Selbstironische Comic-Filme sind so 1995. Längst wurde über die damaligen Vertreter wie Judge Dredd der Deckmantel des Schweigens gehüllt. Nun, 17 Jahre später, war es Zeit für eine neue Adaption. Edgy statt campy sollte es sein und ernst und düster genug, damit zum Lachen in den Keller gegangen wird. All das ist der Film von Pete Travis, allen voran jedoch ein kurzweiliger und überzeugender Action-Film.
Für hartgesottene Comic-Fans ist das Filmjahr 1995 vermutlich nicht existent. Zu grausam dürften die Erinnerungen an Joel Schumachers Batman Forever und Danny Cannons Judge Dredd sein. Extrem campy Comicverfilmungen alteingesessener und geliebter Figuren. Schrill, schräg und völlig überdreht. Während der Fledermausmann mit Batnippeln daherkam, lief der faschistische Straßenrichter Judge Dredd mit Rob Schneider als Sidekick und ohne Helm (!) in einer Uniform durch die Straße, die von Versace entworfen wurde. Über Judge Dredd wurde alsbald der Deckmantel des Schweigens gehüllt.
Zu Unrecht, das muss an dieser Stelle mal gesagt werden. Mitte der 1990er lag ein anderes Verständnis von Comic-Filmen vor, die bunt und unterhaltsam sein sollten. Eine utopische Zeit vor den bierernsten und langweiligen Ansätzen eines Christopher Nolan. Dabei hat der Film von 1995 durchaus einiges mit den Comics gemein - und doch auch wieder nicht. Als trashige Version mit viel Sinn für Selbstironie eignet er sich aber allemal. Angesichts der Renaissance des Comic-Genres und dem pseudo-seriösen Einfluss von Nolans Batman auf dieses, war es absehbar, dass auch Judge Dredd nochmals durch Mega City One streifen würde.
Autor Alex Garland (28 Days Later, Sunshine) nahm sich der Figur an und versprach den Fanboys einen Fanboy-Ansatz. Allen voran, dass Dredd seinen Helm aufbehält. Und so verfolgt das Publikum in Dredd nun das Kinn von Karl Urban, wie es sich in eine Handlung begibt, die durch das vorherige Release des thematisch nicht unähnlichen The Raid bereits altbacken daherkommt. Hie wie da kämpft sich der Held durch mehrere Stockwerke eines Apartmentkomplexes voller Bösewichte. Im Grunde sind beide Filme jedoch nur Langversionen jener legendären Single-Take-Kampfszene aus Revenge of the Warrior. Und auch wenn Dredd das Rad nicht neu erfindet, macht er Spaß.
Das liegt jedoch weniger an dem nunmehrigen bierernsten Ansatz der Figur, die von Urban so rudimentär wie möglich - oder nötig - gespielt wird. Das Szenario selbst ist es, das Laune macht. Dredd ist eigentlich weniger eine Comic- denn eine Videospielverfilmung, in der es für den Protagonisten gilt, von einem Set-Piece zum nächsten zu gelangen. Oder im Fall des Films sprichwörtlich: von einem Level zum nächsten. Das Endresultat ist dann zwar weniger actionreich als man angesichts der Prämisse erwarten würde, die Welle an Gegnern ebbt immer mal wieder zum Luftholen ab, und auch einige Ansätze werden nicht vollends zu Ende verfolgt, aber Fans wie Nicht-Fans der 2000 AD-Figur werden hier gut unterhalten.
Man kommt aber nicht umhin, aufgrund des Potenzials mehrfach die Blaupausen einer etwas besseren Adaption zu sehen. So wird die den Film einleitende Szenedroge Slo-Mo, mit der das Gehirn seine Umwelt in Zeitlupengeschwindigkeit wahrnimmt, unzureichend eingesetzt. Zwar nutzt Pete Travis das Gimmick, um während einer Razzia-Szene zwischen der Realität und Slo-Mo hin- und herzuwechseln, aber richtig zu Ende gedacht werden auch diese Szenen nie. Im Gegenteil, eine der wenigen Slo-Mo-Szenen zeigt uns lediglich die Antagonisten beim Baden. Mit der Antagonistin bewegt sich der Film ebenfalls auf dünnem Eis. Von Lena Headey zwar überzeugend gespielt, ist auch ihre Figur nicht konsequent genug ausgearbeitet.
Ihr Hintergrund will nicht so ganz erklären, wie sie sich einen ganzen Wohnkomplex - der in der Welt von Dredd quasi ein Stadtviertel einnimmt - unter den Nagel gerissen hat. Auch die Beweggründe für den entfachten Krieg gegen Dredd geraten reichlich schwammig und unausgegoren. Letztlich handelt es sich hierbei zuvorderst aber um einen Action-Film, in dem die Charaktere weniger ausgereift sein müssen als wiederum in einem Charakter-Drama. Die Handlung, so simpel sie ist, überzeugt vermutlich gerade wegen ihrer Einfachheit. Das Ensemble spielt seinen Part, die Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle ordnet sich der Idee des Films und seiner Szenerie unter, und die Musik trägt ihren Teil zum Ganzen bei.
Somit kann das Ergebnis als gut erachtet werden, wenn auch im direkten Vergleich Judge Dredd durch seine Unernsthaftigkeit gegenüber Dredd der etwas vergnüglichere Film ist. Ohne dass Pete Travis' Adaption dabei weniger unterhaltsam wäre. Wie man es dreht und wendet, am Ende ist es jedenfalls erfreulich, Judge Dredd wieder in Mega City One zu sehen - mit oder ohne Helm. Die Fanboys jedenfalls werden sich an diesem Detail freuen.