Viele Horrorfilme entpuppen sich nicht selten als unfreiwillig komisch. Andere wiederum sind sinnfreie Blut- und Metzelorgien der Torture-Porn-Schiene. Das Genre Jugend-Animationsfilm und Horror zu einem erbaulichen Ganzen zu verbinden, erscheint alles andere als leicht. Den Coraline-Machern ist dies mit ihrer zweiten Produktion jedoch weitestgehend gelungen. Einer Geschichte um einen freakigen Außenseiter, der die Gabe besitzt, mit den Toten zu reden. Angehaucht von vielen Genrevorlagen, gelingt es ParaNorman trotz ausgiebiger Hommage, sich eine Eigenständigkeit zu erarbeiten. Dabei punktet der Film in einigen Kategorien, vor allem visuell und durch seine Moralität. Eine ordentliche Logiklücke trübt das Vergnügen final aber ein.
Erwachsenwerden war für Kinder und Jugendliche noch nie leicht. Umso schwieriger gestaltet sich dieses Unterfangen, wenn man nicht zu den angesagten Kids zählt. Da entwickelt manch Außenseiter mitunter reichlich spleenige Marotten. Bei Norman Babcock, der in der neuenglischen Kleinstadt Blithe Hollow mit seiner Familie lebt, ist das besonders augenfällig. Norman ist nicht nur ein ausgesprochener Horror-Fan, er spricht sogar mit den Toten. Und das nicht in einem übertragenen Sinne: Norman kann wirklich mit den Toten reden. In der Schule macht das aus ihm, der ohnehin außer dem rundlichen Neil keinen Freund vorzuweisen hat, einen Freak par excellence, mit dem keiner etwas zu schaffen haben möchte.
Wie es kaum anders sein kann, wartet auf den sympathischen Anti-Helden aber noch eine bedeutende Aufgabe. Genau dabei werden sich seine besonderen Talente noch als ungemein hilfreich erweisen. Auf der ehemaligen Puritanerstadt Blithe Hollow lastet schließlich ein alter Hexenfluch, den die abergläubischen Pilgerväter, welche die Stadt gründeten, einem in früheren Jahrhunderten geführten Hexenprozess verdanken. Als nun der Zorn der Hexe aufflammt, erheben sich die Toten aus ihren Gräbern, und Norman ist der einzige, der die Stadt noch zu retten vermag.
ParaNorman verlegt sich nicht darauf, lange irgendetwas im Geheimnisvollen zu halten. Wenn Norman bereits zu Beginn, mit seiner verstorbenen Großmutter gemeinsam auf der Wohnzimmercouch sitzend, Zombiefilme schaut, ist die schräge Marschrichtung prinzipiell vorgegeben. Assoziationen an Sixth Sense oder Carpenters Klassiker The Fog mögen auf den ersten Blick nahe liegend erscheinen, das neuste Werk des Animationsstudios Laika Entertainment steht den Werken eines Tim Burton, besonders Corpse Bride, aber deutlich näher. Die generelle liebevolle Hommage an die klassischen Grusel-Streifen vergangener Jahrzehnte, angefangen bei Shelleys Frankenstein bis zu Romeros Zombie-Werken, bleibt dabei ebenfalls nicht aus - und schließt natürlich auch solche Meister des Trashes wie Ed Wood mit ein.
Wie Coraline, der erste Film des Studios, ist auch ParaNorman in dem heutzutage - allein schon wegen des großen Aufwands - beinahe schon verpönten Stop-Motion-Verfahren entstanden. Das für sich allein zeugt schon von einer tiefen und liebevollen Verbeugung vor dem Kunsthandwerk der früheren Trickfilmer. In der Summe verdient sich der Film damit insgesamt viele Pluspunkte was den cineastischen Anspruch betrifft. Darüber hinaus gelingt es ParaNorman trotz dieser vielfältigen Inspirationsquellen, sich die Eigenständigkeit zu erarbeiten. Das wird durch den Transport einer deutlichen moralischen Botschaft noch bekräftigt, was Burtons Filme in dem Maße nicht immer erfüllten.
Als Mix aus Coming-of-Age-Story, Drama, Comedy und Horror kann ParaNorman somit als überaus gelungen angesehen werden. Visuell ist der Film ein Hochgenuss und selbst die eingesetzte 3D-Technik wirkt sich in diesem Fall alles andere als nachteilig aus. Neben den vordergründigen Qualitäten und einem soliden Spannungsbogen, überzeugt die Geschichte aber vor allem in puncto Aussage. Deutlich spürbar wird das Plädoyer gegen (religiöse) Verblendung und daraus resultierendes Mobverhalten mit oft einhergehender Lynchjustiz. Solidarität sowie das Einstehen für die eigene Überzeugung und die Wahrheit finden sich klar auf der andern Seite der Waage positioniert.
Aus dieser Perspektive bekommt der Film schon beinahe eine Spur von Arthur Millers Bühnenstück Hexenjagd, das mit Daniel Day-Lewis und Winona Ryder in den Hauptrollen 1996 verfilmt wurde. Insgesamt sollte jedoch nicht vergessen werden, dass ParaNorman trotz aller Intention im Kern ein Jugendfilm bleibt, der vor allem Spaß machen soll. Leider wird dieser durch Logikfehlleistungen in der Geschichte getrübt. Wovon die meisten schlichtweg einer Schludrigkeit geschuldet sind und somit eher vernachlässigbar, eine erweist sich aber als derart ausgeprägt, dass sie streng genommen die grundlegende Geschichte in Frage stellt. Wer bereit ist, über so etwas hinwegzusehen, wird mit diesem Film dennoch eine vergnügliche Kinozeit erleben können.