Seit Jahrzehnten ist das Westjordanland eine der erbittertst umkämpften Regionen. Im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern scheint das Sterben trotz anhaltender internationaler Friedensverhandlungen kein Ende nehmen zu wollen. Auch im von israelischen Truppen besetzten Jenin, das als Terrorhochburg gilt, ist die Situation spürbar. Das Letzte, was diese Stadt jetzt braucht, ist ein Kino. Oder?
Nachdem Regisseur und Journalist Marcus Vetter seinen preisgekrönten Dokumentarfilm Das Herz von Jenin beendet hat, kann er sich noch nicht ganz von der Stadt und ihren gebeutelten Bewohnern trennen. Er beschließt, ein altes Kino, das bis zu seiner Schließung während der ersten Intifada 1987 eines der wichtigsten Palästinas war, wieder aufzubauen. Das Projekt erhält schnell viel Aufmerksamkeit, beteiligen sich doch palästinensische, israelische und internationale Helfer daran.
Das Herz von Jenin erzählte 2008 die Geschichte des palästinensischen Vaters Ismail Khatib, dessen 12-jähriger Sohn Ahmed von israelischen Truppen erschossen worden war. Um den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen, spendete Khatib die Organe seines Sohnes israelischen Kindern. Marcus Vetters Dokumentation erhielt u. a. den Cinema for Peace-Award und den Deutschen Filmpreis. Das Ende der Dreharbeiten war für Vetter und Khatib noch nicht das Ende ihrer Arbeit für den Frieden, und so kam es zum Projekt zur Wiedererrichtung des Cinema Jenin.
Es wird ein echtes Gemeinschaftsprojekt, für das nicht nur vor allem finanzielle Helfer, wie das Deutsche Ausländische Amt (zur Zeit des Drehs noch unter Frank-Walter Steinmeier) oder Pink Floyd-Gründungsmitglied Roger Waters gewonnen werden können. Auch der palästinensische Ministerpräsident wird zu einem wichtigen Unterstützer, und im Technikraum des Kinos nimmt Hussein, bis zur Schließung des Hauses dort Vorführer, seine Aufgaben wieder auf. Spätestens wenn dann israelische Journalisten vorbeischauen, um den Fortgang zu dokumentieren, wird klar, dass hier etwas Besonderes geschaffen wird.
Diese neue Doku hebt Vetter fast vollständig aus der Position des Regisseurs und macht ihn als Mitinitiator des Projektes stattdessen zu einem der Protagonisten. Die Kamera begleitet nun ihn und seinen Helfer Fakhri Hamad bei der Finanzierung, der Organisation und der handwerklichen Arbeit an dem völlig heruntergekommenen Filmtheater. Die Bilder und die Musik sind dabei zu jeder Zeit auf höchstem dokumentarischem Niveau, während die sich entwickelnden Geschehnisse immer Komik und Tragik verbinden, wenn Vetter und Hamad wie kleine Jungs ihren Traum verfolgen oder ihre gefährliche Umwelt auch das kleine Friedensprojekt nicht verschont.
Cinema Jenin ist nicht nur ein Dokument der Umstände im Westjordanland, sondern auch ein Versuch, sie zu ändern. Dabei vermittelt der Film vor allem die Botschaft, dass Kunst vereint, wo Politik auseinanderreißt. Im Film heißt es "Vergessen wir alle unsere Identitäten, ob Israelis, Palästinenser oder Deutsche, und gehen diese Sache ganz einfach als Künstler an.". Und vielleicht ist es genau diese Einstellung, die wirklich etwas verbessern kann, nicht nur im Westjordanland.