Das spanische Kino fiel in den letzten Jahren immer wieder durch die eine oder andere Perle auf. Sleep Tight gehört ganz eindeutig zu eben diesen gelungenen Filmen und ist einer der ganz großen Geheimtipps des Jahres 2012. Der originelle Psychothriller begeistert durch interessante Ideen, eine atmosphärisch dichte Inszenierung und eine beeindruckende Leistung des Hauptdarstellers Luis Tosar.
Seit einigen Jahren hat sich neben Frankreich auch Spanien als verlässlicher Lieferant von Horrorfilmen profiliert. "Schuld" daran war nicht zuletzt das Horror-Meisterwerk REC der beiden Filmemacher Jaume Balaguero und Paco Plaza. Jaume Balagueros neuestes Werk ist kein Horrorfilm im klassischen Sinne, sucht man unbedingt nach einer Genrezuordnung, muss man ihn wohl als Psychothriller kategorisieren. Interessanterweise spielt auch Sleep Tight genau wie REC in einem Wohnhaus, kommt jedoch nicht als Found-Footage-Streifen, sondern vergleichsweise konventionell inszeniert daher.
Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Hausverwalter César, der nicht glücklich werden kann und seinen Mitmenschen ebenfalls kein Glück gönnt. Das Objekt seiner Begierde und seines Hasses gleichermaßen ist die fröhlich und unbeschwert durchs Leben schreitende Clara, deren Dasein er auf besonders hinterlistige, aber auch originelle Weise so unangenehm wie möglich machen will. Was sich Drehbuchautor Alberto Marini hier einfallen ließ, ist mehr als einfach nur originell und innovativ, es ist nahezu genial. Nicht nur, dass die Geschichte absolut unkonventionell ist, vielmehr liegt der besondere Geniestreich darin, dass der Psychopath der Sympathieträger ist. Im Grunde genommen ist der nach außen freundliche César ein Widerling, der mit seiner prinzipiellen Abneigung gegen alles lebensfreudige streckenweise an Gargamel erinnert, dennoch sind seine Motive und Taten überraschend nachvollziehbar. Im späteren Filmverlauf beginnt man schließlich sogar mitzufiebern, wenn er in Bedrängnis gerät, und schließlich zu hoffen, dass ihm seine Gräueltaten gelingen und er ungeschoren davon kommt.
Neben einer tadellosen Inszenierung ist es vor allem die Leistung des vielfach ausgezeichneten César-Schauspielers Luis Tosar, der es möglich macht, dass das Konzept so wunderbar funktioniert. Der spanische Schauspieler, der einigen vielleicht aus einer Nebenrolle aus Michael Manns Miami Vice bekannt vorkommen könnte, geht in seiner äußerst schwierigen Rolle auf, wie dazu sicherlich nur sehr wenige im Stande sind. Aber auch der restliche Cast weiß zu gefallen: Neben der zauberhaften Marta Etura, die ihre bewusst relativ eindimensional angelegte Rolle mit viel Leben füllt, fällt vor allem die Jungschauspielerin Iris Almeida, die als Ursula Césars Geheimnis kennt und ihn damit erpresst, positiv auf.
So sehr man auch geneigt ist, Drehbuch und Inszenierung zu loben, muss man doch zugeben, dass sich hier und da kleine Logikfehler beziehungsweise zweifelhafte Entwicklungen einschleichen. Da Sleep Tight zu den Filmen gehört, bei denen der Zuschauer so wenig wie möglich vorher wissen sollte, kann darauf an dieser Stelle nicht ausführlich eingegangen werden. Es sei aber so viel gesagt, dass die Vermehrungswut von Kakerlaken ebenso übertrieben wurde, wie die Unfähigkeit der Polizei. Doch davon abgesehen ist der Film atmosphärisch derart dicht und so wunderbar spannend, dass diese Kleinigkeiten problemlos verziehen werden können.