Agent Bryan Mills wird von seinen Taten aus der jüngsten Vergangenheit eingeholt. Als er seine Tochter aus den Fängen albanischer Mädchenhändler befreite, hinterließ er eine Spur der Gewalt und darüber hinaus auch reichlich Leichen. Der Vater einer dieser getöteten Männer sinnt nun auf Rache und trachtet Mills nach dem Leben. Dabei geraten auch seine Ex-Frau und seine Tochter in die Schusslinie. Eine neue atemlose Hatz wie im Vorgänger bleibt diesmal leider aus. Trotz ausreichend Action wirkt die Inszenierung insgesamt reichlich lieb- wie leblos. Zudem klaffen eklatante Logiklücken, die den Spaß immer wieder verderben. Hier wurde eindeutig zu schnell produziert, des reinen Kommerzes Willen.
Der gebürtiger Ire, Liam Neeson, kann mit seinen runden 60 Jahren inzwischen auf eine durchaus ansehnliche Karriere als Schauspieler zurückblicken. Dabei machte er, ob Charakter- oder Actionrolle, meist eine gute Figur. Erst vor wenigen Jahren spielte er beispielsweise in 96 Hours den Ex-Agenten Bryan Mills, der einen albanischen Mädchenhändlerring tüchtig aufmischte, nachdem seine Tochter während eines Paris-Aufenthaltes von diesem entführt worden war. In bester Bourne-Manier schoss und prügelte er sich dabei derart konsequent durch die Stadt, dass es das Actionherz des Cineasten freudig höher schlagen ließ. Dass die Story dabei im Grunde dünn wie Seidenpapier war, störte kaum, derart straight war der Streifen inszeniert.
Offensichtlich hat er bei seiner Reinemachetour damals einige Fieslinge übersehen. Anderthalb Jahre später sinnt der Vater einer der Männer, die von Mills getötet wurden, auf Rache. Am Grab seines Sohnes, auf einem Friedhof mitten in den albanischen Bergen, schwört er, dass er nicht eher ruhen werde, bis die Erde zu seinen Füßen mit Mills' Blut getränkt sein wird. Zufälligerweise verbringt Mills gemeinsam mit seiner Ex-Frau Lenore (Famke Janssen) und Tochter Kim (Maggie Grace) nach einem lockeren Bodyguard-Job gerade ein paar Urlaubstage in Istanbul. Und da es in Hollywoodfilmen geografisch möglich ist, aus Albanien (ignoriert man einmal die Existenz von Mazedonien, Bulgarien und Griechenland) unmittelbar über die türkische Grenze zu setzen, sind die Bösewichter natürlich auch gleich zur Stelle. Wenig später befinden sich Mills und seine Ex-Frau auch schon in den Händen der Albaner und Tochter Kim muss nun ihren Eltern zur Hilfe kommen.
Es sei an dieser Stelle aber kein Geheimnis gelüftet, wenn man verrät, dass das liebe Töchterlein ihrem Vater alsbald zur Flucht verhelfen kann. Was wäre das auch für ein Film, wenn statt Liam Neeson die Filmtochter eine kleine Armee schwer bewaffneter Verbrecher hätte eliminieren müssten? Keine Sorge also, Neeson darf mit Knarre und Handkante abermals den Bösewichtern die Grenzen aufzeigen. Wer sich aber einen Unterhaltungswert wie beim Vorgänger erhofft, könnte diesmal reichlich enttäuscht werden. Im Prinzip hat sich zwar nicht viel geändert, doch vieles Unvollkommene, was bei 96 Hours noch getrost übersehen werden durfte, fällt nun deutlich negativ ins Gewicht.
Bereits der Einstieg in die Geschichte erweist sich als reichlich zäh. Statt für Atmosphäre und Tempo zu sorgen, macht der Streifen auf Familienfilm. Mills darf sich anstelle übellauniger Albaner damit rumplagen, dass sich seine Tochter beim Versuch, den Autoführerschein zu erwerben, nicht allzu geschickt anstellt. Darüber hinaus hat sie auch noch einen Freund, den sie vor ihm verheimlicht, was dem Herren Ex-Agent gar nicht passt. Zuletzt ist dann auch noch seine Ex-Frau gerade von ihrem reichen Lebensgefährten verlassen worden und benötigt menschliche Zuwendung. Der Actionfreund macht also erst mal ausgiebig Bekanntschaft mit den familiären Problemen der Ex-Eheleute Mills, während er darauf wartet, dass die Adrenalinachterbahn endlich Fahrt aufnimmt.
Was ihm in der Folge aber serviert wird, vermag kaum zu überzeugen. Und das liegt mitunter weniger an dem Wechsel auf dem Regieposten - Pierre Morel (From Paris with Love) wurde durch Olivier Megaton (Colombiana) ersetzt - als durch eine fragwürdige Weichspülkur, die dem Film augenscheinlich verordnet wurde. Verglichen mit seinem Vorgänger wirkt 96 Hours - Taken 2 geradezu wie eine Light-Fassung (wobei es sich auf die FSK-Freigabe nicht auswirkte). Trotzdem vermag dieses Sequel kaum genug Spannung oder Atemlosigkeit zu erzeugen, um sich als echter Actioner zu empfehlen. Erst zum Ende hin liefert der Film ein paar knackigere Duelle, allerdings viel zu spät, als dass er damit für die Zeit davor zu entschädigen vermag.
Fast noch schlimmer erweist sich aber der hanebüchene Plot, über dessen Ungereimtheiten und Logiklöcher man selbst mit zwei zugedrückten Augen beinahe unausweichlich stolpern muss. Wer beispielsweise vermeint, es wäre in einer Stadt wie Istanbul möglich, ohne sich wirklich auszukennen aufs Geratewohl durch die Gegend zu latschen und man würde zufällig an jenem "verdächtig erscheinenden Haus" vorbeikommen, das sich dann auch noch als der Unterschlupf der Verbrecher herausstellt, dem ist kaum mehr zu helfen. Angesichts dessen spielen die im Film herangezogenen Klischees über das anatolische Leben schon fast gar keine Rolle mehr.
Nach der hohen Erwartungshaltung, die der erste Teil schürte, sinkt die Laune mit der Fortsetzung nun merklich. Dabei ist das Schema des Films im Grunde ähnlich, doch Schnitt, Timing und eine Naivität der Wendungen, die schon an Beleidigung des Intellekts heranreicht, machen vieles zunichte. Vom beinahe schon lächerlich anmutenden Versuch, Dramaqualitäten in die Geschichte zu befördern, ganz abgesehen. Offensichtlich ging es bei dieser Fortsetzung allen beteiligten hauptsächlich darum, die Kuh komplett auszuwringen. Wer das nicht unbedingt honorieren mag und obendrein das Risiko eingehen will, sich im Nachhinein über die Euros zu ärgern, die er für 96 Hours - Taken 2 an der Kinokasse hinblättern musste, wartet lieber auf das Erscheinen der Silberscheibe.