Nietzsche sagte einst: "Die Mutter der Ausschweifung ist nicht die Freude, sondern die Freudlosigkeit". In Vera Chytilovas surrealistischem Kunstwerk der Nova Vlna haben die zwei Protagonistinnen das wohl nicht mitbekommen. Sie schlemmen und schlawinern sich durch den Alltag - zur Selbstunterhaltung und der ihrer Zuschauer.
Wenn man will, könnte man von der Jugend als der verlorenen Generation sprechen. Ziel- und orientierungslos lebt sie von ihrer Umwelt unverstanden in den Tag hinein. "Niemand versteht irgendwas", klagt die brünette Marie. "Niemand versteht uns", fügt ihre gleichnamige, aber rothaarige Freundin hinzu. Ohne Antrieb sitzen sie in einem Schwimmbad, Abhilfe schafft erst die Erkenntnis: "Alles auf dieser Welt ist verdorben". Und wenn alles verdorben ist, so beschließen die Mädchen, dann sind sie fortan eben auch verdorben.
Gesagt, getan. Im Folgenden betrinken sich die zwei während einer Variety-Show, lassen sich von alten Männern aushalten, beklauen eine Toilettenfrau, spielen mit den Gefühlen eines Verehrers, zündeln ihre Wohnung an und nehmen letztlich ein ganzes Bankett auseinander. "Man sollte alles mal versuchen", versichern die "Gören" dabei unisono. Das Schema ihres Handelns ist, dass kein Schema vorhanden zu sein scheint. Außer vielleicht, dass der Langeweile getrotzt werden muss. Und wenn diese zu groß wird, muss sie katalysiert werden.
Zum Beispiel, wenn das Telefon klingelt und Marie 2 dem Anrufer ein herzliches "Stirb! Stirb! Stirb!" entgegenkichert. Und als den Mädchen ein Bauer während eines Ausflugs auf das Land keine Aufmerksamkeit schenkt, klauen sie ihm kurzerhand einige Maiskolben und zerfleddern diese auf den Straßen der naheliegenden Stadt. Sind die Damen mal nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, wirkt dies sogleich wie die Ruhe vor dem nächsten Sturm. In einem solchen zerschneiden sich die Mädchen erst selbst und dann schließlich sogar den Film.
In Tausendschönchen ist die Handlung nur Mittel zum Zweck für Chytilovas experimentelle Spielereien. Diese sind ein audiovisuelles Vergnügen, wenn die Tschechin mit Bildcollagen spielt, die Tonsegmente wie das Klingeln der Tür überlagern, Bewegungen der zwei Maries mit Tönen belegt wie ein Scharnierquietschen im Prolog oder schlicht ein Stakkato von Farbfilterwechseln auf den Zuschauer loslässt. Das Visuelle spielt im Film somit noch eine größere Rolle und setzt sich zugleich in der Farbgebung der Mise-en-scène fort.
Speziell in der Kostümgestaltung von Cerhova und Karbanova drückt sich dies aus, die meist in gegensätzlichen Farben gekleidet werden. Das eine Mädchen trägt weiß, das andere schwarz, gerne auch mal mit den Farben der anderen punktiert. Später dann lehnt sich Marie 1 in blauem Kleid vor eine grüne Tür, ihr gegenüber Marie 2 im grünen Kleid vor blauer Tür. Dabei sind die Mädchen nicht zwingend als Yin und Yang zueinander zu verstehen, auch wenn sie sich oft ergänzen und in ihrer "Verdorbenheit" miteinander in Konkurrenz befinden.
Zwei Jahre vor dem Prager Frühling entstanden und in Zeiten der CSSR verboten, ist in Tausendschönchen sicherlich auch ein Maß an Systemkritik identifizierbar. Dennoch ist Vera Chytilovas experimenteller Spielfilm, der als Hauptwerk der Nova Vlna, der Tschechischen Neuen Welle der 1960er Jahre, gilt, wohl zuvorderst ein Spiel mit Elementen des Surrealismus und Dadaismus. Dass es der Film nun dank dem Label Bildstörung endlich auch zu einer deutschen Veröffentlichung gebracht hat - mit einem exzellenten HD-Transfer der Blu-ray -, ist umso verdienstvoller. Irgendjemand hat also doch etwas verstanden.