Goldene Kamera in Cannes, Grand Jury Price beim Sundance Filme Festival und mehr als ein Dutzend Auszeichnungen obendrauf. Beasts of the Southern Wild des jungen Regisseurs Benh Zeitlin ist im Schatten der Blockbuster mit Lob und Ehren überschüttet worden. Und das zu Recht. Die Geschichte um ein sechsjähriges Mädchen und ihren Vater aus einer eigenwilligen Kommune im überschwemmten Süd-Louisiana steckt voller Magie. Einziges kleines Manko: der Mangel an Orientierung.
Hurrikan Katrina, Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon - der Süden des US-Bundesstaats Louisiana ist in den vergangenen Jahren von zwei verheerenden Umweltkatastrophen heimgesucht worden. In diesem Mikrokosmos der besonderen Auseinandersetzung mit der Natur hat der 1982 in New York geborene Filmemacher Benh Zeitlin als Teil des Künstlerkollektivs Court 13 eine Heimat und eine Bestimmung gefunden. Die Flusslandschaften am Golf von Mexiko sind Schauplatz für seinen ersten Spielfilm über eine dem Untergang geweihte Gemeinschaft im Angesicht eines großen Sturms. Die Geschichte, erzählt aus der Perspektive eines sechsjährigen Mädchens, kann angesichts der jüngsten Vergangenheit gar nicht unpolitisch verstanden werden, auch wenn sich Zeitlin gegen diese Absichtsunterstellung wehrt. Er habe lediglich zeigen wollen, woher die Menschen Louisianas ihre Kraft schöpften, "an dem Ort auszuharren, der mich das Leben kosten wird, ohne dabei die für den Ort so typische Hoffnung und Lebenslust zu verlieren".
Dieser Ort, genannt Bathtub (zu Deutsch: Badewanne) ist die Heimat von Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) und ihrem Vater Wink (Dwight Henry), einem strengen, aber liebevollen Trinker. Abgeschieden von den Menschen auf der anderen Seite eines Deiches, die Hushpuppy nur aus kruden Erzählungen kennt, wächst das Mädchen in völliger Verbundenheit mit der Natur auf und lauscht regelmäßig dem Schlag der Herzen von kleinen und großen Tieren. Als ihr Vater krank wird und sich urzeitliche Monster befreit aus dem geschmolzenen Eis der Arktis auf den Weg zum Bathtub machen, muss Hushpuppy ihre kleine Welt verteidigen.
In dieser Welt muss sich der Gast erst orientieren. Vielleicht ist es dem künstlerischen Schaffen Zeitlins geschuldet, dass er den unwissenden Zuseher sich selbst überlässt und ihn kaum bei der Hand nimmt. In welcher Zeit spielt diese Geschichte? Was sind die Hintergründe der Figuren? Warum haben sie sich abgesondert? Klare Antworten gibt Zeitlins an sich fulminantes siebenminütiges Intro mit der selbst komponierten Musik nicht. Der Zuseher droht vor lauter Puzzeln beim Fortschreiten der Geschichte hinterherzuhinken.
Kraftvoll und gleichzeitig verträumt schwankt Beasts of the Southern Wild in der Folgezeit zwischen Sozialdrama und Märchen. Der aufziehende Sturm bedroht die Lebenswelt einer kleinen Gruppe von Standfesten, die nicht vor ihm flüchten und in den nahenden Wassermassen zu versinken scheinen, weil die Fluten nicht abfließen können. Die leergefischten Gewässer bieten zudem immer weniger Nahrung. "Wir verhungern und die gehen in den Supermarkt", echauffiert sich Wink in einem Moment gegenüber seiner Tochter mit Blick auf die Menschen jenseits des Deiches. Später werden diese Wohlsituierten kommen und eine Zwangsevakuierung in die Wege leiten.
Das ist die eine Seite des Filmes, die andere gehört Hushpuppy, die ihre eigene Welt und Wahrheit kreiert. Die zu Beginn der Dreharbeiten sechs Jahre alte Quvenzhané Wallis, die sich nach einjährigem Casting gegen 4000 Konkurrentinnen durchsetzte, trägt den Film mühelos im Alleingang. "Chefin" nennt sie ihr Vater - auch Dwight Henry, gelernter Bäcker, hatte keinerlei Erfahrung als Schauspieler - und so tritt sie auch auf, stapft wütend auf dem Boden, transportiert Entschlossenheit, Furcht oder Neugierde allein durch das Spiel ihrer Augen. Sie ist eine wahre Entdeckung.
Und selbst wenn man nach eineinhalb Stunden noch immer nicht genau weiß, was für einen Film man da eben gesehen hat, so ist doch eines sicher: Es ist ein besonderer.