Im Kleinen spiegelt sich oft das Große. In etwa so lässt sich auch das Leitmotiv des tragikomischen, metaphysischen Krimis Who Killed Marilyn umschreiben. Alles dreht sich um einen ungeklärten Todesfall, vielleicht sogar einen Mord. Und wer könnte geeigneter sein, als ein Krimiautor, dem die Ideen ausgegangen sind und der von Schreibblockade gepeinigt wird, um den dürftigen Spuren nachzugehen, die möglicherweise das Rätsel lösen könnten. Clever gemachte Geschichte, die mit zeitlosem Charme punktet. Etwas mehr Tempo und weniger Erklärungen hätten den Film ganz nach oben aufs Treppchen befördert.
Nach dem von der Presse hoch gehandelten My Week With Marilyn, der sich als "Biopic" lediglich auf eine Woche aus dem Leben der Hollywood-Ikone fokussierte, könnte man meinen, dass nun filmisch noch einmal ihr mysteriöser Tod aufgearbeitet werden soll. Dabei ist dies bereits in einer Vielzahl Dokumentationen geschehen - vergleichbar denen um den Mord an dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy - ohne letztendliche Erhellung ins Dunkel bringen zu können. Im Mittelpunkt von Who Killed Marilyn steht der überraschende Tod eines kleinstädtischen Starlets mit großen Ambitionen, dass in seinem Leben in die gleichen Fallen stolperte wie die große Film-Diva.
Der Krimiautor Rousseau wird in die Provinz gerufen. Der Weg führt ihn in das Hinterwäldlerkaff Mouthe, das allenfalls wegen seines Käses und seiner extrem harten Winter berühmt ist. Sein wohlhabender Onkel, der dort lebte, ist kürzlich verstorben und hat ihn in seinem Testament bedacht. Rousseaus Hoffnungen auf ein kleines Vermögen werden aber bald zerschlagen. Einen Grund, länger in der saukalten, zugeschneiten Einöde zu verbringen, hat er somit nicht. Als er aber erfährt, dass die Leiche der Dorfschönheit Candice Lecoeur gefunden wurde, wittert er eine Story.
Auf eigene Faust beginnt Rousseau mit Ermittlungen, obwohl die Behörden den Todesfall schnell als Selbstmord deklarieren und zu den Akten legen. Rousseau überzeugt das nicht. Um an Informationen zu gelangen, scheut er dabei nicht einmal vor Einbruch in die Wohnung der ums Leben gekommenen zurück. Das macht er gleich derart ungeschickt, dass er sich kurz darauf auf der Polizeiwache wiederfindet. Der zuständige Dorf-Oberbulle legt wenig Verständnis für Rousseaus Treiben an den Tag. Dieser ermittelt aber - ungeachtet möglicher juristischer Konsequenzen - weiter. Und tatsächlich, langsam zeichnen die Indizien ein anderes Bild über den vermeintlichen Selbstmord. Überdies glaubt Rousseau noch ein Muster von geradezu metaphysischer Tragweite im Geschehen gefunden zu haben.
In bester Twin Peaks-Manier, mit reduzierter Tonalität und beinahe lakonischem Erzählstil, entsteht eine Geschichte im Mikrokosmos der französischen Provinz, die stark mit dem Schicksal der Monroe verwoben wird. Dabei unternimmt der Film - und das lässt sich ihm durchaus ankreiden - gar nicht erst den Versuch, das durch die Blume zu vermitteln. Das Publikum wird geradezu mit der Nase darauf gestoßen. Und wenn das nicht reicht, wird alles im Dialog haarklein noch einmal aufgeschlüsselt. Dazu gesellt sich immer wieder die Stimme der Toten aus dem Off, die aus Tagebucheinträgen über ihre Vergangenheit berichtet oder sogar als "transzendentes Mittel", das Geschehen im Hier-und-Jetzt kommentiert. Letzteres erzeugt dann doch Irritationen, wobei das letztlich dafür herhalten muss, auch noch ein übersinnliches Band zwischen dem nach der Wahrheit suchenden Schriftsteller und der Toten herzustellen, obschon sich beide zu Lebzeiten nie begegneten. Das mutet schon zuviel des Guten an.
Höchstnoten verdient sich der Film allerdings durch seine zeitlose Wirkung. Sieht man einmal von einem sporadisch aus der Tasche gezogenen Smart-Phone ab, erinnert nichts an die zweite Dekade des 21. Jahrhunderts. Die Handlung könnte ebenso in den 1960ern angesiedelt sein und somit den Bezug zur echten Marilyn unmittelbarer gestalten. Die grundsätzliche Atmosphäre ummantelt gezielt dieses Element, wird allerdings etwas durch die Inhaltsarmut der Geschichte strapaziert. Phasenweise nötigt Who Killed Marilyn Geduld ab, was aber die Gesamtwirkung nicht zunichte macht. Im Résumé bleibt somit ein intelligent gemachter Mystery-Krimi, mit einer Portion makaberer Komik unterlegt, dem an einigen Stellen etwas weniger und an anderen etwas mehr gut getan hätte. Allein aber schon wegen der Idee und dem Charme der Geschichte, lässt sich eine Empfehlung formulieren.