Steven Soderberghs teilweise dokumentarisch wirkendes Werk über ein Callgirl in New York wurde in nur 16 Tagen mit einem Budget von gerade einmal 1,7 Millionen Dollar gedreht. Damit ist auch schon das Spektakulärste vorweg genommen: Denn abgesehen von Sasha Grey in der Hauptrolle ist der träge, handlungsarme und gänzlich spannungsbefreite Film auf ganzer Linie enttäuschend. Wer Sasha Grey sehen möchte, entscheidet sich besser für einen ihrer über 200 Klassiker wie Grand Theft Anal 11 oder Not Bewitched XXX und bekommt so zumindest Filme geboten, die ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden.
Es hat niemand behauptet, dass es leicht wäre, Callgirl zu sein. Schon gar nicht, wenn man sich in einer Beziehung befindet und einem die Kundschaft vor und nach dem Akt ständig mit Wirtschaftsgeschwafel und Finanzmarktanalysen langweilt und einer, der anders ist, dann auch noch die eigene Beziehung gefährdet. Doch auch wenn dadurch klar wird, dass es sich bei einem Job in der Escortbranche um einen teilweise anstrengenden Weg zu viel Geld handelt, stellt sich die Frage, ob man denn wirklich einen derartig belanglosen Film darüber drehen muss, bei dem praktisch alle interessanten Facetten, die der Stoff bietet, einfach ausgespart wurden.
The Girlfriend Experience ist ein furchtbar unangenehmer Film. Die Kälte, die er ausstrahlt, ist zwar offensichtlich als Stilmittel gewollt, doch sowohl die Charaktere als auch die minimalistische Handlung halten den Zuschauer auf Abstand. Es gibt keine Identifikationsfiguren, aber auch keinen Charakter, der, unabhängig von äußerlichen Schauwerten, auch nur ansatzweise interessant genug wäre. Die Handlung plätschert vor sich dahin, wobei auf einen Spannungsbogen zu Gunsten einer realitätsnahen, fast schon dokumentarischen Sicht verzichtet wurde.
Man muss ehrlicherweise feststellen, dass sich wohl deutlich weniger Leute für The Girlfriend Experience interessieren würden (in Deutschland waren das inklusive der Verleiher ohnehin nicht viele), wenn nicht mit Sasha Grey eine der populärsten Pornodarstellerinnen unserer Zeit für die Hauptrolle besetzt worden wäre. Grey ist in ihren "Adult-Movie"-Produktionen für aufopfernde Performances und exzessives Method Acting bekannt und holt das letzte aus sich und ihren Darstellerkollegen heraus. In The Girlfriend Experience geht es dagegen sehr sittlich und ruhig zur Sache. Explizite Sexszenen gibt es nicht; bevor es dazu kommt, beendet der Schnitt abrupt das Geschehen und leitet den Zuschauer geschickt in einen langatmigen Dialog. Somit überrascht Soderbergh den Zuschauer kurzweilig und enttäuscht gleichermaßen die Erwartungen derer, die sich den Film wegen Grey ansehen. Denn entweder, man befriedigt das Interesse ihrer Fans, indem man sie, wenn sie schon ein Callgirl spielt, in anspruchsvoller Optik und in eine interessante Geschichte gehüllt bei ihrer Lieblingsbeschäftigung zeigt (gern auch ästhetisch gestaltet), oder man bricht komplett mit allen Erwartungen und besetzt sie beispielsweise als Schneewittchen (sie wäre ein großartiges Schneewittchen). Grey aber als "Sexdarstellerin ohne Sex" zu besetzen, ist hingegen leider recht reizlos und macht sie im Grunde genommen austauschbar.
In den trägen, verquasselten Dialogen haben viele Kritiker psychologische Tiefe gewittert und der gesellschaftskritische Subtext, der nicht zuletzt aus dem bemühten Bezug zur Finanzkrise aufgedrängt wird, hat dafür gesorgt, dass sich viele verpflichtet fühlten, Soderberghs Low-Budget-Experiment zu loben. Doch auf den größten Teil der Zuschauer wird der Funke nicht überspringen, sodass The Girlfriend Experience trotz der knappen Spielzeit von etwa 77 Minuten vor allem eines ist: quälend langweilig.