzplanet dar) gelang, diese Geschichte auch als unterhaltsame und kindgerechte Filme umzusetzen. Für den 34. Kinotrickfilm Der Glöckner von Notre Dame entschied man sich nun für den 1831 erschienenen gleichnamigen Klassiker der moderneren Literatur aus der Feder von Victor Hugo.
Der bucklige Glöckner Quasimodo lebt von allen versteckt einsam und allein auf dem Glockenturm der Pariser Kathedrale Notre Dame und beobachtet Jahr ein, Jahr aus das fröhliche Treiben der Stadt. Nur zu gerne würde er diesmal am Fest der Narren teilhaben, doch sein strenger Herr und Ziehvater, Richter Frollo, erlaubt es ihm nicht. Von seinen einzigen Freunden, den sprechenden Wasserspeiern der Kathedrale, ermutigt, schleicht sich Quasimodo ins Getümmel und lernt dabei die schöne Zigeunerin Esmeralda kennen, die vor Frollos Schergen in die Kathedrale fliehen muss. Nun setzt Quasimodo, der sich in die schöne Zigeunerin verliebt hat, alles daran, sie vor seinem Ziehvater, der Esmeralda ebenfalls begehrt, zu beschützen. Doch auch der neue Stadtkommandant Phoebus hat ein Auge auf die rassige Zigeunerin geworfen und hält den buckligen Quasimodo für eine Bedrohung.
Beginnend mit dem zehnminütigen Kurzfilm Esmeralda von 1905, stellt Disneys Der Glöckner von Notre Dame die nunmehr 12. Verfilmung des Dramas dar. Natürlich musste der Plot um die feurige Liebe zu einem Zigeunermädchen, die gleich drei Männer und die Angebetete selbst in Verzweiflung und Tod stürzt, für eine familientaugliche Disneyversion ein wenig abgeändert werden. Liebhaber der Vorlage werden die zahlreichen großen und kleinen Änderungen wohl schwer aufstoßen, denn obwohl der Film zwar den Geist der komplexen Vorlage atmet, ist das Werk des Regie-Duos Gary Trousdale und
Kirk Wise von der Originalgeschichte mindestens so weit entfernt wie eine Milchkuh von der Weinerzeugung. Zwar sind der Geschichte ihre Kernthemen Rassismus, religiöser Wahn, Verdammnis und Lust (!) und daher ein ernsthafter, ja sogar düsterer Grundtenor erhalten geblieben. Doch gleichzeitig geht es vordergründig recht fröhlich zugange. Und genau hier ist das Problem des Films zu finden. Der düstere, ernste Klang des Films und die humoristische Auflockerung, für welche die drei sprechenden Wasserspeier und Esmeraldas Ziege Dijali verantwortlich sind, wollen auf die Dauer nicht so recht zusammenpassen.
Letztlich haben die beiden Regisseure Gary Trousdale und
Kirk Wise einen zwar recht untypischen, aber dennoch überzeugenden Disney-Film abgeliefert, der mit der exzellenten Musik des achtfachen Oscar-Preisträgers Alan Menken sowie der gewohnt erstklassigen Animation und viel Atmosphäre aufwarten kann. Einzig die immer wieder vorkommende bunte Fröhlichkeit und vor allem das Disney-typische familientaugliche Happy End wirken ein wenig sehr aufgesetzt und trüben daher den positiven Gesamteindruck, den Der Glöckner von Notre Dame hinterlässt, am Ende doch ein wenig.