Vierte Runde für die Bourne-Saga, diesmal allerdings ohne Matt Damon. An dessen Stelle tritt Jeremy Renner, nicht aber als Ersatz; der schlüpft in die Haut des Superagenten Aaron Cross, der dem selben Supersoldatenprogramm der CIA entstammt, wie Jason Bourne seinerzeit. Auch Cross soll eliminiert werden, und auch er hat einiges dagegen. Es dauert schon eine beträchtliche Weile, bis der neue Bourne-Streifen auf Tempo kommt. Dann aber wird es leider auch nicht besser: Eine zu dünne Story, zu oberflächliche Figurenzeichnungen und Action ohne nennenswerten Neureiz wollen einfach keinen Spaß aufkommen lassen. Leben und Sterben von Agenten, belangloser und spannungsärmer wie es kaum sein könnte.
Das waren noch Zeiten, als Agenten smarte Smokingträger waren, welche die feurige Glut in den Herzen schöner Frauen inmitten des kalten Krieges entfachten. Und ganz nebenbei ein paar fiese Spione eliminierten, ohne ihren Wodka-Martini zu verschütten. Doch lang ist es her, und solches will heutzutage nun wirklich keiner mehr sehen. Dass das Agentengenre aus dem Märchenschlaf erwachte, verdankt es wohl vor allem einer Figur: Jason Bourne. Die Anfangsbuchstaben erbte er vielleicht noch von seinem berühmten britischen Ahnenvater, damit hören die Gemeinsamkeiten allerdings auch schon auf. Bourne war hart, physisch, explosiv, unvorhersehbar. Eine Adrenalin- und Achterbahnfahrt ohne Bremse, und eine gnadenlose Hatz mit glaubwürdigen Martial-Arts-Choreographien, wie sie bis dato in einem A-Movie kaum zu sehen gewesen waren. Hier wurden aus Agenten wieder Elitesoldaten, die Furcht und Schrecken verbreiteten.
Drei Filme lang wurden die Cineasten mit dieser neuen Art Agententhriller beglückt und drei Filme lang war es Matt Damon, der in die Haut des Ex-CIA-Mannes Jason Bourne schlüpfte und die ganze Firma alt aussehen ließ. Für einen vierten Film war Damon jedoch nicht mehr zu bewegen, in diese Rolle noch einmal zurückzukehren. Die Franchise war aber viel zu erfolgreich, um sie dauerhaft ruhen zu lassen. Es hieß entweder einen Reboot - doch wer wollte schon die gleiche Geschichte ein paar Jahre später noch einmal erzählt bekommen - oder eine neue Episode mit einem anderen Darsteller. Schließlich entstammten dem Elitesoldaten-Programm, das Bourne hervorbrachte, noch viele andere Agenten.
Jeremy Renner tritt nun die Nachfolge von Matt Damon an. Als Agent Aaron Cross, Produkt von Operation Outcome, dem Nachfolgeprogramm von Treadstone. Auch er wurde zum Elitesoldaten gemacht. Dazu gab es nicht nur spezielles Training und Psychokonditionierung, mit allerhand biochemischen Verfahren samt Genmanipulation wurde zusätzlich nachgeholfen. Möchte er seine Fähigkeiten aber dauerhaft erhalten, ist er zeitlebens darauf angewiesen, regelmäßig eine grüne und eine blaue Pille zu sich zu nehmen. Andernfalls verliert er nicht nur seine überragenden physischen Fähigkeiten; nein, auch sein Intellekt würde in diesem Falle dahinwelken. Selbstredend gibt es diese Pillen nicht in jedem Reformhaus um die Ecke, sondern einzig und allein in den Geheimlaboratorien von Operation Outcome.
Es kommt wie es kommen muss: Nach dem Bourne-Desaster wird auf die CIA seitens der Politik Druck ausgeübt, ihre Ein-Mann-Armeen endgültig aus dem Verkehr zu ziehen. Agent Cross' Lebensuhr ist damit eigentlich abgelaufen. Die Wissenschaftlerin Marta Shearing (Rachel Weisz), die eigentlich an der Optimierung der Agenten mitbeteiligt war, bekommt aber angesichts dieser Grausamkeit moralische Bedenken und schlägt sich auf die Seite von Cross. Es dauert nicht lange und die gnadenlose Jagd wird auf beide eröffnet.
Das Bourne Vermächtnis beginnt mit einigen schönen Impressionen aus eisigen nordischen Gefilden. Agent Cross befindet sich inmitten eines harten Überlebenstrainings. Die Einführung des neuen Protagonisten gestaltet sich somit zwar verhältnismäßig unaufgeregt, jedem wird aber sofort klar, dass er ein ganz zäher Bursche ist. Geruhsam geht es jedoch auch in der Folge eine ganze Weile weiter, was mit zunehmender Dauer schon den einen oder anderen Zweifel am Konzept der Inszenierung aufkommen lässt. Vor allem deshalb, da dem Mangel an Beschleunigung keine wirklich interessante Story entgegengesetzt wird. Das pseudowissenschaftliche Gebrabbel um Genmanipulation und Viren als DNA-Transfervehikel ist dabei ungefähr so nützlich, wie Lucas' Einführung der Midi-Chlorianer als Erklärung für "Die Macht".
Ohne zu wissen, ob sich die Macher die grüne oder die blaue Pille vor dem Dreh genehmigt haben, Das Bourne Vermächtnis entpuppt sich mit Abstand als der schlechteste Teil der Saga. Von einer wirklichen Geschichte kann kaum die Rede sein, die Handlung beschränkt sich auf Leerlauf, dummdusselige Dialoge (zumindest in der deutschen Synchro) und 0815-Action. Zwar gibt Renner, der bereits als Hawkeye in The Avengers Superagenten-Luft schnuppern durfte, keinen schlechten Elitesoldaten ab, aber die One-on-Ones entwickeln leider so überhaupt keine Atemlos-Stimmung mehr. Was vor allem daran liegt, dass Renner viel zu wenig physisch hochkarätige Gegner entgegengesetzt werden. Wenn er zum x-ten Mal ein paar Sicherheitsleute oder Handlanger vermöbelt, macht es wirklich keine Laune mehr.
In der Endabrechnung ist es wirklich erstaunlich, wie es gelingt, mit solch einem beeindruckenden Cast, angefangen bei Rachel Weisz, die hier jederzeit ersetzbar erscheint, über Edward Norton, der als Schreibtischtäter kaum eine eigenständige Präsenz entwickelt, bis hin zu den Altstars Stacy Keach und Scott Glenn, die viel zu wenig Zeit auf der Leinwand bekommen, ein derart bescheidenes Ergebnis zu produzieren. Dabei hätte man eigentlich von Tony Gilroy, der bereits für alle drei Vorgängerfilme das Drehbuch lieferte und Michael Clayton sowie Duplicity - Gemeinsame Geheimsache inszenierte, mehr erwarten dürfen. So fügt sich Das Bourne Vermächtnis final in die Reihe der Multimillionen-Dollar-Hollywoodproduktionen ein, die aufpoliert aber beinahe schon seelenlos daherkommen.