Es gibt Filme, an denen der Abspann das Highlight darstellt - Hauptsächlich weil er das Ende des Films markiert. Der Film von Leos Carax ist einer davon. Carax verweigert sich jeder konventionellen Erzählstruktur und bietet einen wilden Bilderrausch. Dies ist anfangs zwar noch durchaus interessant, allerdings lässt das Interesse nach spätestens der ersten halben Stunde nach. Was dann bleibt, ist eine 115 Minuten dauernde wirre und absurde Handlung, die sich bewusst einer Erklärung verweigert.
In der Philosophie gilt, dass der Inhalt der Form stets überlegen ist. Bei der Filmströmung des Cinéma du look gilt diese Ansicht allerdings nicht. Das Cinéma du look, wie es der französische Kritiker Raphael Bassan bezeichnete, stellt den visuellen Stil über den Inhalt, und die Schaulust und Spektakel über die Handlung. Neben Jean-Jacques Beineix und Luc Besson war es vor allem Leos Carax, welcher dieser Stilrichtung mit Filmen wie Boy Meets Girl oder im Besonderen mit Die Liebenden von Pont-Neuf seinen Stempel aufdrückte. Nun meldet sich der Meister mit Holy Motors 13 Jahre nach seinem letzten Werk Pola X auf der Leinwand zurück.
Und im Gegensatz zu seinem einstigen Weggefährten Luc Besson (Arthur und die Minimoys 3 - Die große Entscheidung), der mittlerweile restlos im Bereich des Mainstreamkinos angekommen zu sein scheint, ist Leos Carax seinem Stil auch nach gut 13 Jahren Leinwandabstinenz treu geblieben. Denn auch in seinem neuesten Werk interessiert er sich nicht im geringsten für eine konventionelle Filmhandlung und versucht konsequent, den Zuschauer zu irritieren: Im Mittelpunkt des Films steht der geheimnisvolle Monsieur Oscar (Denis Lavant), der von seiner Chauffeurin Céline (Edith Scob) quer durch Paris gefahren wird und dabei einem ominösen Dossier folgend in verschiedene Rollen beziehungsweise verschiedene Leben schlüpft.
Eine wirkliche Auflösung oder Erklärung, warum Monsieur Oscar dies tut, gibt es nicht. Auch stehen die Episoden in keinerlei Sinnzusammenhang oder wirken wenigstens homogen. Daher ist die wohl einzig mögliche Beschreibung der Handlung die Feststellung, dass Carax sich ungefähr zwei Stunden damit begnügt, absurde und teils recht surreale Szenen aneinander zu reihen, die einzig und allein auf die Schauwerte abzielen. Doch so ganz will dies einfach nicht funktionieren. Der Grund dafür ist, dass Carax versucht, mit Mitteln zu irritieren und zu schockieren, die heute derart abgehalftert wirken, dass sie niemanden mehr hinter dem Ofen hervor locken. So wirkt Holy Motors die gesamte Zeit über nicht anders als wie eine Zusammenstellung irgendwelcher YouTube-Clips, wie man sie in TV-Shows wie Rude Tube zu sehen bekommt.
Hauptdarsteller Denis Lavant (My Little Princess) kann man hingegen nur mit Lob überschütten. Lavant, der den Film im Grunde allein trägt, schlüpft hier in unzählige Kostüme und Rollen und gibt dabei eigentlich jedes Mal eine mehr als gute Figur ab. Der restliche Cast um die bekannten Gesichter Edith Scob (Die wiedergefundene Zeit), Eva Mendes (Fast & Furious Five), Kylie Minogue (Jack and Diane) und Michel Piccoli (Habemus Papam - Ein Papst büxt aus) sind weitgehend als werbewirksame Namen für das Filmplakat zuständig und haben nur wenige Minuten Screentime, in denen sie weitgehend Stichwortgeber für Denis Lavant bleiben.
Am Ende ist Holy Motors nicht das von Leos Carax selbst erwartete Meisterwerk geworden. Dies liegt zu einem großen Teil daran, dass der Bilderrausch nicht wirklich die kompromisslose, fesselnde Wirkung entfaltet, auf welche Carax offenbar abzielte. Zwar sind die Bilder die meiste Zeit über schön anzusehen und die weitgehend surrealen Sequenzen haben einen gewissen Charme - teils sogar den Anflug von gelungenem Humor, aber dennoch wirkt das Ganze wie ein wahllos aneinandergereihter Mischmasch verschiedener Filmideen, der offenbar gerne schockierend und kompromisslos wäre, allerdings weitgehend langweilt.